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Stiche in Kinderrücken keine Heimtücke

Landgericht verhandelt gegen Messerstecher Stiche in Kinderrücken keine Heimtücke

Für Zuhörer ist die Argumentation der höchsten Strafrichter kaum zu verstehen: Obwohl der damals 20 Jahre alte Göttinger Elvir B. am 6. Juni 2009 dem erst sechs Jahre alten arglosen Sohn seiner Lebensgefährtin zweimal ein Küchenmesser in den Rücken rammte, handelte er nach Auffassung des Bundesgerichtshofes (BGH) nicht heimtückisch.

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Der Angeklagte (Mitte) spricht im Landgericht im Beisein eines Justizbeamten mit seiner Dolmetscherin. In einer Neuauflage des Prozesses wegen versuchten Mordes an einem kleinen Jungen und dessen Mutter steht der 23-Jährige vor dem Landgericht Göttingen.

Quelle: dpa

Göttingen. Er sei sich der Ahnungslosigkeit des Opfers nicht bewusst gewesen. Es war also kein Mordversuch. Deshalb muss seit gestern eine andere Kammer des Landgerichts den Fall erneut aufrollen.

Das findet auf Antrag der Verteidigung erneut unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Unter Missfallensbekundungen der Zuhörer werden Persönlichkeitsrechte des Angeklagten sowie Bedrohung durch Mitglieder der Opfer-Familie und Diskriminierung auf rechtsradikalen Internetseiten als Begründung genannt.

Elvir B. war am 23. Juni 2011 nach neun Monaten Verhandlung von der Jugendkammer des Landgerichts wegen versuchten Mordes, versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hatte am 6. Juni 2009 nach dem Meisterschaftsspiel seiner Fußballmannschaft gefeiert, hatte nachts seine frühere Lebensgefährtin in ihrer Wohnung am Holtenser Berg aufgesucht und nach einem Streit versucht, mit ihr zu schlafen. Als es wieder zum Streit kam,  holte er ein 30 Zentimeter langes Messer aus der Küche und griff seine Freundin an.

Als der sechs Jahre alte Sohn der Frau – Vater ist ein Cousin des Angeklagten – erwachte und nach seinem Handy suchte, um die Polizei zu rufen, stach B. dem Kind zweimal in den Rücken. Der kleine Junge wurde so schwer verletzt, dass er ein Leben lang gelähmt bleiben wird. Er musste reanimiert werden, erlitt einen Gehirninfarkt mit bleibenden Schäden und ist für immer auf künstliche Luftröhre und Darmausgänge angewiesen. Auch die junge Frau erlitt lebensgefährliche Verletzungen, als der Angreifer noch siebenmal auf sie einstach. Er floh nach der Tat ins Kosovo, wurde später in Montenegro gefasst.

Zur Vorgeschichte der Bluttat gehört, dass der Angeklagte sein Opfer liebte, seine Familie ihn aber mit einer anderen Frau in Kassel verheiratete und beider Familien die Beziehung zu verhindern suchten. Sie alle gehören der Volksgruppe der Roma an. Deshalb habe er der Anordnung der Familie folgen müssen, worauf ihm die junge Deutsche, ebenfalls eine Roma, schwere Vorwürfe machte.

Das Gericht wird im neuerlichen Prozess auf Vorgabe des BGH auch zu prüfen haben, ob für den zur Tatzeit  heranwachsenden 20-Jährigen nicht doch Jugendrecht anzuwenden ist.

Der Artikel wurde aktualisiert.

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Versuchter Mord

Im Prozess gegen den 22-jährigen Elvir B. wegen versuchten Mordes ist gestern die Öffentlichkeit für den Rest des Verfahrens ausgeschlossen worden. Durch eine öffentliche Hauptverhandlung, begründete das Gericht diesen Beschluss, drohe dem zur Tatzeit noch Heranwachsenden „in einem besonderen Maße eine Bloßstellung, wodurch seine persönliche, soziale und berufliche Entwicklung negativ beeinflusst werden könne“.

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