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Erinnerung an Beginn der Reformation in Göttingen

Städtisches Museum Erinnerung an Beginn der Reformation in Göttingen

An den Beginn der Reformation in Göttingen erinnert das Städtische Museum am Donnerstag, 24. August. Mit der Störung einer Prozession begann an diesem Tag vor 488 Jahren die Durchsetzung des evangelischen Glaubens. Das Buch, das den Ablauf von Prozessionen regelte, wird an diesem Tag aufgeschlagen.

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Kulturanthropologin Andrea Rechenberg mit dem Prozessionale

Quelle: Peter Heller

Göttingen. Gestochen scharf sind die Buchstaben in altertümlicher Schrift, die wohl ein Göttinger Dominikanermönch einst mit schwarzer Tinte auf Pergament schrieb. In rotes Leder ist das Buch, ein sogenanntes Prozessionale, gebunden und mit Messingschlössern versehen. „Das Buch, das im Laufe der Jahre mit handschriftlichen Bemerkungen ergänzt wurde, regelte unter anderem wer wo im Umzug mitgehen durfte und an was für Stellen in Göttingen welche Lieder zu singen waren“, erläutert Kulturanthropologin Andrea Rechenberg. Sie hat die im April eröffnete Ausstellung „1529 – Aufruhr und Umbruch“, in der das Prozessionale gezeigt wird, konzipiert. 3000 Bürger haben die Ausstellung bereits besucht.

Englischer Schweiß

„Mit solchen Umzügen, bei denen vorneweg ein Kreuz getragen wird, bitten Katholiken um göttlichen Beistand“, führt Rechenberg aus. Beistand hatten die Göttinger 1529 bitter nötig. Der Englische Schweiß, eine bis heute nicht identifizierte Infektionskrankheit, wütete in der Stadt. 400 der 4000 Bewohner Göttingens starben. In ihrer Not riefen die Menschen Gott an. Eine Prozession sollte dem Nachdruck verleihen. Sie begann am Rathaus und führte durch die Stadt. Zweimal durchschritten die Gläubigen die Stadttore, um außerhalb der Stadtmauer liegende Kapellen aufzusuchen. Den genauen Streckenverlauf können Ausstellungsbesucher auf einem Stadtplan verfolgen.

Lieder auf Deutsch

Mit einem auf Deutsch – und nicht wie üblich auf Latein – angestimmten Kirchenlied störten die neuen Wollenweber den Umzug. Die Handwerker waren in den vorangegangenen 60 Jahre aus Flandern angeworben worden, um das Tuchmacherwesen in der Stadt neu zu beflügeln. Die Nachfrage nach dem einst geschätzten Göttinger Tuch war eingebrochen. Handwerker anderer Städte vermochten es breiter und farbig zu weben.

„Dass sich die neuen Wollenweber so lautstark für die Reformation einsetzten, hatte nicht nur religöse Gründe“, betont Rechenberg. Die Gilden und Handwerksinnungen waren damals unzufrieden mit der Politik des Rats, dem alteingesessene Kaufmannsfamilien angehörten. Bereits 1514 hatte es einen Aufstand der Handwerker gegeben. Der Rat war vertrieben worden. Truppen des Herzog Truppen erzwangen ihre Rückkehr. Entsprechend unsicher reagierte die politische Vertretung der Stadt 1529. Einzelne Ratsmitglieder traten zum neuen Glauben über.

Todesstrafe

„Der bei Todesstrafe verbotene Besuch von evangelischen Predigten vor den Stadttoren wurde von so vielen Göttingern unterlaufen, dass der Rat die Regel wieder aufhob“, führt Rechenberg aus. Der evangelische Prediger Friedrich Hüventhal durfte vor dem Rathaus predigen, wurde aber bald darauf der Stadt verwiesen. Er hatte zum Bildersturm aufgerufen. Bürger sollten die Kirchen und Klöster stürmen, Heiligendarstellung herausreißen und öffentlich verbrennen.

Neubesetzung des Rats

Der Rat arrangierte sich mit den unzufriedenen Handwerkern und beteiligte sie an der Macht. „Im erwähnten Rezess geht es daher vor allem um die Neubesetzung des Rats“, berichtet Rechenberg. Die Einführung der Reformation dagegen war den Vertragsparteien, dem Rat und den Bürgern, nur wenige Zeilen wert.

Der Eintritt ins Museum ist am Donnerstag, 24. August, frei.

Von Michael Caspar

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