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Tanz auf dem Parkett: Ottobock geht 2017 an die Börse

Thema des Tages Tanz auf dem Parkett: Ottobock geht 2017 an die Börse

2017 steht der Börsengang des Duderstädter Unternehmens Ottobock an. Schon jetzt laufen im Hintergrund die Vorbereitungen auf ein neues Kapitel in der Firmengeschichte.

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Quelle: Blank

Duderstadt. Im Foyer des Ottobock-Gebäudes an der Duderstädter Max-Näder-Straße ist es ruhig wie üblich, als sich die Tür zum Besprechungsraum öffnet. Ottobockchef Hans-Georg Näder sitzt im Poloshirt und dem für ihn zum Markenzeichen gewordenen Schal an einem Tisch, der schwer nach Arbeit aussieht: Berge von Unterlagen,  stapelweise Verträge und ein häufig aufblinkendes Smartphone lassen darauf schließen, dass sich hinter den Kulissen der Firma Ottobock einiges bewegt. Und tatsächlich: Der Weltmarktführer Orthopädietechnik und größte Arbeitgeber in Duderstadt bereitet sich derzeit auf zukunftsweisende Veränderungen vor – am Standort im Eichsfeld und überall in der Welt.

„2014 war ein gutes Jahr in einem komplexen Umfeld“, resümiert Hans Georg Näder und wirft einen Blick auf die Zahlen des vergangenen Jahres: Einen nicht konsolidierten Jahresumsatz von rund einer Milliarde Euro hat die Ottobock-Gruppe erwirtschaftet – ein Sprung um 8,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allein die HealthCare erwirtschaftete 772,7 Millionen Euro. Damit steht das Mutterschiff Ottobocks 6,7 Prozent besser da als 2013. Trotz negativer Währungseffekte. Trotz Russlandkrise.

Für das laufende Jahr sind weitere Umsatzsteigerungen avisiert: 10,7 Prozent für die Ottobock-Gruppe, 11,7 Prozent in der HealthCare hat sich Näder vorgenommen. Denn mit einem guten Jahr gibt sich der Ottobockchef nicht zufrieden – jedenfalls nicht, wenn durch eine kluge Strategie mehr aus dem Unternehmen herauszuholen ist. „Wir sind weiter auf Wachstumskurs“, sagt er. Und so drehen sich in den Ottobock-Kaderschmieden in der ganzen Welt gerade die Rädchen in einem System, aus dem noch viel mehr werden soll. „2015 ist für uns ein wichtiger Meilenstein in Richtung unseres geplanten Börsenganges 2017 und auf dem Weg der erfolgreichen Umsetzung unserer strategischen Pläne“, sagt Näder.

Das Wort „Börsengang“ schwebt derzeit bei Ottobock über allem: Über Kalkulationen, Investitionen und Personalentscheidungen. Es sei der Zeitpunkt gekommen, glaubt Näder. Jetzt müssten Nägel mit Köpfen gemacht werden. Als vor einigen Jahren bereits einmal über einen Gang an die Börse nachgedacht worden sei, habe eine „legendäre Frühstückskonferenz“, die Max Näder gemeinsam mit seinem Sohn im Haus am Hindenburgring abgehalten hatte, noch die Entscheidung gegen den Börsengang nach sich gezogen. Aber heute?  „Heute haben wir eine andere Zeit. Mit der neuen Strategie ist der Schritt der richtige“, ist Näder überzeugt.

Wert des Unternehmens wird weiter steigen

Näders Motivation speise sich aus vielen Quellen. Darunter die Zahlen, die der Firma Ottobock ein weiteres Wachstum prognostizieren. „Ottobock ist schon heute ein wertvolles Unternehmen. Der Wert wird bis 2020 noch steigen“, sagt Näder und legt Zahlen der Nordic Peer Group und dem Swiss Medtech Basket vor, die auf die Wertsteigerung von Ottobock schließen lassen: Die Kurven gehen steil nach oben.

Nicht nur die Wertentwicklung, auch externe Bedingungen spielen eine Rolle in der Diskussion um den Börsengang: „Wir bewegen uns in einem kapitalmarktorientierten Wettbewerbsumfeld“, erklärt er. Soll heißen: Auch die Mitbewerber wie Össur und der Patient Care Provider Hanger, ein Unternehmen zur Patientenversorgung, sind bereits an der Börse. Zudem spiele der Generationswechsel eine Rolle.

Näder hatte zwar während einer Mitarbeiterversammlung verlauten lassen, er bleibe Chef, so lange er Spaß am Job habe. Zugleich aber hat er seine Nachfolge im Blick. Heiße Kandidaten für eine Zukunft an der Spitze der Unternehmen in der Ottobock-Welt seien natürlich Näders Töchter. Dennoch sei das Thema Fremdmanagement durchaus eine Option. „Der Beste bekommt den Posten“, erklärt Näder ganz in der Tradition des Familienunternehmens. Überhaupt solle der Börsengang die beiden Welten – das Familienunternehmen auf der einen Seite, den börsennotierten Global Player auf der anderen – keineswegs trennen. „Best of both Worlds“, das Beste aus beiden Welten zu vereinen, sei das Motto Näders hinter dem Börsengang.

