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Sportler bangen um Kletter-Felsen in der Region Göttingen

Thema des Tages Sportler bangen um Kletter-Felsen in der Region Göttingen

Klettern oder Nichtklettern: Um diese Frage dreht sich derzeit ein Streit um Felsen zwischen Sportlern und dem Landkreis Göttingen. „Wir sind mehr als 100 aktive Sportler aus der Region, die viele Klippen in der Region regelmäßig nutzen“, sagt Felix Butzlaff. Er vertritt den Deutschen Alpenverein (DAV) und die IG Klettern in Göttingen.

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Auch rechtlich abgesichert? Kletterer in der Natur.

Quelle: EF

Göttingen. Mit dem bislang nur wenig eingeschränkten Kletterspaß im Bereich Reinhäuser Wald könnte es nun bald vorbei sein. Derzeit gibt es dort rund zehn zum Klettern frei gegebene Felsen. Die befinden sich auf öffentlichem Grund. Weitere 30 Klippen auf privaten Waldflächen stehen den Sportlern bald vielleicht nicht mehr zur Verfügung.

Grund: Der Landkreis muss sich derzeit beeilen, um die Flora-Fauna-Habitat-(FFH)-Schutzgebiete ausreichend zu schützen. Das hat die EU angeordnet, Strafzahlungen drohen. Eines dieser FFH-Gebiet ist auch der Reinhäuser Wald und damit auch die 30 Kletterfelsen, die auf privaten Grund stehen.

Für die Klippen auf öffentlichen Grund ist im Jahr 2006 nach längerem Streit eine Vereinbarung von Landkreis, Kletterern und Landesforst unterzeichnet worden. 30 Felsbereiche wurden damals gezielt auf seltene schützenswerte Pflanzen- und Tiervorkommen untersucht. Einige Felsen wurden danach  vom Klettern ausgenommen. Die Privatwaldbesitzer wollen sich schon damals der Vereinbarung nicht anschließen.

Rechtssicherheit herstellen

Das sollte nun eigentlich nachgeholt werden. Butzlaff ist verärgert. Mit 18000 Euro wollen sich die Kletterverbände an dem neuen  Gutachten beteiligen, dass aufzeigen soll, wo im Bereich der privaten Felsen schützenswerte Moose, Flechten und Farne wachsen. „Damit wollen wir Rechtssicherheit herstellen, bislang klettern wir dort  ja in einer Grauzone“, sagt Butzlaff. 30 Felsen sollten so untersucht werden.

Nur: Die drei der vier Waldeigentümer wollen das gar nicht. Sie sind gegen die Kletterei auf ihrem Grund und Boden. „Bis November waren wir in dem Glauben, dass  so wie geplant verfahren wird“, sagt Butzlaff. Man wollte das Gutachten erstellen lassen, und die Vereinbarung von 2006 auf die Felsen auf Privatgrund ausdehnen.

Dann habe die Göttinger Kreisverwaltung alles gestoppt, sagt Butzlaff. Kein Gutachten, keine Kletterfelsen auf Privatgrund im FFH-Gebiet Reinhäuser Wald. Die Kreisverwaltung verweist auf ein Gespräch mit den Kletterern im Mai 2013. Damals sei vereinbart worden, dass die Kletterer auf die Waldeigentümer zugehen, und eine Gestattung einholen.

Flächen sollen untersucht werden

Drei der vier Eigentümer lehnten ab. „Nur einer der Eigentümer, dessen Flächen angrenzend an das FFH-Gebiet liegen, hat einer Freigabe nach vorheriger Untersuchung zugestimmt“, so ein Sprecher der Kreisverwaltung. „Diese Flächen werden 2015 auf Kosten des Landkreises untersucht.“ Wenn keine Bedenken in Sachen Naturschutz bestehen, könne man diese Felsen nach der Landschaftsschutzgebiets-Verordnung Leinebergland freigeben.

Die Kletterer wollen das nicht hinnehmen. „In vielen anderen Kletterevieren wurden die Konflikte auf diese Weise gelöst“, sagt der Sportler. Die Kletterer berufen sich auf das allgemeine Betretungsrecht des Waldes für jedermann. Vorbild sind Kletterkonzepte in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont mit den Klettergebieten Ith und Süntel. Schlimmstenfalls müsse man über eine Klage nachdenken, so Butzlaff.

Das sagt der Waldbesitzer

„Ich habe keine Zustimmung erteilt“, sagt Waldeigentümer Melchior von Bodenhausen. Auf seinem Gelände werde geklettert, „ohne dass mich jemals jemand gefragt hat.“  Von Bodenhausen will damit auch die Rückzugsräume des Wildes schützen. Spaziergänger blieben ja auf den befestigten Wegen, Mountainbiker und Kletterer störten jedoch das Wild.

