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Streit um Wohnheim Humboldtallee 9 in Göttingen

Wortgefechte Streit um Wohnheim Humboldtallee 9 in Göttingen

Im Streit um das Studentenwohnheim Humboldtallee 9 sind der Geschäftsführer des Studentenwerkes, Jörg Magull, und rund 25 Bewohner, Mitglieder der Wohnrauminitiative und Sympathisanten am Dienstagnachmittag aneinander geraten.

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Humboldtallee 9: Streit um Mitbestimmung.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Im Foyer der Zentralmensa kam es zwischen ihnen zu Wortgefechten. „Magull muss weg“, skandierten die Personen. Er sei bedrängt und beleidigt worden, berichten Augenzeugen. Magull selbst gibt an, dass auch Drohungen gegenüber seiner Familie ausgesprochen worden seien. Erst zwei von Magull alarmierte Polizisten entschärften die Situation, bei der nach Polizeiangaben eine Mitarbeiterin des Studentenwerkes verletzt wurde. Magull habe Anzeige wegen Nötigung gestellt, sagte Polizeisprecher Joachim Lüther.

Ein Sprecher der Wohnrauminitiative erklärte die hitzige Situation mit den aufgewühlten Emotionen der Wohnheimbesucher. Denn zuvor hatten Magull und Mitarbeiter das Wohnheim besucht und sich Zutritt zur Dachgeschosswohnung verschafft, um sich dort ein Bild von deren Zustand zu machen.

„Dass Magull nun tatsächlich in die Wohnung unserer neuen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner eindrang, ist für die dort Wohnenden sehr unangenehm“, sagte eine Hausbewohnerin. “Bisher hat das Studentenwerk keinen Schritt auf uns zu getan, im Gegenteil spricht es Drohungen gegen unsere Hausgemeinschaft aus", so der Vorwurf einer Bewohnerin.

In der Wohnung sollen ab Mitte Oktober ohne Mitbestimmung der Hausgemeinschaft internationale Erasmus-Studenten einziehen. Doch die leeren Zimmer sind inzwischen von Studenten bezogen, die sich zuvor bei der Hausgemeinschaft vorgestellt hatten. Anfang Oktober, so das Studentenwerk, habe die Eingangstür zur Wohnung gefehlt, widerrechtlich hätten sich Personen Zutritt zur Wohnung verschafft.

„Methoden wie im Wilden Westen"

Darauf hatte das Studentenwerk schriftlich mitgeteilt, dass es darin Hausfriedensbruch, Einbruchdiebstahl und Sachbeschädigung sieht. „Wir gehen weiterhin von Einbruchsdiebstahl aus. Die Wohnung wird widerrechtlich genutzt“, sagte Magull am Dienstag. Die Situation soll nun analysiert werden. Man behalte sich weiterhin vor, Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Einbruchdiebstahl zu stellen, sagte Magull. „Methoden wie im Wilden Westen kann ich nicht akzeptieren.“

Den Vorschlag der Hausgemeinschaft, dass das Studentenwerk das Haus an einen gemeinnützigen Verein vermietet, um so der Hausgemeinschaft an den Entscheidungen zur Belegung der Wohnheimplätze zu beteiligen, lehnt Magull ab. Er fürchtet wiederum, dass dadurch das Studentenwerk die Kontrolle verliert und nicht nur Studenten einen Wohnheimplatz belegen. Magull machte deutlich, dass die Zahl der Studienplätze für Erasmus-Studenten von der Uni „stark“ erhöht worden ist. Wegen der Kurzfristigkeit ihrer Mietverträge hätten die ausländischen Austauschstudenten kaum Chancen, eine Wohnung zu finden, außer über das Studentenwerk. Das Studentenwerk werde diese Plätze künftig um 100 erhöhen.

Unterdessen fordert die Wohnrauminitiative, das Magull an den Verhandlungstisch zurückkehrt. "Anstatt Verhandlungsbereitschaft zu zeigen droht Jörg Magull Mieterinnen und Mietern", sagt eine Sprecherin.

