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1200 Göttinger demonstrieren gegen Rechts

Großaufgebot der Polizei 1200 Göttinger demonstrieren gegen Rechts

1200 Göttinger haben am Sonnabend weitgehend friedlich gegen den rechtsradikalen „Freundeskreis Thüringen/Niedersachsen“ demonstriert. In dessen Reihen zählte die Polizei rund 100 Teilnehmer.

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Teilnehmer einer Demonstration gegen eine Kundgebung des "Freundeskreises" zerstören in der Innenstadt einen Panzer aus Pappe.

Quelle: dpa/Pförtner

Am frühen Morgen deuteten nur zwei Auffälligkeiten darauf hin, dass dieser 1. April in Göttingen vielleicht nicht wie ein ganz normaler Sonnabend verlaufen würde. Zum einen manövrierten am Bahnhof mehrere Dutzend Polizeifahrzeuge. Zum anderen trugen auffällig viele Passanten Kartons mit sich. Letzte waren Baumaterial für die „Mauer der Liebe“, die Die Partei den Rechtsradikalen in den Weg stellen wollte. Nur eine der neuen kreativen Formen des Widerstands in Göttingen.

Demo / FKTN, 01.04.2017, Göttingen. Foto: Swen Pförtner

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Der „Freundeskreis“ hatte ursprünglich unter dem Motto „Gemeinsam für Deutschland“ mit Unterstützung anderer rechter Gruppen aus der Region einen Demonstrationszug durch die Innenstadt geplant. Mit diesem Ansinnen war man allerdings sowohl bei der Stadt Göttingen, als auch vor Gericht gescheitert. Erlaubt war lediglich eine stationäre Kundgebung mit Lautsprecherwagen in einem abgesperrten Bereich auf dem Bahnhofsvorplatz.

Dieses eingezäunte Gehege blieb bis in die frühen Nachmittagsstunden allerdings verwaist. Und während das „Bündnis gegen Rechts“, das sich den anderen Teil des Bahnhofsvorplatzes gesichert hatte, die Bühne aufbaute, startete am Wilhelmsplatz ein Demonstrationszug. Am Startpunkt des unter dem Motto „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ angekündigten Marsches durch die Innenstadt warteten eine halbe Stunde vor Beginn kaum mehr als 100 Demonstranten unter der Reiterstatue. Schlagartig füllte sich der Platz aber, sodass sich mit Ankunft der „Antifaschistischen Linken International“ knapp 500 Gegendemonstranten in Bewegung setzten.

Noch in der Friedrichstraße wurden Rauchbomben gezündet. So machte sich der Tross nebelumwoben zum Albaniplatz auf. Stimm- und wortgewaltig wurde hier an die Verbrechen der Nazi-Zeit erinnert. In Erinnerung an die Bücherverbrennungen 1933 legten die Mitglieder des Demo-Zuges an der Gedenktafel rote Nelken nieder. Wenig später sollte dann vor dem alten Rathaus ein „kleines Schauspiel“ folgen, kündigte die Antifa-Rednerin an. Nach heftiger Kritik an den Waffenexporten der Rüstungsindustrie zerstörten Aktivisten symbolisch einen Papp-Panzer. Auch hier hüllte ein Rauch-Bengalo den Schauplatz in Nebel und der bunte Zug mit schwarzem Kopf zog weiter Richtung Bahnhofsvorplatz.

Vom Groner Tor kommend versuchten dann einige zum Teil auch vermummte Demonstranten über den ZOB seitlich an den Bahnhofseingang zu gelangen, um so eine mögliche Zufahrt für die Fahrzeuge des „Freundeskreises“ zu blockieren. Hierbei flogen erneut Feuerwerkskörper – auch in Richtung der Polizeibeamten. Wie Polizeisprecherin Jasmin Kaatz bestätigte, erlitten zwei Beamten dabei ein Knalltrauma, einem weiteren wurde nach ersten Ermittlungen gegen den behelmten Kopf geschlagen . Einsatzkräfte hätten laut Polizei die Demonstranten "mit einfacher körperlicher Gewalt" zurückgedrängt.

