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Investor droht mit Abriss

„Schwarzer Bär“ Investor droht mit Abriss

Die Sanierung des berühmten Gasthauses „Zum schwarzen Bären“ in der Kurzen Straße steht auf der Kippe. Schlimmstenfalls droht dem herausragenden Göttinger Baudenkmal der Abriss.

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Quelle: Archiv

Göttingen. Besitzer des „Schwarzen Bären“ ist seit 2013 Henning Hauschild, der bereits andere heruntergekommene historische Häuser in der Kernstadt saniert hat. Hauschild wollte das geschichtsträchtige, aber innen mehrfach umgestaltete Gebäude so weit wie rechtlich möglich wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen und hatte dazu bei der Stadt einen Bauantrag gestellt.

Nachdem die Stadt den Antrag vor allem aus Gründen mangelhafter Statik abgelehnte, hatte Hauschild noch Anfang Mai erklärt, er hoffe nach einem Gespräch mit der Stadt doch noch auf die Erteilung der Genehmigung. Schließlich habe er die bisherige Entkernung des Gebäudes in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege der Stadt vorgenommen. Ihm sei bewusst, erklärte Hauschild, dass der Kompromiss unter anderem zwischen Statik, Denkmalpflege und Brandschutz äußerst schwierig sei und die historische Bauweise sich mit den modernen Vorschriften nur sehr schwer in Einklang bringen lasse. Falls die Baugenehmigung dennoch erteilt werde, könne er mit dem Umbau kurzfristig beginnen und „innerhalb der nächsten 24 Monate“ abschließen.

Doch danach sieht es derzeit überhaupt nicht aus. Zwar habe der Bauherr beim jüngsten Treffen mit der Stadtverwaltung einen geänderten Bauantrag angekündigt, erklärt Verwaltungssprecher Detlef Johannson, aber: „Dieser Bauantrag ist bislang nicht eingegangen.“

Wird er wohl auch nicht, meint Hauschild. Der erste Bauantrag habe ihn 60000 Euro gekostet, ein zweiter würde noch einmal 50000 Euro kosten. Seine Berater und eine Maklerin hätten ihm bedeutet, dass sich das Projekt unter diesen Umständen nicht lohne.

Daher habe er sich dafür entschieden, das Gebäude im Sinne des Bestandsschutzes in seinen Ursprungszustand zu versetzen und vorhandene Schäden zu reparieren, nicht aber, das Gebäude für eine neue Nutzung umzubauen und vorzubereiten. Hauschilds Bedingung dafür: Die bisherigen bau- und nutzungsrechtlichen Bedingungen müssten „eins zu eins“ und „genauso wie in den letzten 400 Jahren“ erhalten bleiben. Danach „werde ich an dem Haus überhaupt nichts mehr machen“. Hauschilds Fazit: „Ich habe im ,Schwarzen Bären' schon genug Geld beerdigt. Ich werfe keinen Euro den schlechten hinterher. Jetzt soll sich auch die Stadt mal bewegen.“

Prachtbau mit Geschichte

Das Gasthaus „zum schwarzen Bären“ an der Kurzen Straße wurde als Prachtbau der Renaissance um 1580 errichtet. Es ist eines der ältesten Gasthäuser Deutschlands und wurde in dieser Eigenschaft urkundlich erstmals 1637 erwähnt. Das Gebäude hat eine bewegte Geschichte: Der sagenumwobene Doktor Eisenbarth schrieb dort 1727 sein Testament.

Zwischen 1857 und 1872 tagte dort der Bären-Klub, ein Zusammenschluss jüngerer Göttinger Gelehrter. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zählte unter anderem der Atomwissenschaftler Otto Hahn zu den Stammgästen im „Schwarzen Bär“. Dort genoss er nicht selten den von ihm erfundenen „Otto-Hahn-Cocktail“: Whisky, am besten irischen Ursprungs, zu gleichen Teilen mit Sherry, serviert im angewärmten Cognac-Glas.

2002 wurde unter dem Gasthaus ein Gewölbekeller aus dem 14. Jahrhundert entdeckt. 24 Jahre lang, bis 2011, war das Ehepaar Buhtz Pächter des Gasthauses. Dann verkaufte die Einbecker Brauhaus AG, seit den 20er-Jahren Besitzerin des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes, dieses an den Kaufmann Helmut Turck. Der Käufer starb jedoch, bevor er seine Pläne umsetzen konnte. Dann erwarb Henning Hauschild die Immobilie.

Ein weiteres Problem: Der alte Bestandsschutz für den „Schwarzen Bär“ ist erloschen. Ob sich die Stadt auf eine Wiedereinsetzung in den alten Stand einlässt, ist eher zweifelhaft.

Aber es könnte für die Göttinger Repräsentationsimmobilie noch viel schlimmer kommen. Dann nämlich, wenn sich die Stadt dafür entscheiden sollte, für die Stockleff-Mühle eine Genehmigung zum Abriss oder zum Teilabriss zu erteilen. Der auch „Große Mühle“ genannte Bau am Leinekanal gehört der Städtischen Wohnungsbau und ist in großen Teil marode. Die Städtische Wohnungsbau will nur die Westfassade und den Dachstuhl erhalten, wogegen sich die Denkmalpflege der Stadt bislang sperrt.

Sollte sich das jedoch ändern und die Stadtverwaltung einen Abriss von Teilen der Stockleffmühle zulassen, werde das Konsequenzen für den „Schwarzen Bären“ haben, droht Hauschild: „Dann werde ich auf Gleichbehandlung bestehen“, erklärt der Investor. „Und das heißt, ich werde eine Abrissgenehmigung für den ,Schwarzen Bären' beantragen.“

Kommentar: Unheilvolle Rolle

Von Matthias Heinzel

Mehr als 400 Jahre hat der Prachtbau an der Kurzen Straße überlebt. Dass es dem „Schwarzen Bären“ jetzt an den Kragen gehen könnte, hat eine lange und komplizierte Vorgeschichte, in der mehrere Faktoren eine unheilvolle Rolle spielen.

Zum einen hat man sich lange Zeit wenig um Denkmalschutz geschert mit der Folge, dass das Innere des „Schwarzen Bären“ mehrfach ohne (bau-)historischen Sachverstand umgebaut wurde. Zum anderen haben die Akteure in den 1970er und 1980er Jahren, als Denkmalschutz konsequent forciert wurde, noch nicht die Standards angesetzt und über die Kenntnisse verfügt, die heutzutage Grundlage der Arbeit der Denkmalpflege sind. Auch das hat Auswirkungen auf Sanierungen und Umbauten gehabt.

Des weiteren sind Standards weiter ausgearbeitet und verschärft worden, was seinen Niederschlag in den entsprechenden Bestimmungen der Bundesrepublik und der Europäischen Union gefunden hat. Die Folge: Ebendiese Bestimmungen werden jetzt regelmäßig auf Gebäude angewendet, die zuvor in denkmalschützerischer Sichtweise verhunzt wurden. Manchmal ein Ding der Unmöglichkeit, der „Schwarze Bär“ ist nur ein Beispiel dafür. Und ein konsequentes Zurückgehen auf die historische, also ursprüngliche Bauweise ist entweder gar nicht mehr möglich oder so aufwendig, dass es unter wirtschaftlichen Aspekten untragbar wird.

Letzlich sieht sich jede Kommune mit einem alten und intakten historischen Stadtbild derartigen Problemen ausgesetzt. Deren Lösung kann und darf nicht sein, dass aller Zwang und Widerstreit nur den Abriss als einzige Möglichkeit zulassen.

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