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Der Herr Kabu von oben

Tageblatt-Wochenendkolumne von Markus Scharf Der Herr Kabu von oben

Es sind die letzten Tage des sechswöchigen Gesellschaftexperiments namens Ferien. Eine Bilanz.

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Markus Scharf

Quelle: Hinzmann

Kinderzimmertüren sind verbarrikadiert – von beiden Seiten. Kommunikation mit den Erziehungsberechtigten längst auf Veranstaltungsankündigungen ("Aufstehen!" – "Essen!" – "Ab ins Bett!") und die Reaktionen darauf ("Och..." – "Häh?" – "Nö!") reduziert. Vor den Regalen der Papierwarenhändler stehen Schüler mit wenig erkennbarer Vorfreude ihren künftigen Lernmaterialien gegenüber, während Mama nebenan heimlich den Champagner für die Feier am Donnerstagmorgen einkauft. Es sind die letzten Tage des sechswöchigen Gesellschaftexperiments namens Ferien. Eine Bilanz.

Der Sommer war großartig, irgendwo auf der Welt

Klimatische Voraussetzungen: Der Sommer war großartig, irgendwo auf der Welt. In Südniedersachsen war er wie immer. Gefühlt mit etwas mehr Regen. Statistiker mögen mir widersprechen. Man muss dem einfach Positives abgewinnen: Wir sind beispielweise dazu übergegangen, die Bekleidung vor dem Waschen rauszuhängen. Zum Trocknen holen wir sie dann rein. Und auch Kinder werden sauber, wenn man sie lange genug an Deutschlands Stränden liegen lässt. Was das mit der Laune macht, lesen Sie weiter unten.

Medizinische Zwischenfälle: Lediglich eine geröstete Labradorzunge, weil das liebe Tier versuchte, beim Reinigen des Rosts zu helfen – während des Grillens. Einige "Lackschäden" bei den Kindern, da auf der Liste der Lieblingsaktivitäten neuerdings das Wort Skateboard auftaucht. Zwei ausgeschlagene Milchzähne. Ein gebrochener Zeh gehört schon zur lieb gewonnenen Tradition, da das Familienmitglied mit Schuhgröße 46 den Umgang mit Badelatschen immer noch nicht beherrscht. Und schließlich die Anschaffung eines Boxsacks, um elterlichen Therapiebedarf und gegebenenfalls weiteren Zahnverlust zu verhindern.

Phase zwei ist geprägt von Aktionismus

Die Gefühlslage: Ein Leben ohne Arbeit, Schule oder Kindergarten ist zunächst einmal was schönes. Am Anfang. Wenn man dann ausgeschlafen hat und bemerkt, dass die anderen Familienmitglieder auch alle frei haben, beginnt Phase zwei. Die ist geprägt von Aktionismus, Urlaubsvorfreude und dem Spaß an gepflegter Auseinandersetzung. In einen kurzen Dialog gefasst, klingt das so: "Papa, wollen wir schwimmen gehen?" – "Nein, aber im Urlaub könnt ihr den ganzen Tag schwimmen." – "Du bist blöd!" – "Ihr auch." Dann ist sie da. Phase drei. Der Urlaub. Erholsam und trotzdem aufregend, so wie immer nur ganz anders, sonnig aber nicht zu heiß. So soll er sein. Und genau so war. Plus Regen, dicken Ossis und Stau auf der A7, auf der A20 und auf der A1. In Phase vier haben alle ein bisschen schlechtes Gewissen. Die Kinder, weil sie kollektiv auf der Rückfahrt ab Stau Nummer 24 ein bisschen die Fassung verloren haben. Und die Eltern wegen der Drohung, sie an einer Raststätte in Mecklenburg-Vorpommern auszusetzen. Und dann ist da Phase fünf: Endzeitstimmung.

Weitere Besonderheiten: Als die Lage gerade zu eskalieren drohte, zog Herr Kabu bei uns ein. Da wo bis vor kurzem noch Wohn- und Schlafzimmer waren. Und das kam so. Am Anfang war die Ansage der Hausherrin an Kind 1, man sollte diesen Bereich wegen dort versteckter Geburtstagsgeschenke bitte meiden. Es folgte eine Runde stille Post und schließlich stand der Vater vor seinem breitbeinig positionierten Kind 3 am unteren Treppenabsatz. "Du darfst da nicht hoch!" – Erstaunen. "Warum?" – Die resolute Antwort: "Darfst du nicht. Da oben ist Kabu!" Ich muss sagen, der nette Herr von oben hat uns die letzten Ferientage gerettet. Er bekommt definitiv am Donnerstag auch ein Gläschen.

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