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Sozialpädagogen und Kita-Mitarbeiter kämpfen um mehr Wertschätzung

Erzieherinnen erklären, warum Sozialpädagogen und Kita-Mitarbeiter kämpfen um mehr Wertschätzung

„Es hat sich viel verändert – unheimlich viel“, sagt Katja Bogedain: die Kinder, die Eltern, die Aufgaben und Qualitätsansprüche, der organisatorische Aufwand. Wenn die Erzieherin, ihre Kollegin Martina Retkowsky und zusätzlich diplomierte Sozialpädagogin Sabine Heumann als Leiterin der Göttinger Kindertagesstätte Lönsweg von ihrem Arbeitsalltag erzählen, wird schnell deutlich, warum ihr Beruf für sie „viel mehr Wert ist“. Mehr Wert als er bezahlt wird, und  mehr Wert als er oft wahrgenommen wird.

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Quelle: Hinzmann

Göttingen. Das wollen die Gewerkschaften von etwa 240 000 Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdiensten einschließlich Kindergärten ändern. Sie verhandeln in der 4. Runde mit den Arbeitgeberverbänden – begleitet von Streikaktionen. Erreichen wollen sie vor allem eine Aufwertung der Erzieherberufe und höhere Gehälter. „Die Gesellschaft hat sich verändert, auch die Arbeit in den Kitas“, sagt Retkowsky, die seit 38 Jahren im Kindergarten arbeitet. Arbeitsbeschreibung und das Gehalt aber seien nie entsprechend angepasst worden.

Die Liste der Veränderungen ist lang, die die Erzieherinnen aufzählen: Früher seien die meisten Kinder einen halben Tag gekommen, inzwischen seien Dreiviertelplätze üblich. „Und das bedeutet den durchgehend ein hoher Lärmpegel“, erklärt Bogedain. Zudem fehle dadurch Luft am Nachmittag, um sich Kindern oder anderen Arbeiten einmal besonders zu widmen. „Die Kinder sind überhaupt ganz anders geworden“, ergänzt Retkowsky. Viele kämen unselbständiger in den Kindergarten. Viele bräuchten Hilfe beim Umziehen und müssten noch lange gewickelt werden. „Das kostet Zeit, die bei anderen fehlt.“ Letzteres „trifft natürlich besonders für die Arbeit in den Krippen zu“, so Heumann. Hinzu komme bei vielen Kindern ein größeres Bedürfnis nach Zuneigung mit „Zeit zum kuscheln und Wert schätzen“ – Beziehungsarbeit nennt sie das.

Auch die Erwartungen und Ansprüche der Eltern seien gestiegen, von Musik- und Englischkursen für die Kleinen bis zu Ausfahrten, so Heumann. Und weil Eltern zu Hause immer häufiger überfordert seien, „geben wir auch immer häufiger Lebens- und Erziehungshilfe“, so Retkowsky – inklusive Ausflugstipps fürs Wochenenden.

Zu solchen Alltagsanforderungen bei der Betreuung kämen viele neue Aufgaben hinzu, „jedes Jahr mehr und andere“, sagt Heumann: Neue pädagogische Ansätze müssten in das Konzept eingearbeitet und dann umgesetzt werden. Sprachförderung spiele eine zunehmende Rolle. In zwei Gruppen im Lönsweg gebe es Integrationskinder mit besonderem Förderbedarf. Immer mehr Migrationskinder und demnächst auch zunehmend traumatisierte Flüchtlingskinder stellten die Erzieherinnen vor weitere Herausforderungen, „auf die wir uns in Fortbildungen vorbereiten müssen“. Regelmäßig würden die Kinder zudem beobachtet, ihre Entwicklung dokumentiert und das Ergebnis mit den Eltern erörtert – „das ist unheimlich viel Schreibarbeit“.

Vorbereitung von Kita-Projekten, Dokumentationen, Dienstbesprechungen, Elterngespräche – das alles seien Aufgaben, „die wir oft nebenbei erledigen müssen“, so Bogedain. 7,5 Verfügungsstunden je Gruppe seien dafür viel zu wenig. Die drei Erzieherinnen sind sich dennoch einig, dass ihr Beruf ein schöner ist – „wenn man viel Herzblut einbringt“. Dass neue Fachkräfte dennoch kaum zu finden seien, wundert sie bei der zurzeit „geringen Wertschätzung und Bezahlung“ allerdings nicht. Aus deshalb unterstützen sie die Gewerkschaftsforderungen – und die Streiks.   

Keine andere Möglichkeit

Göttingen. „Die Forderungen der Erzieher sind absolut berechtigt wenn ich sehe, was die täglich leisten“, sagt Nadine Gollor, Mutter eines Kindes in der Kita Lönsweg. Auch wenn sie bei Streiks für eine Ersatzbetreuung sorgen muss, findet sie diese Form des Arbeitskampfes richtig: „Sie haben ja gar keine andere Möglichkeit.“

„Fast alle Eltern hier haben großes Verständnis, weil sie die Arbeit der Erzieherinnen zu schätzen wissen“, ergänzt die gewählte Elternvertreterin Kerstin Hassenklöver. Zumal sie „oft mit großem Engagement und freiwillig auch besondere Aktionen wie Übernachtungsprojekte organisieren“. Ärgerlich sei für manche Eltern allerdings, „dass die Tarifverhandlungen so lange dauern und immer wieder gestreikt wird“. Den Verursacher sieht Hassenklöver allerdings bei den kommunalen Arbeitgebern, die sich nicht bewegten.

Erzieher und Sozialarbeiter streiken

Zum dritten Mal wollen Erzieher in den kommunalen Kindertagesstätten sowie Sozialpädagogen in vielen Jugendhilfeeinrichtungen an diesem Donnerstag streiken. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi rechnet mit etwa 300 Teilnehmern aus Südniedersachsen.

Allein in Göttingen bleiben acht von 13 städtischen Kitas geschlossen, an den weiteren gibt es nur einen eingeschränkten Notdienst. Die Erzieher kämpfen in derzeitigen Verhandlungen mit den kommunalen Arbeitgeberverbänden für eine Aufwertung ihrer Berufe und höhere Einkommen von durchschnittlich zehn Prozent.

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