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Städtisches Museum will ehemals jüdische Besitztümer zurückgeben

Moralisch verpflichtet Städtisches Museum will ehemals jüdische Besitztümer zurückgeben

In einer Ausstellung des Städtischen Museums sind bis zum 25. Januar Besitztümer von Max Raphael und Gertrud Hahn zu sehen, eines zur Zeit des Nationalsozialismus ermordeten jüdischen Ehepaares aus Göttingen.

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Sehen zum ersten Mal die zur Zeit des Nationalsozialismus zwangsversteigerten Familienmöbel: Nachfahren des jüdischen Ehepaars Hahn.

Quelle: Heller

Göttingen. Die Exponate sollen an Nachfahren der Hahns übergeben werden – im Zuge der sogenannten Restitution, der Rückgabe geraubter oder zwangsverkaufter Kulturgüter. Dazu hat sich das Städtische Museum als erste stadt- und kulturgeschichtliche Einrichtung in Niedersachsen verpflichtet.

„Die Möbel der Familie Hahn zeugen von der Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft vor 1933, ihre Verfolgung und Ermordung unter der NS-Herrschaft und den Umgang von Stadt und Museum damit nach 1945“, sagt Ernst Böhme, Göttinger Stadtarchivar und Leiter des Städtischen Museums. Jahrelang standen sie unkommentiert als Beispiel bürgerlichen Lebens in der Ausstellung.

Dagmar Schlapeit-Beck, seit 2002 Kulturdezernentin der Stadt Göttingen, war die Rückgabe unrechtmäßig erworbenen Eigentums ein Anliegen. Von 2008 bis 2010, im Zuge der Verbereitungen einer Ausstellung über den jüdischen Maler Hermann Hirsch, durchforsteten Museumsmitarbeiter systematisch die Bestände. Und fanden Gegenstände aus jüdischem Besitz, die das Museum nach 1933 bei Finanzamtsversteigerungen gekauft hatte. „Juristisch hat das Museum alles rechtmäßig erworben, aber das Mittel der Arisierung genutzt, um die Sammlung abzurunden“, meint Böhme. „Wir sehen uns moralisch verpflichtet, diese Gegenstände zurückzugeben“, ergänzt Schlapeit-Beck.

115 Fundstücke wurden in der Internet-Datenbank Lostart.de der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste registriert. Im Fall von Hermann Hirsch stießen die Museumsmitarbeiter über die Recherchen zur Ausstellung auf Verwandte des Malers. Enkel und Urenkel des Ehepaars Hahn suchten aus eigenem Antrieb den Kontakt nach Göttingen. Und besuchten die Stadt jetzt unter anderem für die Ausstellungseröffnung. „Es war ergreifend, zu sehen, was unsere Geste bewirkt hat“, sagt Schlapeit-Beck. 17 Möbel, Gegenstände und Zeichnungen aus dem Hahnschen Erbe sollen demnächst per Spedition nach Toronto verschickt werden.

Die Kulturdezernentin und der Museumsleiter hoffen, in der Zukunft weitere ehemals jüdische Besitztümer zurückgeben zu können. „Eine andere Familienlinie wird derzeit geprüft“, berichtet Böhme. Die intensive Beschäftigung mit der Restitution hat aus seiner Sicht einen Nebeneffekt: „So werden sich die Museumsmitarbeiter der Sammlungsgeschichte bewusst.“

Restitution an der Uni

Göttingen. Restitution ist auch an der Universität Göttingen ein wichtiges Thema. Hunderte von Büchern und Objekten haben vor allem die Staatliche Universitätsbibliothek (SUB) und die Ethnologische Sammlung in der Internet-Datenbank Lostart.de der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste beschrieben.

Die SUB startete 2008 ein systematisches Forschungsprojektes zur Ermittlung und Restitution unrechtmäßig erworbener Literatur in der Zeit des Nationalsozialismus. „Das waren vor allem Bücher aus SPD- oder Gewerkschaftsbibliotheken“, erklärt Silke Glitsch, Stabsstellenleiterin Öffentlichkeitsarbeit der SUB.

Überprüft wurden die Zugänge von 1933 bis 1950, „rund 8000 wurden als verdächtig eingestuft“. So auch 167 Bücher aus dem Bestand der Arbeiterzentralbibliothek Verden, die dem dortigen SPD-Ortsverein übergeben wurden. Oder 75 Bücher, die der Sozialdemokrat Heinrich Troeger der Universitätsbibliothek 1934 aus Furcht vor politischer Verfolgung übergab.

„Das war rechtlich ein Geschenk, moralisch ist es als Raubgut anzusehen“, sagt Glitsch. Die Projektmitarbeiter ermittelten Troegers Erben – und vereinbarten, dass die Werke der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung übergeben werden. Die Projektförderung ist ausgelaufen, „aber wir suchen weiter“, betont Glitsch. Noch sei nicht alles zurückgegeben, was als Raubgut identifiziert wurde.

Komplizierter ist die Rückgabe von Raubgut aus der Ethnologischen Sammlung, da nicht mit privaten Erben sondern oft auf Staatsebene verhandelt werden muss. Auch am Institut für Ethnologie wurde nach Raub- und Beutekunst geforscht. „Rund 300 Objekte haben wir gefunden“, berichtet Kustos Gundolf Krüger, darunter „human remains“, Kultgegenstände aus menschlichen Überresten, und Beutekunst. Zu letzterer zählen südamerikanische Federarbeiten und Holzmasken der Dan aus Liberia, die aus dem Ethnographischen Museum im polnischen Lodz stammen – aufgelöst im September 1939 durch die Wehrmacht. „Das möchten wir geschlossen zurückgeben.“

Zwei Mokomokai, mumifizierte Köpfe von neuseeländischen Ureinwohnern, gelangten im 19. Jahrhundert nach Göttingen. Auch sie sollen zurückerstattet werden. „Wir haben unsere Nachforschungen abgeschlossen – jetzt ist die Politik an der Reihe“, sagt Krüger.

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