Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Stern-Abschied zwischen Weinen und Lachen

Buntes Varieté-Programm Stern-Abschied zwischen Weinen und Lachen

Das Sterntheater ist geschlossen. Am Montagabend haben sich Eigentümer und Kinobetreiber mit einer Filmvorführung und einem Variété-Programm verabschiedet. 460 Gäste nahmen zum allerletzten Mal in den roten Kinosesseln Platz.

Voriger Artikel
Drei Personen in Autowracks eingeklemmt
Nächster Artikel
Zwei Jahrzehnte Filmgeschichte aufbewahrt

Lichteffekte für den „Fürst der Finsternis“: Comedian Martin Sierp hilft den letzten Gästen des Sterntheaters über den Trennungsschmerz hinweg.

Quelle: Hinzmann

"Adieu, mein Stern“, steht in blauer Schrift auf der Leuchttafel. Gleich daneben bedanken sich die Mitarbeiter bei allen Kinobesuchern für ihre Anteilnahme. Menschen steigen zum letzten Mal die Treppe hinauf, öffnen die Glastür und reihen sich ein in die Schlange an der Kasse. Gedämpftes Licht, Popcorn-Duft dringt in die Nase, Wortfetzen aus dem Gemurmel hunderter von Menschen erreichen das Ohr: „Traurig“, „Das ist schade“.

Das Stern ist verkauft, sein Abriss beschlossen (Tageblatt berichtete). An diesem Abend aber geht es noch einmal zurück in die Vergangenheit. „Die 50er Jahre in Göttingen“ heißt der vom Tageblatt produzierte Film, mit dem die Gäste der Abschiedsvorstellung in die Nachkriegsjahre zurückreisen – die Zeit, in der auch das Stern seine ersten Kinofilme zeigte. „Ich habe alle gesehen“, erinnert sich Charlotte Krause, deren Ehemann Kurt das Sterntheater 1955 kaufte. Jetzt ist es aus dem Familienbesitz an einen anderen Eigentümer übergegangen. „Wir konnten es doch nicht mehr halten“, sagt die 91-Jährige.

Mit einer Häkeldecke auf den Beinen sitzt sie in der ersten Kinoreihe und erinnert sich an die Zeit, als sie Eintrittskarten abriss und sich Filme ansah. 61 Jahre lang habe sie im Stern gearbeitet. Die Frage nach ihrem Lieblingsfilm beantwortet Charlotte Krause nach kurzem Nachdenken: „Irma La Douce“, sagt sie. Der Film mit Shirley MacLaine lief 1963.

Eine Familientradition lässt Krauses Enkel Martin Lübcke am Abschiedsabend aufleben. Mit einigen Kollegen verwandelt der „Unbegreifliche Magier“ die Bühne des ausgedienten Lichtspielhauses wieder in das Variété, das es einmal war. Lübcke verbrennt 50-Euro-Scheine, die als 500er wieder auftauchen, trickst mit Karten und Seilen und bringt Tischchen zum Schweben. Seine Assistentinnen holt er sich per Frisbee-Wurf aus dem Publikum, bis auf den sechsjährigen Wanja, der ganz freiwillig den aufregenden Schritt auf die Bühne wagt und mit Begeisterung dabei hilft, einen Kronkorken in die Flasche zu bekommen. Unterstützt wird Lübcke von der Sängerin Alicia Emmi Berg und dem Akrobaten Robert Choinka, der sein Publikum vor allen durch einen Beinahe-Striptease im Handstand verblüfft.

Beinahe-Striptease im Handstand: Robert Choinka.

Zur Bildergalerie

Meister der Maske ist an diesem Abend aber der Comedian Martin Sierp, der als Lagerfeld-Double und manirierter Showmaster das Sternpublikum mit Zaubertricks amüsiert – und als Fürst der Finsternis bei Vorführung seiner „Echoortung“ zu wahren Lachsalven hinreißt. So endet der traurige Abschiedsabend für das Sternkino eher fröhlich – so mancher Besucher hat das Grinsen noch im Gesicht, als er direkt aus dem Kinosaal auf die Sternstraße tritt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Vom Winde verweht

Im Jahr 1949 wurde in Göttingen das Sterntheater eröffnet. 1955 übernahm der spätere Kino-Mogul Kurt Krause das Lichtspielhaus. Aus dieser Zeit stammen überwiegend die Filmbroschüren, die Ingrid Hoffmeister sorgfältig aufbewahrt und dem Tageblatt jetzt zur Verfügung gestellt hat – für „den Abschied vom Sterntheater“, schreibt die Göttingerin.

mehr