Eine Rolle spiele aber auch die Professionalisierung und die Unternehmensentwicklung. „Der Druck der Analysten sichert die Entwicklung des Unternehmens“, glaubt Näder. Außerdem komme es durch den Börsengang zu einer Trennung von Kapital und Management. Und – für die Zukunft auch mit Blick auf den Generationenwechsel ein entscheidendes Merkmal – die Attraktivität für Spitzenkräfte im Management steige. „Den Konsolidierungsweg zu gehen, kostet Geld“, dessen ist sich Näder bewusst. Um die Größenordnung von zwei Milliarden Euro Umsatz zu erreichen, müsse man sich der Kapitalmärkte bedienen.

Familie behält die Kontrolle, auch nach dem Börsengang

Die Rechtsform der Kommanditgesellschaft auf Aktien, die Näder vorschwebt, wird bereits von anderen Unternehmen umgesetzt. Merck, Fresenius oder Henkel, beispielsweise. Bei einer KGaA handelt es sich um eine Rechtsform für Unternehmen, die Elemente der Aktiengesellschaft und der Kommanditgesellschaft miteinander verbindet.

An Stelle eines Vorstandes verfügt eine KGaA über persönlich haftende Gesellschafter. Somit ähnelt sie einer Personengesellschaft, ist aber trotzdem eine Kapitalgesellschaft und eine rechtsfähige juristische Person. „Die Familie behält die Kontrolle, obwohl das Unternehmen an die Börse gegangen ist“, fasst Näder zusammen. Sitz der Gesellschaft wäre in Berlin.

Mensch und Maschine im Einklang

Zur Zukunftsfähigkeit sollen auch Innovationen in der Produktpalette beitragen, die aktuell unter anderem im Bereich „Man Machine Interface“ vorangetrieben werden. Dabei handelt es sich um Systeme, die Verbindungen von menschlichen Nerven und künstlichen Prothesen herstellen – Mensch und Maschine verschmelzen damit zu einer Einheit. „Die Universität Göttingen engagiert sich bereits stark in diesem Bereich“, berichtet Näder. Auch im Bereich „Bionic Man“, der sich mit den Schwerpunkten Mobilität, Sehen und Hören beschäftigt, soll weiter geforscht und getestet werden, ebenso wie bei den Techniken in der Orthetik und Prothetik.

Ein weiterer Innovationsschwerpunkt soll auf dem Bereich „Digital Future“ liegen. „Ziel ist es, hierbei die führende Position einzunehmen“, sagt Näder. Unter dem Schlagwort „Familienunternehmen 2.0“ werde getestet, wie soziale Netzwerke und Internetplattformen die Vermarktung und Kundenansprache verändern können. Außerdem zeigten Beispiele wie Sport-Gadgets, dass über Apps bestimmte Steuerungsmöglichkeiten der Prothesen hergestellt werden könnten und der Erfolg leichter messbar sei. „Damit hat der Patient kommunizierbare Daten, beispielsweise für die Krankenkasse als Kostenträger“, erklärt Näder das Prinzip.

Zukünftig – spätestens bis 2020 – werde es die „fühlende Prothese“ geben, die Warm und Kalt unterscheiden könne. Prothesensysteme für Knie und Fuß werden miteinander kommunizieren können, und durch Neuroimplantate die Kommunikation zwischen Mensch und Prothese deutlich erleichtert werden, glaubt Näder. Weitere Innovationen im Bereich mechatronischer Prothesen sollen noch 2015 eingeführt werden, beispielsweise der Fuß „Grille (Meridium)“.
Ebenfalls noch in diesem Jahr, bereits im März, steht die Eröffnung der neuen Produktionseinheit im Werk II am Standort Duderstadt an, in der mehr als 100 000 TPE- und Silikonliner pro Jahr hergestellt werden sollen. 60 Mitarbeiter werden hier beschäftigt.

Zudem wird es in den bestehenden Räumlichkeiten Veränderungen geben, von denen bereits einige im Gang sind. Der Bereich Strategie und Personal hat eine offenere Bürolandschaft mit Rückzugsräumen für vertrauliche Gespräche bekommen, die deutsche Vertriebsorganisation neue Räume am Ottobock-Campus bezogen, um in „motivierender Arbeitsatmosphäre Wachstum zu ermöglichen“, so Näder. Außerdem soll das Verwaltungsgebäude saniert werden – auch in Duderstadt bewegt sich einiges. Weitere Investitionen sollen im Zusammenhang mit dem Bau der Umgehungsstraße folgen.

Zudem investiert Näder an anderen Standorten. In das Science Center Berlin sind 50 Millionen Euro geflossen, auf dem Gelände der ehemaligen Bötzow-Brauerei geht es um eine Gesamtsumme von bis zu 250 Millionen Euro. „Bis das alles fertig ist, wird es sicher noch zehn Jahre dauern“, glaubt Näder. Der Mann hat die Zukunft im Blick.

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