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Wochenendkolumne Solidarisch

Bei uns stimmt was nicht. Es ist wirklich ernst, und wir sollten darüber reden. Jetzt. Ich habe es in letzter Zeit immer häufiger beobachtet. Immer mehr Menschen sind betroffen. Vielleicht sogar Sie. Ich fürchte, wir haben SOLIDARITÄT. Groß geschrieben, dann kann man es auf Plakaten besser lesen.

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Markus Scharf

Quelle: GT

Und ich meine hier nicht die Art von Solidarität, von der Che Guevara einst sagte, sie sei die „Zärtlichkeit der Völker“. Diese schöne reine Solidarität, die Menschen veranlasst aufzustehen, um Gutes für andere zu tun nur aus einem Gefühl der Verbundenheit heraus. Nein, wir leiden vielmehr unter der Art der SOLIDARITÄT, zu der man sich erklärt, die man gerne mal sitzend bei Mahnwachen ausübt und die vorrangig der eigenen wie kollektiven Gewissensberuhigung dient. Man könnte sagen, eine Sitzsolidarität. Beispiele? Gern.

In Nepal stehen die Menschen nach den schweren Erdbeben der vergangenen Wochen zwischen den Trümmern ihres Lebens – wir sitzen am Gänseliesel als Zeichen unserer SOLIDARITÄT. Im Mittelmeer sterben hunderte Flüchtlinge – wir sitzen am Gänseliesel. Es ist ein Reflex, es scheint ein innerer Zwang: Anti-Atomkraft, Windkraft, Tierhaltung im Zirkus, Gentechnik bei McDonalds – wir erklären unsere SOLIDARITÄT.

Aktuell haben wir die streikenden Erzieherinnen – im Fokus unserer SOLIDARITÄT. Ihnen fehlt die (vor allem finanzielle) Anerkennung ihres Berufsstandes. Sie gehen auf die Straße und fordern von ihrem Arbeitgeber (also der Kommune) mehr Geld. Dort trifft sie dann – vielleicht sogar unerwartet – die volle Wucht unserer elterlichen SOLIDARITÄT. Aus lauter Mitgefühl – und da man mit den lieben Kleinen ohnehin irgendwas „Lustiges“ unternehmen muss, wenn die Kita dicht ist – verteilen Mutter-Vater-Kind-Geschwader Konfetti und selbstgemalte Plakate in den Rathäusern. Nochmal für mich zum besseren Verständnis: Die da draußen wollen mehr Geld für die Betreuung unserer Kinder. Und wir finden das gut? Vermutlich wird im Falle einer Anpassung der Elternbeiträge eher keiner mehr Konfetti schmeißen.

Im Vorfeld des jüngst begangenen Multifunktionsfeiertags kam ich mit einem jungen Mann ins Gespräch, der sich mittels konfektionierter Party-Sets aus dem Supermarkt auf das bevorstehende Bollerwagen-Ereignis vorbereitete. Schnell war klar: Er keine Kinder, ich kein Party-Set. Meine übellaunig vorgetragene These, dass Väter am Vatertag sowieso gar keine Zeit zum Feiern hätten, konterte er mit den Worten: Er würde für mich mittrinken. Das sei seine Art der SOLIDARITÄT. Solidaritätssaufen, also. Ich rief ihm noch hinterher, ich würde viel lieber bei der nächsten Welle von Brechdurchfall auf seine Unterstützung zurückkommen wollen. Aber da war er schon weg.

Ich wünsche uns ein schönes, völlig unsolidarisches Wochenende und gute Besserung!

Den Autor erreichen Sie unter:
m.scharf@goettinger-tageblatt.de

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Von Redakteur Markus Scharf

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