Als Waldeigentümer dürfe er im FFH-Gebiet nur eingeschränkt wirtschaften, deshalb könne er Klettern auch nicht uneingeschränkt zulassen. Von Bodenhausen ärgert sich darüber, dass Felsen auf seinem Privatgrund im Netz als Kletterfelsen aufgeführt werden. „Ich habe nichts frei gegeben, mich hat auch niemand angesprochen.

Das Betretungsrecht gelte für die Wege in seinem Wald, nicht aber für die Felsen. „Außerdem ist der Müll, der hinterlassen wird, ein Problem“. Er erteilt der Kletterei auf seinem Grund ein klares Nein. „So funktioniert das nicht“, sagt von Bodenhausen.

Neue Schutzverordnung in Arbeit

Nach langem Streit  hatten Landesforsten, Landkreis, Kletter- und Naturschutzverbände im September 2006 einen Kompromiss  unterzeichnet. In der „Vereinbarung zum Klettern im Göttinger und Reinhäuser Wald für 30 Felsbereiche bei Ischenrode, im Wendebach-, Garte- und Hacketal sowie in Mariaspring bei Eddigehausen wurde darin einvernehmlich geregelt, wie und wo an Felswänden geklettert werden kann.

Die Vereinbarung sollte eigentlich auf die privaten Felsbereiche ausgedehnt werden. Im Landkreis gibt es 2000 Felsen.

Auslöser der Debatte war damals die Diskussion um eine neue Landschaftschutzgebietsverordnung (LSG). Die Kletterverbände befürchteten, ihren Sport kaum noch ausüben zu können. Insbesondere der Passus über einen Erlaubnisvorbehalt veranlasste sie, sich in die Debatte einzuschalten.

Prächtige Dünnfarn soll vor Kletterern geschützt werden

Nun müssen neue LSG-Verordnungen für FFH-Gebiete auf den Weg gebracht werden. Grund der Eile ist ein von der EU-Kommission gegen die Bundesrepublik wegen Defizite bei der Umsetzung eingeleitetes Pilotverfahren.
Im Bereich des Reinhäuser Waldes wächst der „Prächtige Dünnfarn“, dessen Bestand geschützt werden soll – auch vor Kletterern.

Laut der gültigen LSG-Verordnung sei das Klettern deshalb nur auf den begutachteten öffentlichen Felsen aufgrund einer öffentliche-rechtlichen Vereinbarung freigestellt, erklärt Andrea Riedel-Elsner von der Kreisverwaltung. Und weiter: „Das Klettern auf weiteren Felsen ergibt sich derzeit nicht, weil die Grundeigentümer neuer Ausweisung von Kletterrouten im FFH-Gebiet nicht zustimmen.“  

Die neue Verordnung ist in Arbeit, sie wurde 2013 nicht beschlossen. Denn: „Die darin enthaltenden Erlasse wurden von der Landesregierung auf den Prüfstand gestellt“, so Riedel-Elsner. Wenn neue Erlasse vom Land in Kraft treten, soll auch die LSG-Verordnung im Kreistag beschlossen werden.

FFH-Gebiete: Prioritätenliste

Zur Sicherung der FFH-Gebiete im Landkreis Göttingen hat die Kreisverwaltung die bisherige Prioritätenliste und die Zeitschiene überarbeitet. Die neuen Verordnungen werden laut Kreisverwaltung wie folgt erstellt:

  • Seeanger, Retlake, Suhletal. Vorstellung des Verordnungsentwurfes erfolgte im Umweltausschuss im Oktober 2014, Abschluss ist in diesem Jahr geplant .
  • Reinhäuser Wald (FFH-Gebiet 110). An der Verordnung wird gearbeitet. Wenn die Landeserlasse vorliegen, soll der Kreistag beschließen  (voraussichtlich im Jahr 2015).
  • 3. Bachtäler im Kaufunger Wald (FFH-Gebiet 143). Beginn des Verfahrens 2015, umgehend beginnt die Bewertung des alten Verordnungsentwurfes.
  • Aschenburg (FFH-Gebiet 132). Vom Landkreis Northeim liegt entgegen der Zusage im alten Sicherungskonzept jetzt die Aussage vor, dass eine Einbeziehung der Göttinger Flächen der Aschenburg im Verfahren zur Festsetzung des FFH-Gebietes Weper, Gladeberg, Aschenburg nicht beabsichtigt ist. Beginn des Verfahrens Ende 2015/Anfang 2016
  • Göttinger Wald (FFH-Gebiet 138). Beginn ebenfalls Ende 2015/Anfang 2016. Verfahren erfolgt nur für die im Landkreis Göttingen gelegenen Flächen, also ohne die Flächen im Stadtgebiet.
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