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Sudanesen im Flüchtlingsunterkunft an der Breslauer Straße Göttingen

Suche nach Sicherheit Sudanesen im Flüchtlingsunterkunft an der Breslauer Straße Göttingen

Woche für Woche kommen neue Flüchtlinge nach Göttingen, zur Zeit sind es zehn bis 20 pro Woche, die in der Stadt untergebracht werden müssen – viele von ihnen stammen aus Syrien oder Afrika. Der größte Teil der Menschen, die in städtischen Flüchtlings-Unterkünften leben, kommt allerdings  aus Balkan-Staaten.

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Aus dem Süden des Sudan nach Deutschland in Sicherheit: James (21 Jahre) träumt von einem Job als Profifußballer.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Einige der Menschen haben aber deutlich längere Wege hinter sich gebracht. 20 junge Männer aus dem Sudan leben seit einigen Tagen im ehemaligen Rechnungsprüfungsamt an der Breslauer Straße. „Eine Männer-WG“, sagt Göttingens Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck.  Der Stadt Göttingen werden jede Woche vom Land neue Flüchtlinge zugewiesen.  Wer bleiben darf, und wer nicht, darüber entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

„Die Musik stammt aus dem Kongo“

Aus dem Mobiltelefon, das auf dem hellen Linoleumboden der ehemaligen Amtsstube liegt, dudelt leise afrikannische Pop-Musik. Zwei Betten, an jeder Seite der Wand eines, dazwischen ein Meter Platz, ein Tisch, die Vorhänge fehlen noch.

Auf dem Bett sitzt James. „Die Musik stammt aus dem Kongo“, sagt der 21-jährige Sudanese mit dem Irokesenhaarschnitt. Er ist einer von 20 jungen Männern aus dem Sudan, die seit einigen Tagen im ehemaligen Rechnungsprüfungsamt an der Breslauer Straße untergebracht sind.

James kommt aus dem Südsudan, ein Land, das auch nach der Unabhängigkeit vom arabischen Norden politisch nicht zur Ruhe kommt. Zwei große Dosen Schokoladen-Getränkepulver, Mayonaise, Weißbrot und Haarlack-extra-strong stehen auf dem kleinen Tisch. James mag Schokoladenmilch. Und Fußball. Sein Traum ist es, als Profifußballspieler einen Job in Deutschland zu finden.

Flüchtlingszahlen

Die Träume der jungen Männer sind so unterschiedlich wie ihre Lebensgeschichten. Sie alle sind zwischen 20 und 32 Jahren alt, sie alle sind auf der Flucht und auf der Suche nach Sicherheit und einem kleinen bisschen Glück im Leben. Christian ist in einem Zug von Holland nach Deutschland von der Polizei gestoppt worden.

Einen Pass besitzt der 32-Jährige nicht. Sein Leben: eine einzige Flucht. Der Vater stammt aus Benin, er hat versucht, sein Kind mit einem Messer umzubringen, eine Narbe an Christians Hals zeugt davon. Er lebte im Sudan, als junger Mann flüchtet er, zunächst nach Holland. Ein paar Jahre hier, ein paar dort, nun ist er in Göttingen gestrandet. Sein Name ist Programm, Christian gehört dem christlichen Glauben an. Wohin  die Reise seines Leben geht? „I don`t know“, ich weiß es nicht, sagt er.

Afrikanischen Bohneneintopf

Es riecht nach in Öl angebratenen Zwiebeln. In der Küche stehen vier weitere junge Männer und kochen Mittagessen. Auf dem Herd brodelt afrikanischen Bohneneintopf in rötlicher Soße vor sich hin. Viele der Männer tragen Schlappen, kurze Jogginghosen, T-Shirts. Draußen herrschen Temperaturen um Null Grad. Zum Fototermin im Freien ziehen sie dann doch lieber ihre Jacken, Mützen, Turnschuhe und lange Hosen an.

Viel erzählen die jungen Afrikaner nicht, nur einige wenige – wie Chris, James, Musa und Jammar-Mohammed – sprechen ein paar Brocken Englisch.  Untereinander wird arabisch geredet. Die Flüchtlinge sind erst einmal ein bisschen misstrauisch, haben Angst, etwas Falsches zu sagen, eventuell nicht in Deutschland bleiben zu dürfen. In Göttingen fühlen sie sich wohl, bislang seien sie immer freundlich behandelt worden, sagt Jammar-Mohammed.

Er  ist aus der westsudanesischen Provinz Dafur geflohen. Eine Region, in der nach Angaben des Auswärtigen Amtes rund 300 000 Menschen durch Kämpfe zwischen zwei Rebellenorganisationen ums Leben kamen.

Es zählt nur eins: Sicherheit

Musa ist 24 Jahre alt, aufgewachsen im Nordsudan, geflüchtet über Libyen ist er seit einem Jahr unterwegs. Seine Familie lebt noch im Sudan. Er war einer der Flüchtlinge, die schließlich in einem kleinen Boot über das Mittelmeer transportiert wurden. Er überlebte. Viele andere Flüchtlinge nicht. Auch Jammar-Mohmmaed und Musa möchten in Deutschland leben, studieren, arbeiten, das wäre ihr kleiner Traum vom Glück.