„Wer einen Konsens aufkündigt, muss mit dem Konflikt leben“

Für die Antifaschistische Linke International (Ali) stellen sich "die kurzfristigen Belegungen der Wohnheimswohnungen" seit längerer Zeit in der Studentenwerkspolitik als Mittel dar, "um mittelfristig die Immobilien sanieren und hinterher den Mietpreis erhöhen zu können", heißt es in einer Solidaritätserklärung. Jetzt drohe das Studentenwerk sogar der gesamten Hausgemeinschaft mit "drakonischen Maßnahmen". Eine Sprecherin verwies auf eine seit langem in Göttingen bestehende "Kultur selbstbestimmten Wohnens", in deren Zusammenhang gerade in den Studentenwerkshäusern die Selbstverwaltung durch die Hausgemeinschaften und kollektive Mietverträge akzeptiert wurden.

Die Ali beobachte zunehmend, dass diese Kultur durch die Sanierungspolitik des Studentenwerks in Frage gestellt und damit ein Konsens über einen "sich verschärfenden Wohnraumkonflikt" einseitig aufgekündigt werde. Mit den "unverhohlenen Drohungen" sei jetzt deutlich eine Grenze zu einem offenen Konflikt überschritten worden. „Viele Häuser in der Stadt sind durch linke Bewegungen erkämpft worden. Wir sind als Teil der radikalen Linken nicht bereit, diese jetzt den Aufwertungsinteressen des Studentenwerks Preis zu geben.“ In Richtung Studentenwerks sagte sie: „Wer einen Konsens aufkündigt, muss mit dem Konflikt leben.“

Unterstützung bekommt die Hausgemeinschaft Humboldtallee 9 von der Hausgemeinschaft Rote Null. Sie fordert vom Studentenwerk, dass es "die Gängelung der Selbstverwaltung" einstelle und die Autonomie seiner Wohnheime fördere. Das Studentenwerk solle sich für "günstigen Wohnraum" im Stadtgebiet einsetzen und Konzepte entwickeln, die ein "gemeinsames, selbstverwaltetes Wohnen" förderten.

"Eher perfide"

Auch die Stadt Göttingen und das Land Niedersachsen müssten Konzepte entwickeln, günstigen Wohnraum in Innenstadt und im Stadtgebiet zu ermöglichen. "Dieser Wohnraum soll nicht nur für Studierende, sondern auch für Flüchtlinge, Arbeitslose und Arbeiter ausreichen und bezahlbar sein. Darin müsse ein langfristiges Ziel zur Lösung des Wohnraumproblems in Göttingen bestehen", heißt es in einer Mitteilung.

Für die Grüne Jugend ist das vom Studentenwerk angewandte Mittel, ein Mitbestimmungsrecht bei der Belegung der Wohnplätze zu verwehren, zudem "bestens dazu geeignet, Selbstbestimmung und Hausgemeinschaft zu zerstören".

"Warum also jetzt wieder mal der Versuch, alte Vereinbarungen, langjährig praktizierte kollektive Wohnformen aufzukündigen und zu zerstören", fragt der ehemalige Ratsherr der Linken, Gerd Nier. Der Hinweis, für ausländische Erasmus-Studenten Platz zu schaffen, die in der Regel nur relativ kurze Zeit in Göttingen verweilten, dürfte vorgeschoben sein und wirke deshalb "eher perfide", weil damit versucht werde, "ausländische Studenten gegen die engagierten jetzigen Bewohner und die Wohnrauminitiative auszuspielen", sagte Nier.

Es wäre sinnvoll und an der Zeit, dass das Studentenwerk die angebotene Lösung, das Haus an einen Verein zu vermieten, ernsthaft aufgreift, aufhört mit Drohgebärden und auf die berechtigten Belange und Forderungen der Bewohner des Gebäudes in der Humboldtalle eingeht. "Das Studentenwerk muss wieder an den Verhandlungstisch", sagte Nier.

Streit um das Studentenwohnheim Humboldtallee 9. © Hinzmann

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Wirtschaftlichkeit nicht Hauptrolle
Streitobjekt: das Wohnheim in der Humboldtallee 9.

Die Göttinger Grünen appellieren im Streit um das Wohnheim Humboldtallee 9 an beide Parteien – die Bewohner und das Studentenwerk – nach einem Kompromiss zu suchen. „Eine weitere Eskalation dient weder dem Studentenwerk noch der Hausgemeinschaft“, sagte Valentin Büchi, Mitglied des grünen Stadtvorstandes.

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