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"Gefängnis war schon ein Schlag ins Genick"

Aus dem Amtsgericht "Gefängnis war schon ein Schlag ins Genick"

Vor dem Amtsrichter sitzt ein geläuterter Straftäter. Gerade kommt er aus dem Gefängnis - und freiwillig erneut ins Gericht. Diesmal muss er sich wegen Ladendiebstahls verantworten. Er findet einen verständnisvollen Richter.

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Ein erneuter Gefängnisaufenthalt bleibt dem Verurteilten ersparrt.

Quelle: dpa

Göttingen. Angeklagt ist der Diebstahl eines mobilen Stromversorgers, eines Seitenschneiders und einer DVD-Hülle (75 Euro) sowie von CDs und DVDs (100 Euro). Beide Taten bei Real, dort, wo er ohnehin schon Hausverbot hatte. Die Sachen, sagt er, die er als Obdachloser ohnehin nicht hätte gebrauchen können, habe er vorgehabt einzutauschen - gegen Essen und Getränke, am ehesten wohl gegen Alkohol.

Richter und Staatsanwältin erfragen sich die Geschichte eines Absturzes auf allen Ebenen. Einen Beruf hat der 27-Jährige, der ursprünglich aus der Gemeinde Gleichen stammt, nicht erlernt. Er wollte Altenpfleger werden, bekam auch gute Beuteilungen als Praktikant. Dann kam einerseits der Auszug aus dem Elternhaus, andererseits der Absturz in den Alkohol. Als der Opa starb, habe ihm das "den Boden unter den Füßen weggerissen". Ob auch Drogen im Spiel waren, das erfährt das Gericht nicht. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls stufte die Diebstähle als Beschaffungskriminalität ein.

Nach dem Auszug zu Hause lebte der Angeklagte einige Zeit in seinem Auto. Damit war es vorbei, als er unter Drogen- und Alkoholeinfluss im Sekundenschlaf einen Unfall baute: Auto kaputt, Führerschein weg, Verurteilung zu Geldstrafe. Weil er das Geld nicht hatte - selbst seine Arbeitslosen-Anträge ließ er schluren - , folgte eine Ersatzfreiheitsstrafe. Einen Monat hat er im Gefängnis gesessen, ehe ihn Freunde auslösten und den Rest der Strafe für ihn bezahlten. Dabei, so räumt er heute ein, habe er schon vorher viele Freunde und Bekannte verloren, "weil ich sie mit meiner Notlage unter Druck gesetzt habe, mir was abzunehmen". Gemeint ist das Diebesgut, das er gegen Lebensmittel eintauschte - "am liebsten gegen ein warmes, selbstgekochtes Essen".

"Sonst habe ich immer nur Essen geklaut"

Auch an den Tattagen reichte es nicht für Essen. Einen Euro fand der Kaufhausdetektiv bei dem erwischten Dieb. Mit dem zweiten hatte er eine Dose Billigbier bezahlt, die Diebesbeute unter der Jacke aber nicht.

Die Diebstähle gibt der 27-Jährige unumwunden zu, obwohl er grübelt: "Sonst habe ich immer nur Essen geklaut." Weil die Taten noch vor der vorausgegangenen Verurteilung lagen, muss die Strafe gemildert werden. Heraus kommen 65 Tagessätze zu je 20 Euro Geldstrafe, zahlbar in kleinen Raten. "Dankeschön", sagt er erleichtert. Nur kein Gefängnis. "Das war schon ein Schlag ins Genick". Er habe unbedingt raus gewollt, um als freier Mann ins Gericht zu kommen, nicht in Fesseln vorgeführt. Er nimmt das Urteil sofort an. "Darf ich die Strafe auch abarbeiten?" Das muss die Staatsanwaltschaft entscheiden.

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