Darüber, ob sie bleiben dürfen, entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das so genannte Bamf, nach einer Anhörung.

Die Männer aus dem Sudan werden wohl etwas länger an der Breslauer Straße wohnen. „Das Gebäude gehört der Stadt, soll aber verkauft werden“, erklärt Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck (SPD). Bis dahin aber bleibt es Unterkunft für die Flüchtlinge.

Denn: Sie alle möchten bleiben. Aber die deutsche Kultur, die sei doch schon sehr anders als das Leben, das sie aus Afrika kennen,  finden die Sudanesen. Aber am Ende, da sind sich die Männer einig, zählt für sie nur eins: „Safety“ – Sicherheit.

Woche für Woche kommen neue Flüchtlinge nach Göttingen, zur Zeit sind es zehn bis 20 pro Woche, die in der Stadt untergebracht werden müssen – viele von ihnen stammen aus Syrien oder Afrika. Der größte Teil der Menschen, die in städtischen Flüchtlings-Unterkünften leben, kommt allerdings  aus Balkan-Staaten. Einige der Menschen haben aber deutlich längere Wege hinter sich gebracht. 20 junge Männer aus dem Sudan leben seit einigen Tagen im ehemaligen Rechnungsprüfungsamt an der Breslauer Straße. „Eine Männer-WG“, sagt Göttingens Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck.  Der Stadt Göttingen werden jede Woche vom Land neue Flüchtlinge zugewiesen.  Wer bleiben darf, und wer nicht, darüber entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

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Drei Behörden für ein Asyl

Die 20 Männer aus dem Sudan haben es, wie viele andere Flüchtlinge zur Zeit, irgendwie bis nach Deutschland geschafft. Was aber passiert dann? „Wer in Deutschland ankommt und Asyl sucht, wird zunächst in einer Erstaufnahmeeinrichtung registriert“, erklärt Joachim Rogge, Chef der Ausländerbehörde im Göttinger Rathaus.

In Niedersachsen werden die Flüchtlinge in Friedland, Braunschweig, Bramsche und Osnabrück zunächst zentral vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, dem so genannten Bamf, in ein zentrales Register eingetragen. Dort wird  formal der Asylantrag gestellt, der Flüchtling erhält eine Bescheinigung, dass er nun offiziell Asylsuchender ist. 

Nach wenigen Tagen werden die Asylsuchenden dann von der jeweiligen Landesaufnahmebehörde einem Wohnort zugewiesen  – einer der Göttinger Sudanesen wurde beispielsweise aus Braunschweig geschickt.

Die Stadt Göttingen erfährt etwa mit einer Woche Vorlauf, wie viele Flüchtlinge zugewiesen werden – derzeit rund zehn bis 20 pro Woche. Die Kommune muss dann zusehen, wo sie die Menschen unterbringt. Derzeit kommen   viele von ihnen aus Eritrea und dem Sudan, so Rogge.

„Wir wissen oft nichts über den Gesundheitszustand der Leute“

Ein weiteres Problem: „Wir wissen oft nichts über den Gesundheitszustand der Leute“, sagt Verwaltungssprecher Detlef Johannson. „Fast jeder, der nach Göttingen kommt, muss zum Arzt, viele Menschen müssen sogar stationär in einer Klinik behandelt werden.“

Die Kosten dafür trägt die Stadt. Pro Jahr bekommt die Stadt pro Flüchtling 6000 Euro, ein Betrag der nach zehn Krankenhaustagen aufgebraucht ist. „Im nächsten Jahr rechnen wir damit, dass der städtische Haushalt mit bis zu 2,5 Millionen Euro belastet wird“, so Johannson weiter.

Die Flüchtlinge, die in Göttingen angekommen und untergebracht sind, müssen dann nach vier bis fünf Wochen zur Anhörung, dem so genannten „Interview“ wieder zur Erstaufnahmestelle. Dort befragt wiederum die Bundesbehörde, das Bamf,  ihn beispielsweise nach Herkunft und Beweggründen der Flucht. Anschließend wird meist die Aufenthaltserstattung ausgestellt. Die Entscheidung, ob das Asyl gewährt werden kann, hängt laut Bamf immer vom Einzelschicksal ab.

Abschiebeverbot nach Syrien und Libyen

Ein halbes Jahr lang darf der Flüchtling dann zunächst bleiben, das Asylverfahren läuft. Das Bamf entscheidet in dieser zeit, ob der Asylantrag berechtigt ist. Wenn ja, erhält der Flüchtling eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre, darf sich eine Arbeit suchen. „Zur Zeit gilt beispielsweise ein Abschiebeverbot nach Syrien und Libyen, diese Flüchtlinge dürfen bleiben“, sagt Ekbert Mank von der Göttinger Ausländerbehörde.

Nach den drei Jahren entscheidet das Bamf dann erneut, ob die Voraussetzungen für eine „unbefristete Niederlassungserlaubnis“ gegeben ist. Dann darf der Flüchtling dauerhaft in Deutschland bleiben.
Welche Chancen haben beispielsweise die 20 jungen Afrikaner, der zur Zeit an der Breslauer Straße leben? „In der Regel bleiben fast alle“, sagt Mank.

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