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„Schwul, pervers und arbeitsscheu“

Thema des Tages „Schwul, pervers und arbeitsscheu“

Politische Korrektheit, so klärt Wikipedia auf, ist ein prägnantes Schlagwort im Kontext der vorhandenen gesellschaftlichen Tendenz, Interessen von Minderheiten stärker zu vertreten sowie Diskriminierung insbesondere im Sprachgebrauch zu vermeiden, die in der Vergangenheit akzeptiert oder schlicht unerkannt war. Kritiker dieser Haltung protestieren, entweder um am Gewohnten festzuhalten, oder um auf Übertreibungen bei der Vermeidung als negativ empfundener Begriffe hinzuweisen, oder, weil durch zu viel Rücksichtnahme die Äußerung von Fakten oder Wahrheiten unterdrückt würde. Eine kleine Bestandsaufnahme in der Region.

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Mit aufwändigen Kostümierungen sorgen Teilnehmer des Christopher Street Day in Hannover für bunte Laune.

Quelle: Finn

Nur wenige Jahrzehnte ist es her, dass „schwul“ als ausgesprochen derbes Schimpfwort verwendet wurde.  „Aneignung“ nennt Rainer Marbach, Jahrgang 1944 und heute Vorstandsmitglied der Stiftung Akademie Waldschlösschen, dass was Homosexuelle mit der Bezeichnung anstellten – sie verwendeten sie offensiv: „schwul, pervers und arbeitsscheu“. Die Akademie Waldschlösschen, zwischen Reinhausen und Bremke gelegen, ist ein von Marbach und Ulli Klaum 1981 gegründetes Tagungshaus, mit Wurzeln in der Schwulenbewegung. Hier wurden Seminare für Menschen  angeboten, die gleichgeschlechtliche Partner bevorzugen.

Deutlich unübersichtlicher als früher

Doch die Lage ist nach dreieinhalb Jahrzehnten deutlich unübersichtlicher geworden, was sich auch in der Sprache niederschlägt. Gegründet als „schwule Volkshochschule“, hat sich die Akademie Waldschlösschen, wie sie seit 2000 heißt, „zum bundesweiten Zentrum der Begegnung, Vernetzung und Qualifizierung emanzipativer LSBT*I-Arbeit entwickelt (z.B. von Lehrer_innen, Jurist_innen, Theolog_innen, schwulen Vätern und schwulen, schwullesbischen und queeren AStA-Referaten der deutschen Hochschulen sowie Trans*Aktiv und in Zusammenarbeit mit Intersexuelle Menschen e.V.)“, so eine Selbstbeschreibung – viele Abkürzungen, viele Sternchen, viele „innen“ tauchen im politisch korrekten Sprachgebrauch auf. LSBT beispielsweise steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender.

Vor der Akademie Waldschlösschen: Daria Majewski, Ulli Klaum und Rainer Marbach (v.l.). Theodoro da Silva

Vor der Akademie Waldschlösschen: Daria Majewski, Ulli Klaum und Rainer Marbach (v.l.). Theodoro da Silva

Quelle:

Daria Majewski hat im Waldschlösschen gerade ihre Arbeit als Projektkoordinatorin des fünfjährigen Modellprojektes „Akzeptanz für Vielfalt – gegen Homo-, Trans*- und Inter*feindlichkeit“ im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ aufgenommen. Marbach erläutert: „Homo-, Trans*- und Inter*feindlichkeit ist in der Gesellschaft nach wie vor strukturell vorhanden – in jüngster zeit auch kampagneartig von rechtskonservativen kreisen verstärkt. Daher ist auf lokaler Ebene und in öffentlicher Verantwortung eine Auseinandersetzung mit diesem Phänomen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit notwendig.“ Wieder viele Sternchen, die auf sprachliche Ungenauigkeiten beim Beschreiben menschlicher Orientierung verweisen und zu kaum aussprechbaren Wortungetümen führen. Schlagend hat Majewski zusammengefasst, wie das Problem angegangen werden könnte: „Jeder sollte so angesprochen werden, wie er angesprochen werden möchte.“ Und für die Frage nach der politisch korrekten Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hauptfarbe hat sie ein Rechercheergebnis parat: Derzeit korrekt sei die Abkürzung PoC, was für Person of Colour steht – die in erster Linie also nicht farbig sind, sondern Person, also Menschen.

