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Thema des Tages: Die Integration der entwurzelten Menschen

Erst Hospitant, dann Arzt Thema des Tages: Die Integration der entwurzelten Menschen

Die Zahl der Flüchtlinge, die in Deutschland Schutz suchen, steigt und steigt: Knapp 203 000 waren es 2014, 60 Prozent mehr als 2013. Auch Göttingen wird einen Teil davon tragen: 700 werden es im laufenden Jahr sein, schätzt Dagmar Schlapeit-Beck, Sozialdezernentin der Stadt. Um so wichtiger: die Integration der entwurzelten Menschen.

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Mohammed Albertaoui – hier mit Kollegin Maren Becker – kontrolliert Herzfrequenzen von Patienten im Weender Krankenhaus.

Quelle: Pförtner

Göttingen/Damaskus. Ende der Diktatur, Freiheit, Frieden und Demokratie – mit riesigen Hoffungen war der sogenannte „arabische Frühling“ verknüpft. Gebracht hat er stattdessen Krieg, unvorstellbare Gewalttaten und islamischen Terror – Gründe für die Flüchtlingswelle, die derzeit über Europa, Deutschland und auch die Region Göttingen rollt.

Auch Göttingens Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck hat erkannt, dass dies kein vorübergehendes Problem ist. Die Stadtverwaltung stellt sich auf Dauerlösungen ein – nicht nur für angemessene Unterkünfte, sondern auch für die Integration in die deutsche Gesellschaft.

Wie so etwas funktionieren könnte zeigt der Fall von Mohammed Albertaoui aus Syrien. Der promovierte Kardiologe war in Damaskus Oberarzt im Krankenhaus, betrieb zusätzlich eine Praxis. Als immer mehr Bomben und Granaten fielen, Häuser auch in Damaskus zerstört wurden und seine beiden Töchter vor Angst nicht mehr schliefen, machte sich Albertaoui mit seiner Familie auf den Weg nach Europa. Über die Türkei kam er schließlich als Asylbewerber ins Lager Friedland. Aus humanitären Gründen bekam er eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre.

„Die verstehen dich doch alle“

Weil sein Bruder bereits als Arzt in Bremen arbeitete, bekam Albertaoui schnell Kontakte zu anderen Medizinern – vor knapp einem Jahr auch zum Evangelischen Krankenhaus Weende. „Zunächst aus rein humanitären Gründen“ habe man ihm eine Beschäftigung angeboten, sagt Prof. Michael Karaus, Medizinischer Geschäftsführer des Krankenhauses, „damit er zunächst eine Arbeitserlaubnis bekommt“. Nach einer Zeit als Hospitant arbeitet er jetzt in Vollzeit als Facharzt und „hat sich als exzellenter und erfahrener Kardiologe erwiesen“, sagt Kollege Tobias Harder.

Auch die Approbation, die endgültige staatliche Zulassung, ist auf einem guten Weg. Und seine Deutschkenntnisse machten rasant Fortschritte, sagt Harder. Seit Jahresbeginn sei er „voll in den Klinikalltag eingebunden“. Allerdings musste sich Albertaoui umstellen: „Hier gibt es viel mehr Gespräche zwischen Patienten und Ärzten als in Syrien“, sagt der Arzt und nimmt dies als Ansporn, sein Deutsch weiter zu verbessern. Die Skepsis sei unnötig, sagt Albertaouis Kollegin Maren Becker: „Die verstehen dich doch alle.“

Dass Albertaoui in Deutschland ganz von vorn anfangen musste, hat den 41-Jährigen nicht abgeschreckt, zumal ihm das Weender Krankenhaus sehr geholfen habe. Obwohl ihm in Deutschland noch vieles fremd ist, fühlt sich Albertaoui wohl in Göttingen: „Hier ist alles gut. Anders als in der Türkei behandelt die Ausländerbehörde mich und meine Familie gut.“

"Ich habe alles verloren“

Andere Flüchtlinge haben es schwerer als der hoch qualifizierte Mediziner. Beispielsweise Rahf Jalbut. Die 21-Jährige, ebenfalls aus Damaskus, hatte dort zwei Jahre lang Geografie studiert, bevor sie vor dem Krieg flüchtete: „Unser Haus und die Uni sind zerstört. Ich habe alles verloren.“ In Göttingen weiterstudieren darf sie noch nicht, weil sie erst noch weitere Deutschkurse besuchen muss, erklärte Jalbut in flüssigem Deutsch beim Erzählcafé des Zeitzeugenprojekts und der Freien Altenarbeit in der vergangenen Woche. Doch die Kurse kosten Geld – ein Problem für die ehrgeizige junge Frau.

