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Thema des Tages: Armut in Göttingen

Weniger Kinder, mehr Alte beziehen Sozialleistungen Thema des Tages: Armut in Göttingen

Die Kinderarmut in der Stadt Göttingen sinkt, die Altersarmut steigt leicht. Dennoch ist die Zahl der jungen Menschen in Armut deutlich höher, als die der über 60-Jährigen.  „Die Kinderarmut ist von fast 25 Prozent im Jahr 2009 auf unter 20 Prozent im Jahr 2013 gesunken“, sagt Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck (SPD).

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Wie viele Menschen sind in Göttingen von Armut betroffen? Und was ist überhaupt Armut? Eine eindeutige Definition gibt es nicht.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. „Diese Richtung stimmt“, freut sie sich. In Göttingen sei der Anteil der Kinder, die nur von einem Elternteil erzogen werden, besonders hoch.

 

„Jedes dritte Kind lebt bei alleinerziehenden Eltern.“ Das Problem: Of könnten alleinerziehende Eltern nicht arbeiten oder nur einen Teilzeitjob annehmen. „Sie sind vom beruflichen Aufstieg oft ausgenommen“, sagt sie und nennt die Aufgabe, dagegen anzusteuern, einen sozialpolitischen Schwerpunkt.

Aber was ist arm?  In der Stadt Göttingen gilt als arm, wer Anspruch auf Sozialleistung hat, also nicht alleine für seinen Lebensunterhalt sorgen kann. „Wir arbeiten aber nicht mit dem wissenschaftlichen Begriff“, sagt Schlapeit-Beck. Ein Durchschnittseinkommen der Göttinger Bevölkerung werde nicht erfasst, somit gebe es keine hier Grundlage für internationale Berechnungsstandarts. 

„Eine Definition für Armut gibt es bei uns nicht“

Nach der EU-Definition gilt als armutsgefährdet, wer von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung seines Landes lebt. Dies sind nach der Haushaltsbefragung Mikrozensus 2013 für einen Alleinlebenden 892 Euro im Monat.

Im Landkreis Göttingen wird Armut gar nicht erfasst. „Leistungsbezug ist nicht mit Armut gleichzusetzen“, sagt Verwaltungssprecher Ulrich Lottmann. Und weiter: „Eine Definition für Armut gibt es bei uns nicht.“

Arm ist in der Stadt Göttingen also offiziell nur der, der sich aktiv beim Amt meldet. All diejenigen, die sich vielleicht schämen, Hilfe zu beantragen, die, denen der bürokratische Aufwand zu groß ist oder die, die gar nicht wissen, dass sie Anspruch auf Sozialleistungen haben. „Bundesweit rufen 20 bis 30 Prozent der Berechtigten ihre Leistungen nicht ab“, erklärt Stephan Klasen, Professor für Professor für Volkswirtschaftslehre an der Göttinger Universität.

Viele scheuen den Weg zum Amt

„Viele von ihnen bekämen nur geringe Summen und scheuen deshalb den Gang zum Amt“, so Klasen. Das heißt, das diese Menschen in Göttingen gar nicht in der Armutsstatistik auftauchen.

„Die Dunkelziffer ist vermutlich ziemlich hoch“, sagt Schlapeit-Beck. Aber wie hoch, auch dafür gebe es keine Schätzungen. Auch wenn in der Kreisverwaltung nicht mit dem Begriff Armut gearbeitet wird, registriert waren im Oktober 2014 insgesamt  18907 so genannte Leistungsempfänger,   17066 Menschen beziehen Hartz IV. Dazu kommen 1841 Empfänger von Hilfe zum Lebensunterhalt. In der Stadt waren es im Jahr 2013 13076 Empfänger.

Was ist Armut?

Wie wird die Armutsgrenze festgelegt?
Es gibt in Deutschland im wesentlichen drei unterschiedliche Ansätze. Eine weit verbreitete Methode ist die, die auch in Göttingen benutzt wird. Als arm gilt, wer bestimmte Sozialleistungen abruft.

Wie bewerten Sie diese Methode?
Bei dieser Methode ist Armut vom Gesetz abhängig, denn der Gesetzgeber legt fest,  ab wann jemand Geld bekommt. Die Methode ist auch intransparent, da sie von komplexen gesetzlichen Vorgaben abhängen. Und soziale Programme sind manipulierbar, damit auch die Armutsgrenze.

Können Sie ein Beispiel nennen?
In Göttingen gilt unter anderem als arm, wer Hartz IV bezieht. Würde Hartz IV abgeschafft, wäre damit aber nicht die Armut abgeschafft.

Welche Alternativen gibt es denn?
Es gibt eine europaweite Berechnungsmethode die sagt, wer weniger als 60 Prozent des sogenannten Medianeinkommens zur Verfügung hat, ist arm. Das Medianeinkommen ist das berechnete mittlere Einkommen der Bevölkerung.

Wie hoch liegt denn diese Grenze in Deutschland?
Ein alleinstehender Mensch gilt demnach als arm, wenn er weniger als 11622 Euro im Jahr zur Verfügung hat. Das gilt in Deutschland für knapp 20 Prozent der Bevölkerung. Diese Methode ist sehr transparent. Der Armutsbericht der Bundesregierung wird beispielsweise auf dieser Grundlage erstellt.

Warum wird diese Methode dann nicht flächendeckend angewendet?
Die meisten Kommunen haben keine Angaben über das Einkommen ihrer Bürger. Dazu müsste man auf Daten aus dem Zensus oder Mikrozensus zurückgreifen. Im Mikrozensus wird aber auch nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung erfasst. Und die Einkommensdaten gesondert zu erheben, das wäre ein ziemlich großer Aufwand.

Welches ist denn die dritte Methode?
Das ist die multidimensionale Methode. Dabei werden unter anderem folgende Kriterien abgefragt: Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnqualität, geringe Qualifizierung, ob am Ende des Monats noch Geld übrig ist.  Die Erhebung dieser Daten ist aber nicht ganz leicht.

Alle Methoden haben also einen Haken?
Die Berechnung der Armutsgrenze über das Medianeinkommen ist schon die beste Methode. Sie ist transparent und EU-weit vergleichbar. Die erste Methode ist wissenschaftlich nicht valide.

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