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Spontantat statt gemeinsamer Racheplan

Aus dem Amtsgericht Spontantat statt gemeinsamer Racheplan

Die Anklage klingt so: Vier junge Männer lauern einen Studenten auf, weil der mal etwas mit der Schwester des einen hatte, und schlagen und treten ihn übel zusammen. Gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung heißt das im Juristendeutsch. Am Ende des Strafverfahrens bleibt eine Spontantat nur eines der Angeklagten übrig. Der Rest wird freigesprochen.

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Göttingen/Rosdorf. Dabei sind die vier jungen Männer im Alter von 20 und 21 Jahren allesamt keine Waisenknaben. Durchschnittlich vier Eintragungen haben sie im Bundeszentralregister. Meist typische Jugenddelikte. Sie sind Schüler, beginnen gerade mit derm Studium oder machen "gerade nix". Am 9. Juni 2014 sollen sie am Rosdorfer Baggersee das Opfer aufgelauert und zusammengeschlagen haben, so dass der Student mit gebrochener Nase und Gehirnerschütterung eine Woche im Krankenhaus lag. Die Anklage basiert auf der Angabe des Verletzten und dessen neuer Freundin, die via Facebook-Recherche anhand der Profilfotos aus dem Freundeskreis jene Männer erkannt haben wollen, die den Überfall verübt hätten.

Der Prozess im Jugendschöffengericht beginnt mit dem Geständnis des Haupttäters. Der berichtet, das die Familien - beide türkischstämmig - zerstritten seien, seit das spätere Opfer die Schwester verlassen habe. An jenem Montag im Juni seien ihm der Ex der Schwester und seine Freundin entgegen gekommen. Da habe er ihn gleich mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Danach seien beide zu Boden gegangen. Einer der Freunde sei dazwischen gegangen, als er selbst schon auf dem Rücken gelegen habe, der Angegriffene über ihm. Im Aufstehen will er seinem Gegner noch mit dem Schienbein ins Gesicht getreten haben.

Das Opfer selbst berichtet, Tritte und Schläge bekommen zu haben, kann aber keinem außer dem Geständigen konkret einen Tritt zuordnen. Wer getreten hat? "Die, wer soll's sonst gewesen sein?" Seine Freundin als Zeugin will zwar alle vier Angeklagten als Täter "hundertprozentig wiedererkannt" haben, muss aber einräumen, zusammen mit dem Opfer erst später bei Facebook die möglichen Beteiligten herausgesucht zu haben. Bei der Polizei hatte sie zudem einen Blonden beschrieben - keiner der Angeklagten ist blond.

Der Hauptbeschuldigte kann nach einigem Zieren einen Freund nennen, der noch dabei war. Der wird telefonisch in den Gerichtssaal beordert und bestätigt ganz die Version des Kumpels. Zwei der Angeklagten seien gar nicht dabei gewesen, der dritte habe lediglich geschlichtet.

Einer der beiden, die sich falsch belastet fühlen, bringt gar drei Zeugen, die mit ihm zur fraglichen Zeit im Weender Freibad statt am Baggersee gebadet  haben wollen.

Das überzeugt das Schöffengericht. Nur der 21-Jährige wird verurteilt, die anderen freigesprochen. Das Geständnis wirke strafmildrnd, nicht aber die Entschuldigung, die erst nach Aufforderung und nicht überzeugend kam. Er muss 125 Stunden gemeinnützig arbeiten und erhält dafür 1000 Euro Lohn, die dem Opfer als Schmerzensgeld dienen sollen. Er habe sich, so Richter Oliver Jitschin, "aus Mitgefühl für die Schweser völlig falsch verhalten". Familienfriede ist mit dem Urteil freilich nicht eingekehrt: Die Mutter des Opfers soll nach der Tat die Mutter des Täters ihrerseits verprügelt haben.

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