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Spielsüchtiger will Gesetz gegen Spielsucht

Vier Jahre Haft Spielsüchtiger will Gesetz gegen Spielsucht

Er muss wegen schwerer räuberischer Erpressung und Betruges für vier Jahre hinter Gefängnismauern. Vorher nutzte der 37 Jahre alte Schwabe in seinen letzten Worten vor Gericht die Chance und appellierte an den Gesetzgeber, Spielsucht als Krankheit ernst zu nehmen und gesetzlich etwas gegen immer mehr Spielstätten zu unternehmen.

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Gerichtsurteil: Wegen schwerer räuberischer Erpressung und Betruges muss ein 37-Jähriger für vier Jahre hinter Gefängnismauern.

Göttingen/Katlenburg. 90 Prozent derer, sagt er, die dort daddeln, seien abhängig, also spielsüchtig wie er. Wohin das bei ihm geführt hat, davon zeigten sich Richter und Sachverständiger im Landgericht tief beeindruckt. „Eine extreme Form pathologischen Glücksspiels“, attestierte der Psychiater dem Angeklagten, „spielsüchtiger kann man nicht sein“, sagte Verteidiger Johannes Mann. Und der Vorsitzende August-Wilhelm Marahrens meinte: „Sie haben ihr Leben in Spielhallen verpfuscht.“

Der gelernte Konditor und Fernfahrer aus dem Schwarzwald ist seit der Jugend spielsüchtig, hat unzählige Therapieversuche hinter sich und etliche Vorstrafen verbüßen müssen, weil er sich kriminell Geld beschafft hat, um weiter spielen zu können. Am 15. März hat er in einer Spielstätte in Katlenburg den letzten Euro verspielt und dann die Aufsicht mit einer Softairpistole bedroht und Geld verlangt. Er entkam mit 1250 Euro – die er verspielte.

Es sei schon „hochgradig dämlich, in eine Spielhalle zu gehen, in der man gefilmt wird, auch noch Kaffee zu trinken und seine Spuren zu hinterlassen und sie dann zu überfallen“, sagte Marahrens in der Urteilsbegründung. Schon das zeige die Abhängigkeit.

Dennoch folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die lediglich drei Jahre und drei Monate Haft, aber zugleich Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus beantragt hatte, nicht. Dafür, so das Gericht, fehle es an der Voraussetzung. Eine hochgradige Persönlichkeitsstörung liege nämlich nicht vor. „Eigentlich gehört jemand wie der Angeklagte in die Entziehung“, teilte Marahrens die Ansicht des Verteidigers, „aber das sieht wieder das Gesetz nicht vor.“

Spielsucht falle in der Strafrechtsprechung in eine Lücke, erklärte der Vorsitzende. Allerdings: Einen so extremen Fall wie diesen hatten weder der Richter noch der Psychiater, zwei altgediente Experten, in Jahrzehnten ihrer Tätigkeit noch nie.

Unterbringung
Die Paragrafen 63 und 64 des Strafgesetzbuches regeln die Unterbringung in psychiatrischem Krankenhaus (§ 63) oder Entziehungsanstalt (§ 64). Voraussetzungen sind rechtswidrige Taten im Zustand der Schuldunfähigkeit oder verminderter Schuldfähigkeit sowie die Annahme, dass weitere erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten und der Verurteilte für die Allgemeinheit gefährlich ist. Weil nur stoffgebundene Abhängigkeiten im § 64 genannt sind, kann niemand wegen Spielsucht untergebracht werden. Weil Spielsucht zudem keine Persönlichkeitsstörung ist, scheidet auch § 63 aus.
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Vor Gericht

Bei der Entschuldigung weinen beide – das Opfer, das immer noch in stationärer Therapie ist, und der Täter, dem es „unendlich leid“ tue, was er getan habe. Aber „der Spieldruck“ sei „so groß“ gewesen.

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