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Sexuelle Belästigung per "Jodel"-App in Göttingen

Uni-Leitung stellt Strafanzeige Sexuelle Belästigung per "Jodel"-App in Göttingen

Beleidigung von Studierenden und sexuelle Belästigung von Dozentinnen – und das vollkommen anonym. Die Smartphone-App „Jodel“ wird dafür zunehmend missbraucht. Die Universität Göttingen hat jetzt die Notbremse gezogen und wegen der Vorfälle Strafanzeige gegen unbekannt gestellt.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. „Wer es schafft, die flachzulegen, bekommt den Bachelor geschenkt“ oder „Das geile Stück würde ich auch mal vögeln“ – nur zwei Beispiele, wie bei "Jodel" an der Göttinger Universität über Dozentinnen geschrieben wird. Dass die Anonymität des Internets nicht immer nur Vorteile birgt, ist gemeinhin bekannt. Was der neueste Trend allerdings auslöst, hat strafrechtliche Relevanz.

Das Prinzip der Jodel-App ist schnell erklärt: Die Nutzer können mittels des Programmes kleine Kurznachrichten senden, die dann alle anderen Nutzer der App im Umkreis von wenigen Kilometern auf ihrem Smartphone lesen und kommentieren können. Vor allem an der Universität ist die App angesagt: Studierende beklagen sich über die leidige Klausurenphase oder Liebeskummer, lästern aber vermehrt auch über Kommilitonen und Dozierende. Letztgenanntes ist ein Phänomen, das offenbar vor allem Angehörige der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät betrifft. Wegen wiederholter sexueller Belästigung einer Dozentin über "Jodel" drohte ein Professor nach Tageblatt-Informationen im Hörsaal sogar damit, die Täter von der Universität „wegzuprüfen“.

Tatsächlich bietet sich für die Universität die Möglichkeit einer Exmatrikulation. Die Senatsrichtlinie zum Schutz weiblicher Universitätsangehöriger vor sexuellen Belästigungen und sexueller Gewalt bietet in letzter Konsequenz neben der Strafanzeige auch den Ausschluss von Lehrveranstaltungen als Sanktion an. Aber dafür muss eben erst ein Schuldiger ausgemacht werden.

„Ein solches Verhalten toleriert die Universität Göttingen nicht“, bestätigt auch Uni-Sprecher Romas Bielke. Ein Rechtsanwalt sei bereits beauftragt und Strafanzeige eingereicht worden. Und tatsächlich: Auch wenn die App für die Nutzer anonym sein mag, die Firma, die die App betreibt, muss Nutzungsdaten speichern und kann rechtlich dazu aufgefordert werden, diese herauszugeben.

Auch unter den Studierenden halten längst nicht alle das „Jodeln“ für harmlose Scherze. „Geht gar nicht“, findet Jan, der im ersten Semester Volkswirtschaftslehre studiert. „Es ist erschreckend, dass Kommilitonen unter dem Deckmantel der Anonymität andere sexuell belästigen.“ bk

 

Info
Über die Smartphone-App "Jodel" kann jeder Nutzer Kurznachrichten oder Fotos veröffentlichen. Diese sind dann für alle anderen Benutzer der App, die sich im Umkreis von wenigen Kilometern befinden, für einige Stunden sichtbar. Die Nachrichten werden dabei komplett anonym versendet. Einträge können von anderen Nutzern positiv oder negativ bewertet werden – bei zu vielen Negativbewertungen wird der Eintrag automatisch gelöscht. Die Entwickler der App versprechen sich so eine gemeinschaftlich gesteuerte Filterfunktion, um unangemessene Inhalte zu entfernen, was in der Praxis aber nicht immer funktioniert.
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