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Soll Cannabis legalisiert werden?

Thema des Tages Soll Cannabis legalisiert werden?

Die Legalisierung von Cannabis wird auch in Niedersachsen diskutiert, Grüne und FDP befürworten eine legale Abgabe. Cannabis kann zu vielen Problemen führen. Soll der Konsum erlaubt werden? Eine Nachfrage bei Rechtsmedizinern, Beratern und Drogenfahndern.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Wer mit Cannabis im Blut Auto fährt und dabei erwischt wird, hat ein Problem. Wird der im Hanf vorhandene und rauschauslösende Wirkstoff THC im Blut nachgewiesen, und zwar in einer Konzentration von 1,0 Nanogramm pro Milliliter Blutserum (oder mehr), drohen Konsequenzen.

 
Diese Grenze, so erklärt Wolfgang Grellner, Professor und Leiter der Abteilung Rechtsmedizin an der Universitätsmedizin Göttingen, sei etwa vergleichbar mit der 0,5 Promille-Grenze beim Blutalkohol. Wer mit einer solchen Konzentration im Blut am Steuer sitzt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Aber: „Das Thema Cannabis ist wesentlich komplexer als Alkohol“, so der Wissenschaftler. Selbst  unterhalb dieses Grenzwerts können  sogar Straftaten begangen werden, wenn Ausfallerscheinungen auftreten.

 
Strafrechtlich relevant wird es nämlich, wenn dem Fahrer eine Fahruntüchtigkeit nachgewiesen werden kann. Bei Alkohol liegt der Wert für eine absolute Fahruntüchtigkeit klar definiert bei 1,1 Promille, darunter kann ab 0,3 Promille eine relative Fahruntüchtigkeit in Betracht kommen. Bei Cannabis-Konsumenten ist der Nachweis der Fahruntüchtigkeit komplizierter. Anders als nach Alkoholkonsum gibt es hier keine Grenzwerte, ab denen man von einer absoluten Fahruntüchtigkeit sprechen kann. „Es wird vom Gesetzgeber intensiv nach einem Grenzwert gesucht“, sagt Grellner.

 
Fährt jemand unter Drogeneinfluss Auto,  kann neben einer Ordnungswidrigkeit immer  nur eine relative Fahruntüchtigkeit in Frage kommen. Es müssen weitere Ausfallerscheinungen hinzu kommen, um eine solche Straftat zu begehen. Also müssen Auffälligkeiten dokumentiert werden, wenn ein Fahrer als  relativ fahruntüchtig eingestuft werden soll.

 
Zunächst ist die Polizei dafür zuständig. Fällt ein Fahrer der Polizei auf, können die Polizisten ihn anhalten und kontrollieren. Finden sie Hinweise auf Drogenkonsum, etwa rotunterlaufene Augen, bieten sie einen freiwilligen Urintest an. Schlägt der Schnelltest an, folgen weitere Schritte – vor allem die Blutprobe.

 
„Es gibt keine wissenschaftliche Erkenntnis im Sinne eines Grenzwerts darüber, wer  fahruntüchtig ist“, sagt Grellner. Wer auffällig fährt oder beim anschließenden Test auffällig wird,  kann aber schnell eine Straftat begangen haben.
Voraussetzung dafür ist allerdings (wie auch bei Ordnungswidrigkeiten) mindestens Fahrlässigkeit. Die kann dadurch bewiesen werden, dass der Kiffer erst kurz vor Antritt der Fahrt geraucht hat, sich des Risikos also bewusst sein muss. Dann kommen die drei Werte der Blutprobe ins Spiel.

 
Wie Grellner erläutert, werden in der Abteilung Rechtsmedizin  drei Cannabiswerte aus dem Blut gelesen. Zum einen der direkte THC-Gehalt, dann das Hydroxy-THC und die  THC-Carbonsäure. Sämtliche Werte werden dann relevant, wenn es darum geht,  wann die Drogen konsumiert wurden, also ob eine Fahrlässigkeit durch Zeitnähe  gegeben ist. Darüber hinaus kann auf diese Weise auch ein Dauerkonsum belegt werden.

 
Die Variabilität beim Cannabiskonsum sei groß. Grellner hat bereits Konsumenten gesehen, die selbst mit einem THC-Wert im dreistelligen Bereich zunächst unauffällig wirkten und vergleichsweise passable Reaktionen zeigten. Andere wiederum wirken mit einstelligen Werten völlig bekifft. Aber: „Werte über 20 Nanogramm sind nicht sehr häufig“.

