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Thema des Tages: „Alltagsrassismus begegnet mir überall“

„Die Nation ist doch völlig egal“ Thema des Tages: „Alltagsrassismus begegnet mir überall“

„Du sprichst aber gut Deutsch“: Nett gemeint? Vielleicht. Aber: Das ist rassistisch, sagen Wissenschaftler und Integrationsrat. Alltagsrassismus fängt schon dort an, wo ein Unterschied zwischen „Uns“ und „den Anderen“ im Kopf existiert. 

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Mein Zuhause ist da, wo mein Lebensmittelpunkt ist.“: Amina Yousaf.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Es ist der Zug von Berlin nach Göttingen. Der ICE ist voll besetzt, aber Amina Yousaf kann noch einen Sitzplatz ergattern. Es ist ein Platz, der ein bestimmtes Ticket erfordert, das Yousaf allerdings wie etliche andere Vielfahrer im Waggon besitzt. Aber etwas ist dennoch anders. Das Ticket wird nur bei einer einzigen Person kontrolliert: Amina Yousaf.

Situationen wie diese sind für die 25-Jährige keine Seltenheit. „Alltagsrassismus begegnet mir überall.“ Und das schon seit frühester Kindheit. „Als Kind nimmt man das aber nicht so wahr.“ Es erscheine normal, weil man es ja nicht anders kenne. Geändert habe sich das erst, als sie älter wurde. „Man fängt an, Dinge zu hinterfragen, es setzt eine gewisse Sensibilisierung ein“, erklärt sie.

Yousafs Mutter ist Britin, ihr Vater Pakistaner. Beide leben seit den 80er Jahren in Deutschland. Die Studentin ist in Hannover geboren, hat ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht und besitzt neben dem deutschen auch den britischen Pass.

Und dennoch hört sie oft den Satz: „Sie sprechen aber gut deutsch.“ Es soll ein Lob sein, für Yousaf hingegen ist es nichts anderes als Rassismus. „Natürlich spreche ich gut deutsch, ich bin hier aufgewachsen.“ Es sind Sätze wie diese, durch die sich die Studentin manchmal ausgegrenzt fühlt.

Ihr Vorname Amina wurde, genau wie der ihrer Schwester Samina, von ihren Eltern mit Bedacht gewählt: die Deutschen sollten keine Probleme bei der Aussprache der Namen bekommen. „Ich mag meinen Namen, will mich nicht beschweren, aber es ist doch ein absurder Gedanke zu sagen, dass man einen Namen wählen muss, damit das Kind später nicht deswegen ausgegrenzt wird“, findet sie.

Yousaf will sich nicht verstecken, sich nicht ausgrenzen lassen. Gerne trägt sie hin und wieder den Salwar Kameez, ein traditionelles pakistanisches Kleidungsstück. Für sie ein ganz normales Kleidungsstück wie viele andere. In der Schule rief das früher Reaktionen wie: „Warum kommst du im Schlafanzug zur Schule?“ hervor. „Es heißt immer, du bist keine richtige Deutsche, in Pakistan bin ich wegen meines Akzents keine Pakistanerin und Britin bin ich schon mal gar nicht.

Was soll das?“ Es ist dieser unterschwellige Rassismus, der Yousaf wütend macht. „Mein Zuhause ist da, wo mein Lebensmittelpunkt ist. Meine Freunde. Meine Familie. Die Nation sagt doch nichts aus, die ist völlig egal.“

Von Benjamin Köster

„Wir und die Anderen“
Prof. Sabine Hess, Direktorin des Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Göttingen

Prof. Sabine Hess, Direktorin des Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Göttingen

Quelle:

Wo beginnt Alltagsrassismus, welche Vorurteile haben die Deutschen?
Vorurteile? Rassismus ist viel mehr als nur Vorurteile. Vorurteile hat man beispielsweise gegenüber Männern, die teure Anzüge tragen und dicke Zigarren rauchen.

Was ist dann Rassismus?
Dazu gehören ganz deutlich zwei Komponenten. Zum einen geht es bei Rassismus immer um Machtverhältnisse. Zum anderen ist Rassismus seit Jahrhunderten tief in unserer Politik, der  Gesellschaft  und dem Alltag verankert. Es gibt seit Jahrhunderten Schwarze, die Deutsche sind, und das ist immer noch keine Normalität.

Welche Rolle spielt die Politik bei diesem Thema?
Die Politik hat sehr viel dazu beigetragen. Gehört der Islam zu Deutschland? Fragen wie diese in Reihen der Bundesregierung machen das deutlich. Der Islam existiert seit mehr als 500 Jahren in Europa. Gerade als Muslime erkennbare Menschen sind seit den Anschlägen auf  das World-Trade-Center besonders von Rassismus betroffen.

