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Stadt Göttingen gibt erstmals jüdisches Kulturgut zurück

Feierstunde im Städtischen Museum Stadt Göttingen gibt erstmals jüdisches Kulturgut zurück

Die Stadt Göttingen hat erstmals jüdisches Kulturgut zurückerstattet, das während des nationalsozialistischen Regimes auf dem Weg der sogenannten „Arisierung“ aus jüdischem Besitz in das Städtische Museum gelangt war.

Köhler übergibt Hayden (links) die Restitutionsurkunde.

Quelle: Heller

Göttingen. Möglich geworden ist diese Restitution nach einer in den Jahren 2008 bis 2010 erfolgten Untersuchung aller in der NS-Zeit im Museum eingegangenen Objekte.

Im Rahmen einer Feierstunde am Sonnabend im Haus am Ritterplan erhielten die Nachkommen des jüdischen Unternehmerehepaares Max Raphael und Gertrud Hahn die Restitutionsurkunde aus den Händen von Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD).

Die Urkunde in Empfang nahm Prof. Michael Hayden, Enkel von Max Raphael und Gertrud Hahn, die 1941 dem Holocaust zum Opfer fielen. Hayden lebt in Kanada und wurde am Freitag mit der Ehrendoktorwürde der Georg-August-Universität ausgezeichnet. Begleitet wurde der Mikrobiologe unter anderem von seiner Familie. Bei dem seinen Großeltern geraubten Kulturgut geht es um insgesamt 17  Möbelstücke, Ofenplatten und andere Objekte.

Kleines Zeichen der Wiedergutmachung

Das sei ein sehr bewegender Tag für ihn und die anderen Nachfahren der Hahns, sagte Hayden. Göttingen übernehme Verantwortung für die Vergangenheit. Das schaffe Momente, in denen man Frieden finden könne. Die Vergangenheit könne man nicht mehr ändern, aber man könne eine neue Zukunft schaffen. Dieser Tag sei ein erster Schritt dorthin.

Köhler sagte, Göttingen stelle sich seiner Geschichte und Verantwortung. Heute gebe die Stadt Eigentum der Hahns zurück, das ihnen zu Unrecht entrissen worden sei. Dieses Unrecht solle keinen Bestand mehr haben. "Auch wenn wir nicht tilgen können, was geschehen ist." Die Rückgabe der Objekte sei ein "kleines Zeichen der Wiedergutmachung". In Göttingen dürfe es nie wieder Rassenhass, Antisemitismus und Ausländerhass geben.

Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck sagte, Max Raphael und Gertrud Hahn sei während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Göttingen unendliches Leid zugefügt worden: Demütigung, Beraubung, Vetreibung bis hin zum Tod. "Wir können die deutsche Schuld und diese Verbrechen niemals tilgen oder ungeschehen machen", sagte Schlapeit-Beck.

Eigenes Projekt

Und doch bestehe heute Anlass zur Hoffnung. "Die Möbel und anderen Gegenstände, die Ihren Vorfahren geraubt wurden, werden Ihnen heute als den rechtmäßigen Eigentümern von der Stadt Göttingen von Herzen zurückgegeben, als kleine Erinnerung an Ihre Vorfahren."

An diesem Wochenende weilen rund 30 Nachkommen von Max Raphael und Gertrud Hahn in Göttingen. Sie leben unter anderem in Kanada und Südafrika. Dies sei das erste Mal, dass die Nachkommen der Hahns in solch großer Anzahl an einem Ort zusammenkämen, hieß es bei der bewegenden Feierstunde im Städtischen Museum.

Das Städtische Museum Göttingen ist eines der ältesten stadt- und kulturgeschichtlichen Museen Niedersachsens mit einem überregional bedeutenden Sammlungsbestand, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Da auch in Göttingen der Verdacht bestand, dass sich in dieser Sammlung Objekte befinden, die unter dem NS-Regime auf dem Wege der „Arisierung“ jüdischen Besitzes in das Museum gelangten, habe das Museum Göttingen als erstes und bisher einziges stadt- und kulturgeschichtliches Museum Niedersachsens von 2008 bis 2010 ein eigenes Projekt zur Provenienzrecherche eingeführt, in deren Rahmen rund 5.000 Eingangseinträge untersucht worden seien.

115 Objekte identifiziert

Als Ergebnis konnten 115 Objekte identifiziert werden, die ihren jüdischen Vorbesitzern unrechtmäßig entzogen worden waren, beispielsweise Möbel, Haushaltsgegenstände, Gemälde und Zeichnungen. Sie wurden sämtlich in der Datenbank “Lost Art“ eingestellt.

In einem anderen Fall haben die Nachkommen nach Angaben der Stadtverwaltung  auf eine Rückerstattung verzichtet und dem Museum die von den Nationalsozialisten geraubten Objekte überlassen. Mit der Restitution der Objekte wolle die Stadt Göttingen ein kleines Zeichen für die Wiedergutmachung großen Unrechts setzen, das den Eheleuten Hahn, aber auch den anderen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zugefügt worden sei.

„Die Möbel der Familie Hahn“ heißt eine Ausstellung, die von Sonntag, 9. November, bis zum 25. Januar im Museum am Ritterplan zu sehen ist.

Stadt Göttingen gibt erstmals jüdisches Kulturgut zurück. © Heller

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