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Tageblatt-Wochenendkolumne von Markus Scharf

Lieber Herr Weselsky Tageblatt-Wochenendkolumne von Markus Scharf

Lieber Herr Weselsky! Ich wollte dir nur sagen, dass ich das echt nicht gut finde, dass dich jetzt alle nicht mehr gut finden. Erstmal deine Verhandlungspartner von der Bahn, dann natürlich die von der anderen Gewerkschaft, (die du so schön beleidigt hast), klar die Fahrgäste und schließlich sogar deine eigenen Lokführer. Gemein. Aber das darf dich nicht irritieren. Mach dir keine Sorgen. Die verstehen einfach das Große und Ganze nicht. Wer mächtig ist, braucht keine Fans.

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Markus Scharf

Kennst du Pinky und der Brain? Ist eine Kindertrickfilmserie mit zwei Labormäusen. Zu Beginn einer jeden Folge fragt Pinky: „Hey Brain, was wollen wir denn heute Abend machen?

„Und Brain antwortet: „Genau dasselbe wie jeden Abend, Pinky, wir versuchen die Weltherrschaft an uns zu reißen.“  Ich fand es schon als Kind toll zuzusehen, wie jemand ganz ungeniert seine Machtfantasien auslebt. Habe das übrigens damals auch mal ausprobiert. Tolles Gefühl. Einfach dem Familienhamster das Laufrad festgeklebt. Der hat geguckt... Super.

Mache das auch heute noch manchmal. Gehe einfach ins Kinderzimmer und ziehe den Stecker von der Modelleisenbahn oder so. Nur um den lieben Kleinen mal die möglichen Auswirkungen von Autorität zu vermitteln. Ich glaube aber, die verstehen das genau so wenig, wie damals der Hamster.

Warum ich dir das alles erzähle? Weiß ich auch nicht so genau. Habe nur gerade dieses außergewöhnlich starke Gefühl von Solidarität. Und das, obwohl mich dein Thema so gar nicht interessiert. Habe meine Vorbehalte gegen öffentlichen Verkehr, egal ob personennah oder -fern. Mache das lieber individuell und für mich alleine. Aber den anderen, die gerne mal einen Zug nehmen, denen hast du gezeigt, wer hier die Trillerpfeife im Mund hat.

Und du hast dieses sensationelle Gespür für Timing: Wolltest über ein ganzes Wochenende streiken. Das bringt in den Medien schonmal vorab das Prädikat „Rekord“. Außerdem enden vielerorts die Ferien. Glückliche Heimreise mit der Bahn? Nicht, wenn Du es verhindern kannst. Familien bleiben getrennt. Drama. Großartig. Ganz nebenbei kommt der deutsche Fußball-Fan zu spät ins Stadion. Shopping-Tour in die nächstgelegene Metropole? Gestrichen.

Und dann ist an diesem Wochenende ja auch noch dieser Jahrestag. 25 Jahre Grenzöffnung. Deutschland feiert sich, den Sieg der Demokratie, die kollektive Erinnerung. Allein in Berlin werden Millionen Menschen erwartet. Theoretisch. Du hattest andere, größere Pläne. Blödes Kollektiv. Sollen sie doch im Trabbi-Konvoi in die Hauptstadt fahren, so wie damals.

Oder sie stellen sich am Bahnhof in der Schlange an. Ist ja auch ein Teil der DDR-Geschichte. Gut, am Ende musstest du nachgeben. Für mich bist Du trotzdem weiter der Brain.

Dein Pinky
P.S. Was wollen wir denn heute Abend machen?

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