Geht gar nicht

Eine Liste der Grausamkeiten, teils historisch, teils aktuell:

  • Das Wort ausmerzen, radikal entfernen also, besitzt nationalsozialistische Vergangenheit.
  • Der Türkenkoffer ist eine Plastiktüte.
  • Der billige Jacob geht zurück auf diskriminierende Bezeichnung für jüdische Händler
  • Aus der Putzfrau wird die Raumpflegerin oder gar Raumkosmetikerin, aus dem Toilettenmann der facility manager.
  • Kinder sind nicht verhaltenauffällig, sondern verhaltenskreativ. Und Behinderte wurden zu Menschen mit Handicap, inzwischen unter Umständen aber auch zu „Herausgeforderten“ wie der Blinde, der optisch herausgefordert ist.
  • Um Männer und Frauen gleichberechtigt zusammenzufassen soll eine sogenannte Binnenmajuskel verwendet werden, beispielsweise das große I in ArbeiterInnen. Oder gleich die geschlechtsneutrale Form Arbeitende.
  • Das hat die Theaterautorin Rebekka richeldorf in ihrer Auftragsarbeit „Homo Empathicus“ für das Deutsche Theater perfekt durchgehalten und infrage gestellt.
  • Fans im Fußballstadion warfen mit Bananen nach dem damaligen Bayern-Torhüter Oliver Kahn und machten Affengeräusche, wenn der schwarze Fußballspieler Anthony Yeboah für den Hamburger SV auflief.
  • Ein Eskimo heißt heute Inuit, und die Aktion Sorgenkind wurde in Aktion Mensch umbenannt.
  • Ein Homosexueller kann kein bekennender sein, weil er weder Schuld im katholischen Beichtstuhl offenbaren noch einen terroristischen Anschlag zu verantworten hat.
  • Pauschlisierende Bezeichnungen für Angehörige bestimmter Nationalitäten wie Kümmeltürke, kaputt wie 1000 Russen stehen weit oben auf dem Index.
  • Der Asylant ist ein Asylbewerber.
  • Aus dem Zwerg wurde ein Kleinwüchsiger.
  • Und es gibt Überlegungen, historische Texte wie die Märchen der Brüder Grimm zu überarbeiten und verpönte zu entfernen.

Die Liste ist selbstverständlich unvollständig, offen und zeitabhängig. In einem Jahr kann sie schon wieder ganz anders aussehen. pek

 
Cumberbatch und die Hautfarbe
B. Cumberbatch. dpa

B. Cumberbatch. dpa

Quelle:
Benedict Cumberbatch hat sich entschuldigt. Wofür? Der Schauspieler hatte ein Zeichen gegen Rassismus setzen wollen. In einem Gespräch mit einem Fernsehmoderator hatte er erklärt, in den USA gebe es für farbige Schauspieler mehr Möglichkeiten, Jobs zu bekommen, als in Großbritannien. Das müsse sich ändern. Diese Äußerung ließ einen wahren Shitstorm losbrechen. Worüber regten sich die Menschen auf? Nicht etwa über die eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit dunkler Hautfarbe im Reich der Queen. Sie bezichtigten Cumberbatch des Rassismus, weil er das Wort „farbige“ benutzt hatte. pek
 
Atiruj und Miguel Angel
Ulrike Hofmann-Steinmetz. Richter

Ulrike Hofmann-Steinmetz. Richter

Quelle:
Ulrike Hofmann-Steinmetz leitet seit Sommer 2014 das Goethe-Institut Göttingen. Früher unterrichtete sie Deutsch in dem Sprachen- und Kulturinstitut. Vor ihrem Start in Göttingen war sie zuständig für das Besucherprogramm des Goethe-Instituts in Berlin. Sie hat also berufsmäßig viel mit Menschen unterschiedlicher Hautfarben zu tun. Und wie nennt sie sie? „Ich nenne sie Atiruj und Miguel Angel.“ Denn so heißen ihre beiden Adoptivsöhne. Atiruj stammt aus Thailand, Miguel Angel aus Bolivien. Beide haben eine dunklere Hautfarbe als die Eltern.
Probleme habe sie während ihres Berufslebens im Goethe-Institut nie erlebt, sagt Hofmann-Steinmetz und begründet dies mit der besonderen Situation im Goethe-Institut, an dem immer Menschen aus aller Welt als Ausländer nach Deutschland kommen und hier gemeinsam die deutsche Sprache erlernen. Spezielle Vorgaben gibt es nicht im Goethe-Institut. Die ungewöhnliche Ausgangslage mit Menschen unterschiedlicher Hautfärbungen und Schattierungen in einem Klassenraum bringt offenbar die Nähe mit sich, die einen respektvollen Umgang der Studierenden miteinander befördert. pek
 
Im Wandel der Zeit
Es gab Zeiten, da sollten Menschen mit dunkler Hautfarbe Farbige genannt werden. Die Begründung war nachvollziehbar: Haut sei nie komplett schwarz, die Schattierungen reichen von hellbrauner bis tief dunkelbrauner Tönung. Aktuell favorisieren Rassismusgegener die Bezeichnung schwarz. Ihre Begründung fußt auf der Historie. Als „Relikt aus der Kolonialzeit“ brandmarken die Aktivisten des Vereins „Der braune Mob“, eine Vereinigung „schwarzer Deutscher in Medien und Öffentlichkeit“, so die Selbstbeschreibung, gegründet 2001 und damit Deutschlands erste Schwarze Media-watch-Organisation. In den 1950er-Jahren habe der Begriff „Farbige“ das „als eindeutig rassistisch erkannte N-Wort“ abgelöst. Doch sei „der Grad der Abstufung wie schwarz die Hautfarbe einer Person genau ist, für das Verständnis eines nachrichtenrelevanten Hergangs nicht notwendig“, so der Verein. pek
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