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Skelette von Frau und Kindern gefunden

Neue Erkenntnissen bei Ausgrabungen an der alten Mensa Skelette von Frau und Kindern gefunden

Die Ausgrabungen der Mönchsskelette auf dem Gelände der ehemaligen Mensa am Wilhelmsplatz haben neue Erkenntnisse geliefert. Demnach wurden die Mönche in Särgen bestattet.

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Die Ausgrabungen an der alten Mensa geben Aufschluss über das  Leben im mittelalterlichen Göttingen.

Quelle: Heller

Göttingen. Außerdem befanden sich unter den Bestatteten mindestens eine Frau und zwei Kinder, sagt Stadtarchäologin Betty Arndt.

Auf dem Hof an der Barfüßerstraße sind inzwischen rund 80 Skelette von Mönchen des mittelalterlichen Franziskanerklosters ausgegraben worden. Archäologen, Anthropologen und Historiker versuchen mit diesen Funden, Göttingens mittelalterliche Vergangenheit zu rekonstruieren. Aktuell werden die Skelette von Anthropologen der Uni Göttingen untersucht. Im Zuge einer wissenschaftlichen Arbeit sollen ihr Geschlecht, das Alter und eventuelle Krankheiten bestimmt werden.

In Rückenlage mit Blick nach Osten wurden die Bettelmönche bestattet - ohne Grabbeigaben und höchstwahrscheinlich nackt. Neu ist die Erkenntnis, dass sie in Särgen beigesetzt wurden: Darüber gaben Arndt zufolge die rechteckigen Abdrücke in der Erde und verbliebene Sargnägel Aufschluss. Offensichtlich hat es auch Markierungen über die Anordnung der Gräber gegeben, denn die Mönche wurden in sieben Schichten übereinander bestattet.

Neu ist ebenfalls die Feststellung, dass sich unter den Bestatteten mindestens eine Frau und zwei Kinder befanden. Stadtarchäologin Arndt vermutet einen Zusammenhang mit dem Nonnenkloster, das gegenüber dem der Franziskanermönche gelegen war: Es wurde 1508 dort errichtet, wo heute die Universitätsaula steht, und bereits 1533 wieder aufgelöst. Die Knochenfunde könnten nach Angaben von Arndt darauf hindeuten, dass die Frauen denselben Friedhof wie die Mönche genutzt haben.

Außerdem müsse das bisherige Wissen über die Grundpläne der Klosteranlage in Frage stellt werden, sagt die Stadtarchäologin. Bislang gab es viele Detailpläne, die teilweise jedoch nicht zu den Ausgrabungen passen. „Wir kennen das Klosterareal, wissen aber nicht, wie es bebaut worden war“, sagt Arndt. Denn außer der Klosterkirche sind alle anderen Gebäude aus Fachwerk gebaut worden und mit der Zeit verfallen.

Mithilfe der Funde können die Forscher noch tiefer in Göttingens Vergangenheit eindringen: in die Zeit vor dem Klosterbau um 1200. Es wurden Gruben in unterschiedlichen Formen entdeckt, teilweise auch Keramik. Einige Gruben sind rechteckig und deuten darauf hin, dass dort Häuser gestanden haben könnten. Die Ergebnisse der Ausgrabungen seien von daher auch für das Verständnis der frühen Stadtentwicklung von großer Bedeutung, erklärt Arndt.

Weil der Umbau des Uni-Gebäudes weitergeht, wird demnächst die andere Seite des Hofes von der Grabungsfirma genau unter die Lupe genommen. Arndt vermutet, dass weitere Bestattungen geborgen werden und freut sich über den bisherigen Erfolg der Ausgrabungen: Weil „wir noch mal ganz neues Licht in eine ganz dunkle Ecke bekommen haben“.

Archäologische Denkmale

Mönchsskelette werden an der alten Mensa von Archäologen ausgegraben. Wir dadurch die Totenruhe gestört? Könnte es sich gar um Grabschändung handeln? Stadtarchäologin Betty Arndt klärt auf.

Die „Störung der Totenruhe“ sei ein Begriff aus dem Strafrecht und beziehe sich auf die Störung des Bestatteten, sagt die Stadtarchäologin. Dies sei der Fall, wenn der Tote oder Teile davon „aus dem Gewahrsam des Berechtigten“ entfernt werden und damit „beschimpfender Unfug“ verübt wird. „Bei einer archäologischen Untersuchung handelt es sich weniger um ‚beschimpfenden Unfug‘.

Das Ziel ist ja, etwas über die Bestatteten, über die man eigentlich gar nichts weiß, zu erfahren“, sagt Arndt. Dies erfolge „in der gebotenen Pietät“. Die Gräber am Barfüßerkloster seien archäologische Denkmale und stünden unter dem Schutz des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes.

Der Anlass der Ausgrabungen sei der geplante Bau einer Fluchttreppe eines Veranstaltungsraumes. „In diesem Fall sieht das Denkmalschutzgesetz eine gezielte Zerstörung, nämlich die Ausgrabung mit zugehöriger Dokumentation und das Gewinnen von Informationen, vor“, erläutert Arndt. Dass an der Stelle im Mittelalter das Barfüßerkloster gestanden habe, sei bekannt gewesen, die genaue Lage der Friedhofsareale hingegen nicht.

Der Begriff der „Grabschändung“ sei hingegen kein ganz klar definierter Begriff. „Bezieht man ihn auf die Beschädigung oder Schändung einer obertägig noch sichtbaren Grabanlage, findet dies in der Archäologie normalerweise nicht statt“, sagt Arndt.

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