Für Jalbout Obada aus dem Gaza-Streifen war Syrien hingegen Zufluchtsort. Dort sei ihm sogar zur Existenzgründung ein Grundstück gestellt worden – bis der Krieg ausbrach und er vor der Gewalt flüchtete. Jetzt steht der 27-jährige Computertechniker vor dem Nichts.

Seit zwei Jahren ist Abdel Majid Bushara aus dem krisengeschüttelten Sudan in Deutschland. Zunächst nach Lybien geflüchtet, trieb 2011 die blutige Revolte den studierten Betriebswirtschaftler über Tunesien, Dänemark und Spanien nach Deutschland. Heute hat der 41-Jährige keine Arbeit– außer ab und zu als Raumpfleger.

 
Weit entfernt vom gleichberechtigten Leben
B. Sacher

B. Sacher

Quelle:

Wie hat sich die Situation für Flüchtlinge in Göttingen in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Zu diesem Thema hat das Tageblatt Birgit Sacher befragt. Die 56-Jährige ist seit 1988 Geschäftsführerin des Integrationsrates (früher Ausländerbeirat) der Stadt Göttingen.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit der Flüchtlingspolitik in Göttingen?
Seit Ende 1982. Damals wurde das ehemalige Hotel Astoria von der Landesregierung als Sammellager für Asylbewerber angemietet.  Von Ende 1982 bis Anfang 1991 mussten im Astoria im Schnitt 150 Asylbewerber unter menschenverachtenden Bedingungen leben. Ich war damals im Göttinger Arbeitskreis für Asylsuchende aktiv und habe auch im Astoria gearbeitet.

Herkunft und Fluchtgründe: Können Sie kurz beschreiben, welche Flüchtlinge in welchen Zeiträumen nach Göttingen kamen?
Die Flüchtlinge kamen aus Krieg- und Krisengebieten: Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre Vietnamesen, Iraner, Türken, vor allem Kurden aus der Türkei nach dem Militärputsch, aus Afghanistan, Äthiopien und Eritrea sowie ethnische und religiöse Minderheiten aus anderen Ländern.

In den 90er-Jahren vor allem Flüchtlinge aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien, aber auch aus Rumänien und jüdische Flüchtlinge aus den GUS-Staaten. Aktuell flüchten Menschen vor allem aus den Kriegsgebieten Syrien, Irak,  Afghanistan, Sudan, Eritrea, aus dem Kosovo und Bosnien Herzegowina.

Angesichts der aktuellen Problematik: Wie war die Unterkunftssituation in den 90er-Jahren zur Zeit des Jugoslawienkrieges?
Die Unterbringungssituation war katastrophal, zeitweise waren drei Turnhallen mit  bis zu 150 Flüchtlingen belegt. Auf den Zietenterassen wurden zwei Flüchtlingslager (Schöneberger- und Von-Ossietzky-Straße) für bis zu 180 Flüchtlinge eingerichtet. In der Merkelstraße gab es als positive Beispiele für 150 Flüchtlinge Wohnheime mit separaten Wohnungen. Die Wohnheime bestanden im Schnitt fünf Jahre, danach wurden Flüchtlinge, die nicht zurückkehren konnten, auf dezentrale Wohnungen verteilt.

Hätte die Stadt nach den damaligen Erfahrungen aus Ihrer Sicht anders planen müssen?
Die Unterbringung von Flüchtlingen lässt sich naturgemäß schwer planen. Kriege und Krisengebiete sind kaum vorhersehbar. Derzeit muss man aber von einem dauerhaftem Zuzug ausgehen und entsprechende Unterbringungen vorhalten. Dies wird immer noch zu wenig gesehen.

Entsprechend gab es erst im Februar 2014 ein Konzept zur dezentralen Unterbringung, obwohl zu diesem Zeitpunkt schon absehbar war, dass dies nicht ausreicht. Falsch war sicher auch die fehlende Förderung des sozialen Wohnungsbaus – verursacht wohl vor allem, weil der Bund seine Förderung eingestellt hatte. 