 
Rund 2500 Blut-Analysen auf Cannabinoide bearbeitet das Göttinger Rechtsmedizin-Team pro Jahr. Die  Abteilung ist zuständig für die Gebiete der Polizeidirektionen Göttingen, Braunschweig und Oldenburg.

 

Kiffen mit zwölf Jahren

 

Die Zahl von Cannabiskonsumenten hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, derzeit scheint die Entwicklung aber zu stagnieren. Das beobachtet Elisabeth Mickler-Kirchhelle, Sozialarbeiterin in der Drogenberatungsstelle (Drobz) des Diakonieverbandes Göttingen.  In der Beratungsstelle in der Mauerstraße wird Menschen geholfen, die ein Drogenproblem haben – egal ob sie aus eigenem Antrieb kommen, die Eltern sie bringen oder der Führerscheinentzug sie dazu treibt. In der Drobz finden alle eine Anlaufstelle, Konsumenten harter und  anderer Drogen.

   
Seit 2008, so berichtet Mickler-Kirchhelle, wächst der Anteil der Beratungen von Cannabiskonsumenten, sie nehmen einen immer größeren Anteil in Anspruch. Im Jahr 2008 sei etwa jeder zweite, der in die Drobz kam, ein Kiffer gewesen. „Heute sind es 70 Prozent“, sagt sie. Rund 250 Drogenabhängige kommen jährlich, ein Drittel von ihnen freiwillig. Die anderen werden von Schulen, Eltern oder beispielsweise dem Gericht geschickt, oder,  um ihren Führerschein zurück zu bekommen. „Neu ist, dass die Konsumenten immer jünger werden“, sagt Mickler-Kirchhelle, schon zwölf- und 13-Jährige hat sie beraten. Das seinen Einzelfälle, der Großteil der Kiffer, die Pobleme haben, sei zwischen 20 und 30 Jahre alt.

 

Vor allem bei sehr jungen Konsumenten verursache das Kiffen große Probleme.  Viele der Schüler in der siebter und achter Klassenstufe, die vom Drobz beraten werden, haben bereits Erfahrung mit Cannabis gemacht. „Wenn die Schüler so früh kiffen, wirkt sich das viel stärker aus. Das Gehirn ist viel anfälliger für die Droge und entwickelt sich nur noch verzögert“, sagt die Beraterin. Irgendwann aber merken viele, dass sie nicht mehr richtig klar kommen und das Leben an ihnen vorbeizieht. Gerade die sehr jungen Konsumenten hätten aber zugleich Angst, mit den Anforderungen des Alltag nicht mehr klar zu kommen, wenn sie den Konsum einstellen. „Sie haben die Fähigkeit verlernt, mit Stress umzugehen.“

 

Psychologe befürchtet Zunahme, wenn Cannabis-Bagatellisierung die Legalisierung folgt

 

Es ist das Lieblingsbeispiel der Kiffer in den einschlägigen Internetforen: Dem von der Polizei kontrollierten Autofahrer kann kein aktueller Rauschzustand (THC im Blut) nachgewiesen werden, einzig der THC-COOH-Wert, also der Wert der Cannabis-Abbauprodukte, ist hoch. Klar, heißt es dann: eine Woche Holland-Urlaub, völlig legal gekifft. Und dann wundern sich die Betroffenen, dass ihnen trotzdem die Fahrerlaubnis genommen oder zumindest eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) auferlegt wird.

 
Das werde wohl kräftig zunehmen, sagt einer, der diese Untersuchungen macht, wenn der Bagatellisierung von Cannabis die Legalisierung folgen würde. Dann müsste das Fahrerlaubnis-Recht angepasst werden. Und trotzdem, so der Verkehrspsychologe Hans-Jürgen Fromm vom Tüv Nord, würde von einer Legalisierung des Haschischkonsums ein „völlig falsches Signal ausgehen“. Fromm: „Unter Verkehrssicherheitsaspekten ein großes Risiko“, weil vor allem junge Leute im legalen Konsum die Gefahr für ihren Führerschein nicht erkennen könnten.

