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Stefan Wolter als Bausoldat der Nationalen Volksarmee der DDR

„Koloss von Prora“ Stefan Wolter als Bausoldat der Nationalen Volksarmee der DDR

Der Strand, der nur wenige Meter entfernt von der Kaserne liegt, war für die Männer unerreichbar. Prora ist und war ein unwirklicher Ort: Die über vier Kilometer lange Kasernenanlage liegt idyllisch auf Rügen und war gleichzeitig der größte Stützpunkt der Bausoldaten, die zur  Nationalen Volksarmee der DDR gehörten.

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Doppelte Geschichte: Der „Koloss von Prora“ wurde als Erholungsort im Dritten Reich geplant und in der DDR als Kaserne genutzt.

Quelle: EF

Göttingen. Hier trugen Soldaten Spaten statt Waffen, ein wenig respektiertes Auffangbecken für Pazifisten und Querdenker, und die einzige Möglichkeit, keinen Dienst an der Waffe verüben zu müssen.

Einer von ihnen war der Historiker und Autor Stefan Wolter, der für ein Erzählcafé des Zeitzeugenprojekts nach Göttingen gekommen ist.

Den 18-monatigen Wehrdienst verbrachte der Pastorensohn mit der Konstruktion des Fährhafens Mukran, zumindest, wenn es gerade Material gab, um diesen zu bauen. Die meiste Zeit erzählt er über das, was sich in den ursprünglich von den Nazis errichteten Mauern abspielt, die den Koloss als monumentales KdF-Bad nutzen wollten.

„Prora war der Ort der heimlichen Aufrüstung der DDR. Und wie das Militär die Leute im Griff hatte, ist heute nicht mehr so bekannt“, sagt Wolter nicht zum letzten Mal während des Gesprächs.

Diejenigen, die hier ihren Wehrdienst ableisten mussten, hatten es nicht einfach. Unnützer Drill, Strafen und Isolation bestimmten ihren Alltag, von der generellen Ächtung, der sich Wehrdienstverweigerer ausgesetzt sahen, einmal abgesehen.Wolter ärgert es sichtlich, dass der Gebäudekomplex seiner Ansicht nach heute vor allem als Nazi-Bau verstanden werde. Sätze wie „Eine NS-Anlage lässt sich touristisch besser verkaufen“ zeugen von Verbitterung.

Seine Erlebnisse, die er in zahlreichen Büchern geschildert hat und von denen das 2005 erschienene „Hinterm Horizont allein – Der Prinz von Prora“ vielleicht das eindrücklichste ist, machen diese Verbitterung verständlich. Weniger überzeugend kommen Wolters Thesen daher, dass die doppelte Geschichte von Prora in einer „Medienkampagne“ bewusst umgedeutet werde.

„Leute, die die DDR-Vergangenheit weghaben wollen, sind überall“, meinte Wolter auch in Hinblick auf die Regierung. Viele seiner Zuhörer zeigten sich in Nachfragen diesbezüglich skeptisch.

Unstrittig ist, dass sich der heute in Berlin lebende Autor sehr verdient um die Aufarbeitung gemacht hat. Seine Kritik, dass das repressive Ausmaß der Militarisierung des Unrechtsstaates nicht sehr oft Aufmerksamkeit finde, hat er überzeugend dargelegt.

Von Jonas Rohde

Die nächste Erzählcafé mit dem Titel „Ich hatte einen Schießbefehl – Gezählte Tage im Eichsfeld“  beginnt am Mittwoch, 12. November, um 17 Uhr in den Räumlichkeiten des Zeitzeugenprojekts, Am Goldgraben 14.
 

Der „Koloss von Prora“ wurde als Erholungsort im Dritten Reich geplant und in der DDR als Kaserne genutzt. © dpa

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