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Tageblatt-Kolumne: Früher war mehr Advent

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt Tageblatt-Kolumne: Früher war mehr Advent

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier ... Ich erinnere mich, dass ich mir als Kind an dieser Stelle immer die Frage nach der Vereinbarkeit von Christkind und Weihnachtsmann gestellt habe.

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Quelle: Archivfoto

Aber eigentlich war es auch völlig egal, wer am Ende dieses besinnlichen Countdowns kommen würde. In der Adventszeit hatte man als Kind eine vage Ahnung davon, dass das Warten zum Spiel gehörte. Backen, Singen, Familienbesuche, Zur-Schwester-nett-sein - all diese Dinge, die man definitiv nur in den letzten Wochen des Jahres machte, konnte man wie in Zeitlupe in sich aufsaugen. Toll. Nein nicht nur toll. Das war schön.

Advent, Advent, ... wenn wir ehrlich sind, brennt heute - nur ein paar Jahre später nicht ein süßes kleines Lichtlein, bei uns brennt der Baum. Und das schon weit vor jedem Advent. Mit den ersten Blättern flattern im Herbst die Bedarfserweckungsprospekte ins Haus und suggerieren: „Du asozialer Egoistenmistbock, hast du etwa noch nicht alle Geschenke? Schäm dich.“

Tatsächlich denke ich natürlich nicht daran, mich dem Dogma des Konsums zu unterwerfen. Seit Jahren proklamiere ich vor meinen Lieben sehr überzeugend, dass Weihnachten mit Geschenken nicht zu tun hat. Und deshalb gibt es bei uns auch keine Geschenke. Also, von den anderen schon. Früher stand ich da drüber, mittlerweile macht mich das nervös.

Advent, Advent, ... Eigentlich deckt sich dieser christlich definierte Zeitraum genau mit der Zeit, in der in der bösen Welt da draußen das Jahr zu Ende geht. Also nochmal alle Vollgas! Das Ding muss fertig werden! Das muss 2014 noch in die Bücher! Deadline ist zur Jahresfrist! Besinnlichkeit? F... you! (verkürzte international gültige Beschimpfung). Es ist mir bis heute schleierhaft, warum wir Menschen in Richtung Jahresende hetzen. Wir wissen doch, was danach kommt. So ungefähr zumindest. Genau wie wir es früher Anfang Dezember wussten. Christkind oder Weihnachtsmann. Warum also nicht einfach die Handbremse anziehen und wie früher einfach mal warten, was passiert. Oder besser: ob noch was passiert.

Einen Plan fürs Wochenende? Sicher könnte man Weihnachtsmärkte besuchen, die Wunschlisten abarbeiten, die Dekoration am Haus dem ­Standard der Nachbarschaft anpassen... Jubeltrubelglühweinerlichkeit. Ich werde jetzt nach Hause gehen und mich einfach mal nur darauf freuen, dass ich morgen eine Kerze anmachen kann. Einen schönen ersten Advent. So wie früher.

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