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Selbsternanntes Mathe-Genie muss in den Entzug

Kolumne aus dem Amtsgericht Selbsternanntes Mathe-Genie muss in den Entzug

Wenn er betrunken ist, hält er sich für ein Mathe-Genie, einen Experten für Astrophysik und Geographie. Der 32-jährige Hannoveraner mit Mittelschulbildung nennt sich dann „Schizio Edoardo“ und stellt seinen Opfern am Telefon Fragen wie die: „Löse die Aufgabe: Produkt aus der Quersumme – Hauptstadt von Burkina Faso? Löse die Aufgabe!“

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Symbolbild.

Quelle: dpa

Göttingen. Das Problem: Er war zuletzt fast immer betrunken, und die jungen Frauen, deren Telefonnummern er irgendwie ergattert hat, wimmelten ihn ab, wenn er 30, 40, 60 Mal am Tag anrief und erst dummes Zeug fragte, danach in wüste Beschimpfungen verfiel: „Schlampe. Du bist voll hässlich, boah ey, voll hässlich. Missgeburt, Hure, boah, boah, du bist voll doof, voll doof.“

Die Staatsanwältin, die den 32-Jährigen vor dem Schöffengericht Northeim wegen Beleidigung, Bedrohung und Verstoßes gegen Anordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz angeklagt hat, liest sieben Anklagen vor. Eine achte hat sie gerade auf den Richtertisch gelegt, Nummer neun wird demnächst in Göttingen verhandelt, die zehnte ist noch in der Post. Einige handeln auch von Hausfriedensbruch in Bahnhofsgebäuden. Die Stimme der Juristin leiert mit Lust herunter, was eines der bedrohten Opfer mit dem Handy aufgenommen hat und was als wörtliches Zitat Gegenstand der Anklage wurde: der wirre Wortlaut all der kruden Anrufe. Darin Beleidigungen wie diese: „fette Schlampe, hässliche Sau, Panzerrollmine“.

Die so betitelten sind als Zeuginnen erschienen und allesamt freundliche junge Frauen, die durch puren Zufall Opfer wurden und die nach dem Geständnis des Angeklagten dankbar gehen. Der auf den ersten Blick attraktiv wirkende Mann hat sie in Göttingen oder Northeim in der Bahn oder auf dem Bahnhofsvorplatz kennen gelernt und danach telefonisch belästigt. Eine von ihnen hat solche Angst, dass sie sich nur noch zur Arbeit bringen lässt. Eine andere hat gerichtliche Verfügungen erwirkt und ist zur Vorsicht umgezogen, um ihm nicht zu begegnen.
In den mitgeschnittenen Telefonaten spottet der vielfach Vorbestrafte auch darüber, was passiert, wenn man ihn verurteilt: „Ha, das sind deine Steuergelder, dein Geld, damit ich ein schönes warmes Bettdeckchen habe, schön flauschig.“ Er meint den Maßregelvollzug, der ihn jetzt erwartet. Seine Unterbringung in einer Entzugsanstalt ist so gut wie sicher, ja vom Gericht angekündigt, wenn er gesteht. Und er gesteht – er sei krank, wolle Therapie.

Das empfiehlt auch Psychiater Helge Laubinger. Mit 13 habe der Angeklagte begonnen zu trinken, mit 19 gab es deshalb erste Verurteilungen. Zuletzt habe er im Schnitt zwei Flaschen Whisky getrunken. Seine „Landmarke“ nennt er das. Diese Marke habe er seit 2007 täglich erreicht. Wenn er das Trinken nicht lasse, bestehe weiter Gefahr, dass er Opfer bedroht, beleidigt, verfolgt.

Eigentlich sind sich nach dem Gutachten alle einig: Der Angeklagte gehört in die Entziehungsanstalt. Erst ein Jahr Haft, dann mindestens zwei Jahre geschlossene Therapie. Nun muss das Amtsgericht noch abwarten, was aus einem parallel laufenden Prozess in Göttingen wird, in dem in erster Instanz acht Monate ausgeurteilt wurden. Danach soll ein Paket geschnürt werden, an dessen Ende die Therapie des alkoholbedingten Größenwahns des Mathe-Genies steht.

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