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Syrer Obada Jalbout berichtet von seiner Flucht nach Göttingen

Von Schleppern ausgeraubt Syrer Obada Jalbout berichtet von seiner Flucht nach Göttingen

Obada Jalbout hat Schreckliches hinter sich: Syrische Landsleute haben ihn verfolgt, ägyptische Schlepper ausgeraubt. Jetzt, nach einer gefährlichen Flucht, befindet sich der 29-Jährige in Göttingen in Sicherheit.

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Auf der Flucht von Lybien nach Italien.

Quelle: Jalbout

Göttingen. Er ist freundlich, lächelt viel. Doch wenn man ihn ansieht, mag er den Blick nicht erwidern, dreht den Kopf zur Seite. Fremden begegnet der ehemalige Besitzer eines Computerladens stets ein wenig misstrauisch – was nicht überraschen kann nach seinen Erlebnissen.

In seiner Heimatstadt Damaskus geriet Jalbout zwischen die Fronten des Bürgerkriegs. Die Regierung beschuldigte ihn, Assad-feindliche Propaganda zu machen, folterte ihn und drohte mit dem Militärgericht. Die Opposition glaubte dagegen, er unterstütze das Regime. Eine tödliche Gefahr stellten beide Seiten dar – also beschloss der 29-Jährige, zu fliehen.

Er bestach die Polizei, gelangte so ohne Kontrolle nach Ägypten. Dort warteten bereits Schlepper auf ihn und seine Landsleute. Nach Wochen quälenden Wartens ging es endlich auf ein Schiff, das sie nach Libyen brachte. Bevor sie an Bord gingen, wurden die rund 200 Flüchtlinge allerdings von den Schleppern noch ausgeraubt. Viele verloren alles, Jalbout nicht: er hatte in seine Unterhose einen Reißverschluss eingenäht, in dem er Geld und Handy versteckte.
Von Libyen ging es mit dem Schiff nach Italien. Zehn Tage lang auf hoher See, eingepfercht auf einer Nussschale: Die Bedingungen waren erbärmlich. Schließlich stoppte die Küstenwache das Boot, brachte die Flüchtlinge an Land, wo sie in ein streng bewachtes Auffanglager gesperrt wurden. Flucht war unmöglich. Fast.

Jalbout entdeckte einen von Fahrzeugen verstellten, unbewachten Hinterausgang. Er machte sich davon, nach Rom, wo er die Adresse eines Schleppers hatte. Wieder musste er lange warten, bis es schließlich für ihn und andere Flüchtlingen hieß: „In den Bus“. Auf der Autobahn, kurz vor Turin, war die Fahrt vorbei: Die Polizei hielt den Bus an, alle Insassen wurden verhaftet und in ein Gefängnis gebracht.

Dort wurden die Flüchtlinge sehr schlecht behandelt. Einige, darunter Jalbout, weigerten sich, ihre Fingerabdrücke nehmen zu lassen, aus Angst, registriert zu werden und damit nicht mehr in einem anderen EU-Land um Asyl bitten zu dürfen. Lang währte ihr Widerstand allerdings nicht, er wurde mit Schlägen gebrochen. „Mich schlugen sie in den Bauch“, so Jalbout, unter den Folgen leide er bis heute.    

Zwei Tage verbrachten sie im Gefängnis, bis etwas geschah, was Jalbout bis heute nicht versteht: Menschen in Zivilkleidung tauchten auf und sagten den Flüchtlingen, dass sie gehen könnten. Der 29-Jährige fragte nicht lange. Er mache sich – ohne Fahrkarte – mit dem Zug nach Mailand auf, wo er sich an eine Hilfsorganisation wandte. Aus Schweden bekam er einen Pass von einem eingebürgerten Syrer geschickt, der ihm ähnlich sieht. Er flog nach Malmö, dann nach Deutschland, lebt jetzt seit knapp einem Jahr in Göttingen. Hier geht er zur Schule, nimmt Sprachunterricht. Seine Flucht ist endgültig zu Ende.

Von Hauke Rudolph

©Jalbout

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