Zu diesem Zeitpunkt standen bereits die ersten etwa zehn rechten Kundgebungsteilnehmer, die mit der Bahn angereist waren, hinter ihrem Gitter. Nach Angaben der Polizei waren es schließlich etwa 90 Personen, die gegen 15 Uhr den lautstarken Wortbeiträgen von Jens Wilke und anderen Teilnehmern folgten. Diese allerdings wurden ebenso lautstark von der Gegenseite mit Livemusik, Pfeifkonzert und Redebeiträgen gekontert. Bereits nach einer Stunde beendete Wilke die Veranstaltung. Aus der Menschenansammlung heraus kam es nach Angaben der Polizei im weiteren Verlauf "zu Übergriffen auf Einsatzkräfte, unter anderem in Form von Tritten". Die Beamten aber auch Unbeteiligte seien außerdem mit Obst und Gemüse beworfen worden. Die "Freundeskreis"-Kundgebungsteilnehmer verließen gegen 16 Uhr mit dem Zug und in einigen Autos abgeschirmt durch die Polizei und untermalt von den Klängen der GSO-Blechbläser die Stadt - zunächst in Richtung Northeim, später zogen sie weiter nach Friedland.

Aufmarsch in Northeim und Friedland

In Northeim hielten etwa 90 Personen der rechten Szene eine spontane Kundgebung am Münster ab. Auf ihrem Weg vom Bahnof in die Stadt wurden sie von der Polizei begleitet. Eine Hundertschaft aus dem Göttinger Einsatz war den Freundeskreismitgliedern vorsorglich nach Northeim gefolgt. Etwa 30 Gegendemonstranten der linken Szene habe nach Polizeiangaben zunächst eine kurze Sitzblockade abgehalten und hielten dann an der Park&Ride-Anlage eine Kundgebung ab. Während der beiden Kundgebungen sei es in der Northeimer Innenstadt zu keinen größeren Zwischenfällen gekommen, so ein Sprecher der Polizei. Bis 19 Uhr hätten die Rechten Northeim mit dem Zug wieder verlassen gehabt, heißt es in einer Polizeimitteilung.

Wie die Göttinger Polizei weiter berichtet, soll etwa die Hälfte der "Freundeskreis"-Gruppe Northeim in Richtung Hannover verlassen haben, weitere 40 Personen hätten sich nach Göttingen begeben, von setzten sich etwa 25 Personen aus dem rechten Tross in Richtung Friedland in Bewegung. Dort kam es Polizeiangaben zufolge zu einer Spontandemonstration, die gegen 19.50 Uhr endete.   Im Nachgang sollen Teilnehmer des "Freundeskreises"  auf inzwischen eingetroffene Angehörige der linken Szene zu gelaufen sein, " vermutlich um sie zu attackieren", schreibt die Polizeipressestelle in ihrem Bericht. Dabei sei eine Frau " vermutlich ohne Fremdeinwirkung" gestürzt und habe leicht verletzt. Einsatzkräfte hätten das Aufeinandertreffen beider Parteien verhindert und die Gruppe der Angreifer "festgesetzt", deren Personalien festgestellt und ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. "Gegenüber den Aggressoren", so die Polizei weiter, seien Platzverweise für das Stadtgebiet Göttingen und Friedland bis Sonntag 24 Uhr ausgesprochen worden.

Zu Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken sei es am Nachmittag gegen 17.40 Uhr auch im Zug in Höhe Kreiensen gekommen. Der Zug sei daraufhin gestoppt worden, die Bundespolizei habe die Personalien der Beteiligten aufgenommen.

Bei dem Großeinsatz der Polizei seien und 70 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, unter anderem wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, Beleidigung, gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr, Brandstiftung, Landfriedensbruchs, Bedrohung und diverser Verstöße gegen das Versammlungsgesetz. Außerdem seien bei Versammlungsteilnehmern beider Seiten Reizgas, Messer, Schraubendreher und Vermummungsgegenstände sichergestellt worden. In Zahlen fasst die Polizei den Einsatz wie folgt zusammen: etwa 110 Identitätsfeststellungen zirka  40 erkennungsdienstliche Behandlungen etwa 200 Durchsuchungen von Personen und Sachen sowie 40 Platzverweise und eine Vielzahl weiterer polizeilicher Eingriffsmaßnahmen. Drei Polizeibeamte seien leicht verletzt worden.

Hier können Sie die Ereignisse in Göttingen noch einmal im Liveblog nachlesen:

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