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Tageblatt-Wochenendkolumne: Glaub‘ ich nicht

Schnee, Sturm und Scherze Tageblatt-Wochenendkolumne: Glaub‘ ich nicht

Schnee, Sturm und Scherze. Der April kann mich mal. Bisher. Mit Wetter habe ich egal in welcher Ausprägung eigentlich kein Problem. Es ist eher die angespannte Grundstimmung. Hinter jeder Ecke wartet ein potenziell lustig-lügender Zeitgenosse, während ein Wind namens „Niklas“ uns abwechselnd Bäume oder meerschweinchengroße Schneeflocken um die Ohren weht. Dazu von Fern die hämischen Rufe: „April, April!“ Das ist einfach eine zutiefst unlustige Kombination.

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Quelle: Hinzmann

Vermutlich hat mein an dieser Stelle fehlender Humor auch etwas damit zu tun, dass ich in der Kindheit familienintern ob meines Geburtstermins selbst mehr oder weniger liebevoll als „verspäteter Aprilscherz“ gehandelt wurde. Und dann war da noch diese erbarmungslos schummelnde Canasta-Runde, in die ich als ahnungsloser Zivildienstleistender geraten bin, und die mich für alle Zeit der Utopie der „lieben Omi“ beraubt hat. Diese frühen und einige spätere Erfahrungen haben mich mit den Jahren vorsichtig werden lassen.

Doch was tun, wenn man einen Tag lang unbewusst jeden Mitmenschen prophylaktisch der Lüge bezichtigt? Wenn jede Aussage, jede Nachricht falsch zu sein scheint? Wenn selbst das Tageblatt für einen Tag die Lügenpresse gibt und wissentlich drei Enten veröfenlicht? Nicht einmal das Horoskop funktioniert an solchen Tagen als zuverlässiger Ratgeber. „Heute läuft alles nach Plan…“ – Ja, klar. Ein Kollege geht noch einen Schritt weiter und hegt Zweifel an der Echtheit des Fernsehprogramms. Ein Blick auf den ZDF-Abend des 1. April lässt erahnen, was der Mann meint: „Das große Schlüpfen“ – Johannes B. Kerner erklärt, wie aus Eiern Vögel werden. Das muss einer dieser ganz plumpen Scherze sein. Nein?

Gibt es denn gar kein Mittel gegen diese Art von Schummelangst? Die reflexhafte Google-Suche führt uns zu „Schimmelhengst“ und „Schulangst“, hilft also an dieser Stelle ausnahmsweise nicht weiter. Früher habe ich es mit radikalen Methoden versucht, mir rund um besagten Monatsanfang die Ohren zugehalten und „Glaub’ ich nicht“ gebrummelt. Seit daran beinahe erst meine Führerscheinprüfung und dann meine Hochzeit gescheitert wären, suche ich erfolglos nach wirkungsvollen Alternativen. 

Der Ungläubige flüchtet sich in die (Geschichts-)Wissenschaft. Der Aprilscherz ist laut ersten schriftlichen Belegen seit dem 17. Jahrhundert bekannt, der Grund für seine Existenz bis heute nicht. Luzifer soll am 1. April zur Hölle gefahren sein. Angeblich ist es außerdem der Geburtstag von Judas Ischariot (sagen die Christen). Und spanische Katholiken sollen zudem in grauer Vorzeit an diesem Tag listenreich die Mauren in Granada besiegt haben (sagt der Islam). Belegt ist das alles nicht. Klingt bestenfalls gut erfunden.

Sei es drum. 2015 haben wir den unheiligen Tag erst einmal hinter uns – 361 Tage Zeit, eine Vermeidungsstrategie für den 1.4.2016 zu ersinnen. Doch widmen wir uns Näherliegendem: Ich wünsche Ihnen frohe Ostern – das Fest, an dem der Hase die Eier bringt...

Glaub‘ ich auch nicht.

► Sie erreichen den Autor unter m.scharf@goettinger-tagblatt.de

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