Woran erkennt man Alltagsrassismus – auch bei sich selbst?
Wir unterscheiden in  Wir und die Anderen. Damit fängt es an. Ein klassisches Beispiel sind auch die so genannten W-Fragen. Wo kommst Du her, wann gehst du wieder zurück und wo hast du so gut Deutsch gelernt? Fragen wie dieses machen klar, dass Menschen hierzulande immer noch Unterschiede entlang von nationaler Herkunft oder Hautfarbe machen, die vermeidlich eine nicht-Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft signalisiert.

Ist Alltagrassismus wirklich so verbreitet?
Es ist doch immer noch nicht im Herz der Gesellschaft angekommen, das Deutschland seit Jahrhunderten ein multikulturelles Einwanderungsland ist. Zudem lernen wir bereits in Kindergarten und Schule, Unterschiede zu machen entlang von Herkunft, Religion oder Sprache. Und wir wissen, dass diese Unterschiede nicht egal sind, sondern dass sie mit Privilegien beziehungsweise mit Benachteiligung verbunden sind.

Wie ist das gemeint?
Ein Beispiel sind gerade die Göttinger Zietenterrassen: Die Kritiker des dort geplanten Flüchtlingswohnheim argumentieren ja nicht offen mit rassistischen Äußerungen. Sie führen fallende Immobilienpreise an, die sie durch die Nachbarschaft mit Flüchtlingen befürchten. Solche Mechanismen basieren natürlich auf rassistischen Gedanken.

Ist das ein deutsches oder europäisches Problem?
Nein, es gibt keine Gesellschaft, die frei von Rassismus ist.

Was tun?
Die Frage des Rassismus muss enttabuisiert werden. Wir müssen akzeptieren, dass er tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist und dürfen das Problem nicht immer auf andere – beispielsweise den rechten Rand der Gesellschaft schieben. Sensibilisierung und ein Umdenken sind hier erforderlich.

Das Interview führte Britta Bielefeld

Viele Beschwerden beim Göttinger Integrationsrat

Göttingen. Auch in Göttingen gibt es regelmäßig Fälle von Rassismus und Diskriminierung. Das beobachten die Mitglieder des Göttinger Integrationsrates. „Das Schwierige daran ist nur, dass die Vorwürfe oftmals kaum überprüfbar sind“, sagt Vorsitzender James Albert. Beschwerden von Migranten gingen aber regelmäßig ein. „Aber nicht immer ist ja die Herkunft die Ursache für eine schlechte Behandlung eines Migranten. Einem Vorwurf nachzugehen, das können wir meist gar nicht leisten“, sagt der 73-Jährige.

Die meisten Vorfälle, die den elf Mitgliedern des Integrationsrates zugetragen werden, handeln von Beleidigungen. Tätliche Angriffe, so Albert, kämen zwar immer mal wieder vor, seien aber eher Einzelfälle. Of fühlen sich Ausländer in und von  Behördenmitarbeitern unfair behandelt. Albert plädiert deshalb dafür, in Verwaltungen mehr Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen. „Es ist wichtig, dass auch auf der anderen Seite Menschen aus anderen Ländern arbeiten.“  Dennoch ist der ehemalige Lehrer der Meinung, dass Göttingen „eine sehr tolerante Stadt“ ist.

Rassismus, dieses Phänomen taucht nach Aussage Alberts in Wellen auf. Er selbst  kam im Alter von 20 Jahren aus Indien nach Göttingen – zum Studieren. Seit dem habe sich vieles im Umgang mit Menschen unterschiedlicher Nationen verändert. „Als ich damals hier studierte und begann, als Lehrer zu arbeiten, was das für einige Kollegen einfach noch kein erprobter Umgang.“ Wirklich schlechte Erfahrungen habe er aber nicht gemacht. „Auch wenn ich in traditioneller indischer Kleidung unterwegs bin, werde ich nicht  von der Polizei kontrolliert“, sagt er. Andere Ausländer hätten aber auch in Göttingen schon ganz andere Erfahrungen gemacht.

Rassismus fängt laut Albert schon bei kleinen Dingen an. Fragen wie „Ach, fahren Sie nach Hause?“ wenn er auf Reisen ist, seinen schon rassistisch. „Mein Zuhause ist seit mehr als 50 Jahren Göttingen“, sagt er. Auch Sätze wie „Sie sprechen aber gut Deutsch“, können diskriminierend sein. Viele Migranten sprächen genauso gut oder schlecht Deutsch wie Deutsche. Rassistisch findet es auch, wenn Kindern auf dem Schulhof verboten wird, in ihrer Muttersprache zu sprechen. „Muttersprache ist ein Menschenrecht“, sagt er. Das gelte natürlich nicht im Unterricht, aber in der Freizeit.

Zur Zeit, so beobachte der Integrationsrat, gehe gerade eine Welle mit Angst vor Islamisierung um. „Junge Männer mit Bärten oder verschleierte Frauen bekommen das zu spüren“, sagt Albert. Belehrungen, so der Ex-Lehrer, „bringen da aber gar nichts“. Die Menschen müssen einfach Erfahrungen machen und Migranten kennen lernen. Ein Grund für Rassismus sei einfach die Angst vor dem Unbekannten.

bib

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