 
Schon jetzt, schätzt man beim Landkreis Göttingen, werden monatlich rund fünf Führerscheine wegen festgestellter Drogenfahrten entzogen. Bei der Stadt wohl noch einmal so viele. Genaue Statistiken gibt es nicht. Eine Neuerteilung könne immer nur nach positiver MPU erfolgen. Diese kostet beim Tüv aktuell 565 Euro. Vorbereitungskurse und der Nachweis der Drogenfreiheit über ein Jahr (Urinuntersuchungen) können die Kosten verdoppeln oder verdreifachen.
Doch nicht nur jene, die im akuten Drogenrausch am Steuer erwischt wurden, müssen zur MPU. Oft ist es die Urinprobe bei der Polizei, die den ersten Hinweis auf Dauerkonsum gibt: Werden in einer dann angeordneten Blutprobe kein THC, wohl aber Abbauprodukte nachgewiesen, muss das die Polizei der Führerscheinbehörde melden. Liegt der THC-COOH-Wert höher als 100 Nanogramm je Milliliter Blut, wird von „gelegentlichem“ Cannabiskonsum ausgegangen. Das kann schon die Anordnung einer MPU, zumindest aber eines verkehrsmedizinischen Gutachtens rechtfertigen. Liegt der Wert gar über 150 ng/ml, liegt nach gefestigter Rechtssprechung ein „regelmäßiger“ Konsum vor. Dann ist der Führerschein gleich weg. Da hilft auch die Holland-Ausrede nichts. Erst eine einjährige Abstinenz und ein positives MPU-Ergebnis führen zur Neuerteilung.

 
Doch es geht (aus Kiffersicht) noch schlimmer: Man muss nicht einmal Auto gefahren sein, um den Führerschein zu verlieren. Wer etwa mit zehn Gramm Gras zum Eigenkonsum erwischt wird oder wer mehrfach kleine Mengen bei sich hat, auch der muss mit der MPU-Anordnung rechnen. Die Zulassungsbehörden, weiß Fromm, handhaben das unterschiedlich. Es könne Fälle geben, bei denen jemand noch nie bekifft Auto gefahren ist, aber dennoch zur MPU muss, weil etwa ein Dealer ihn als Dauerkunden benennt. Die Polizei ist verpflichtet, auch das der Führerscheinbehörde zu melden.

 
Und warum eigentlich soll Autofahren zwei Tage nach dem letzten Joint noch gefährlich sein, während der Alkoholkonsument schon am nächsten Morgen wieder fahren darf? „Weil wir Jahrtausende Erfahrung mit Alkohol haben und jeder damit umgehen können muss“, sagt Fromm. Haschisch aber gebe es vom Dealer. Niemand wisse, wie hoch der THC-Gehalt ist, wie lange der Joint wirke und wie sich Dauerkonsum im Verkehr auswirke. Wer aber regelmäßig konsumiere, der könne gar nicht mehr kontrollieren, ob er im Straßenverkehr zur Gefahr wird. ck

 

Droge Nummer eins bei Jugendlichen

 

„Cannabis ist die Droge Nummer eins bei Kindern und Jugendlichen“: Das sagt Martin Freyberg, Drogenfahnder bei der Göttinger Polizei. Eine Statistik, die aussagt, ob es mehr oder weniger Kiffer in Göttingen als noch vor ein paar Jahren gibt, führt die Polizeiinspektion allerdings nicht, so Volker Warnecke, Leiter der Kriminalpolizei. Wie viele Cannabiskonsumenten von der Polizei registriert werden, das hänge auch immer davon ab, wie viele Kontrollen es gebe. „Im Bereich Cannabis hat sich aber eher wenig verändert“, sagt er.

 
Im vergangenen Jahr waren es rund  1 100  Cannabiskonsumenten, die der Polizei bei Kontrollen ins Netz gingen. „Uns geht es ja vor allem um den Drogen-Handel, nicht um die, die nur kleine Mengen konsumieren“, so Warnecke. Denn: Der Konsum allein sei ja nicht strafbar. „Nur, wenn er mit Besitz einhergeht.“

 
Göttingen gilt bei der Polizei als ein „Brennpunkt der Drohenkriminalität.“ Im Jahr 2014 verzeichnete die Polizeiinspektion zehn Drogentote. Cannabis sei laut Polizei nicht das größte Problem auf dem Göttinger Drogenmarkt. In die Debatte um die Legalisierung mischen sich die Ermittler dennoch nicht ein. „Wir wenden das Gesetz an“, so Warnecke. bib

 

Mediziner gegen Legalisierung

 

 „Cannabis ist erheblich gefährlicher, als viele glauben“. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer in Hannover, hat eine klare Meinung zur Legalisierungs-Debatte. „Cannabis kann gefährliche körperliche und psychische Auswirkungen haben. Es steigert das Risiko von Depressionen, Psychosen und Schizophrenie.“ Cannabis habe sich zu einem großen gesellschaftlichen Problem entwickelt.

 
Wenker weiter: „Die Produkte sind in den vergangenen Jahren immer wirkstoffreicher und gefährlicher geworden“, sagt die Ärztin. Aus Sicht der Mediziner sei es verantwortungslos, eine freie Abgabe zu fordern. bib

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