Vor dem Hintergrund der Planung für die Zietenterrassen: Wie beurteilen Sie die Stimmung in Teilen der Bevölkerung?
Die Stimmung in der Bevölkerung ist schwierig zu beurteilen.  Zum einen haben die Vorurteile bis hin zur Hetze gegen Flüchtlinge in den 80er und 90er Jahre ihre Früchte getragen. Außerdem gibt es viele irrationale Ängste. Auf der anderen Seite ist ein Großteil der Bevölkerung solidarisch und will Flüchtlinge helfen.

Bezogen auf die Diskussion um das Flüchtlingswohnheim auf den Zietenterassen  ist auffällig, dass im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen die Beeinträchtigungen der Bevölkerung einschließlich der Wirkungen für den Stadtteil standen.  Kaum ein Rolle spielten die Lebensbedingungen der Flüchtlinge und schon gar nicht die restriktiven Bedingungen des Asylverfahrens- und Asylbewerberleistungsgesetzes.

Willkommenskultur – gibt es die in der Stadt Göttingen?
Der Begriff der Willkommenskultur hat Konjunktur, ist aber nicht wirklich inhaltlich gefüllt. Der Rat und die Verwaltung haben mehrfach und ausdrücklich erklärt, dass Flüchtlinge in Göttingen willkommen sind. Das ist sehr begrüßenswert, ist aber noch keine Willkommenskultur. Diese setzt ein gleichberechtigtes Leben in allen gesellschaftlichen Bereichen voraus, davon sind wir auch in Göttingen noch weit entfernt.

Das Interview führte Katharina Klocke

 
Flüchtlinge erst nach 1945

Flüchtlingsströme in und um Göttingen, sagt Göttingens Stadtarchivar Ernst Böhme, habe es eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben. An der Aufnahme von aus Frankreich vertriebenen Hugenotten beispielsweise habe sich Göttingen nie beteiligt.

Gleich nach 1945 jedoch wurde die Region von Flüchtlingen fast überrollt. Etwa 900000 Flüchtlinge und Evakuierte trafen bis 1947 im Lager Friedland ein. Zudem registrierte das Lage bis 1948 jährlich bis zu 150000 Heimkehrer aus Kriegsgefangenschaft.

Danach kamen die Aussiedler – bis heute weit mehr als zwei Millionen Menschen. Dazu kamen Flüchtlinge aus Krisengebieten, beginnend 1956 nach dem Volksaufstand in Ungarn. Ab 1973 wurden Asylbewerber aus Chile aufgenommen, ab 1978 die Boat People aus Vietnam. 1988 waren es wieder Deutsche: Flüchtlinge aus der DDR.

1990 kamen die ersten Flüchtlinge aus Albanien. 1998 brach der Kosovo-Krieg aus, Hunderttausende flüchteten, auch ins Lager nach Friedland. Ende März 2009 erreichten die ersten von 2500 Flüchtlingen aus dem Irak Deutschland. Sie alle wurden zunächst nach Friedland gebracht. Seitdem suchen vor allem Menschen in Göttingen Zuflucht, die vor religiösen Fanatikern flüchten, die meisten aus dem Nahen Osten und Afghanistan.

Vor dem Zeiten Weltkrieg, sagt Archivar Böhme, sei Göttingen jedoch von Wanderungsbewegungen anderer Art betroffen gewesen. Beispielsweise durch Arbeitsmigration: So seien Mitte bis Ende des 15. Jahrhunderts die sogenannten neuen Wollenweber nach Göttingen gezogen, um sich in der damals aufstrebenden Textilindustrie zu verdingen. Ein weiteres Beispiel: der Zuzug von Gelehrten nach Eröffnung der Göttinger Universität im Jahr 1737.

Die Wissenschaftler der damaligen Zeit, so Böhme, hätten sich durch „ständige Mobilität“ ausgezeichnet, seien sozusagen ein „fahrendes Volk“ gewesen. Im 19. Jahrhundert habe es zudem eine starke Wanderungsbewegung vom Land in die Stadt gegeben.

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Vor 25 Jahren erhielt der Göttinger Wissenschaftler Erwin Neher den Nobelpreis