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Thema des Tages: Dorfläden im Kreis Göttingen

Einkaufsmarkt, Treffpunkt, Nachrichten-Umschlagplatz Thema des Tages: Dorfläden im Kreis Göttingen

Lebensmittelläden existieren längst nicht mehr in jedem Dorf im Landkreis Göttingen. Dennoch werden nahezu alle Ortschaften mit Lebensmitteln versorgt, auch über rollende Angebote. Dorfläden wie der in Reinhausen sind aber häufig auch ein wichtiger Treffpunkt für die Menschen im Ort. Dafür gibt es keinen rollenden Ersatz.

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Morgens im Dorfladen Reinhausen: Manfred Scholz und Helmut Wurz (r.)  genießen ihren Kaffee, Peter Heimbs und Eva Wagner arbeiten an der Ladentheke.

Quelle: CH

Reinhausen. Morgens, halb zehn in Reinhausen: Ein Rubbellos, ein Kaffee, eine Zeitung –  das ist für Helene Bulbach ein festes Ritual zum Start in den Tag. Sie hat ihren Stammplatz gleich hinter der kleinen Sichtschutzwand in der Café-Ecke im Dorfladen Reinhausen. Die 91-Jährige sitzt mit dem Rücken zum Geschäft, wärmt sich die kalten Finger an der Tasse.

Helmut Wurz hingegen hat alles im Blick. Auch für den 68-jährigen Reinhäuser ist der morgendliche Besuch im Laden Pflicht. „Wenn nichts dazwischen kommt, bin ich hier“, sagt der Rentner und schnappt sich sein kleines grünes Kissen aus  einem Regalfach. Der Profi hat vorgesorgt. „Ich habe so einen spitzen Popo“, lacht er und macht es sich mit Kissen auf seinem Stammplatz bequem.  Die kleine Kaffeerunde eröffnet heute Manfred Scholz. Er ist der erste der drei Gäste, die fast immer zur gleichen Zeit ankommen. Scholz ist 1970 „der Liebe wegen“ von Göttingen nach Reinhausen gezogen. Seit dem ist „der Zugezogene“ Stammkunde im Dorfladen. „Geboren wurde ich im Kleinen Ratskeller, Göttingens ältester Kneipe“, sagt er ein bisschen stolz.

Wurz dreht erst einmal seine Runde durchs Geschäft, erledigt seine Einkäufe, bevor er sich die Kaffeepause gönnt. Bei Wurz gibt es heute Mittag Leberkäse. Frisch aufgeschnitten von Eva Wagner. Die Ballenhäuserin hat gemeinsam mit Elvira Siegl Dienst. Die beiden Damen aus dem Dorfladen wissen schon oft bevor der Kunde etwas sagen kann, was gewünscht wird. „Vier Brötchen, bitteschön“, sagt Siegl und reicht sie über die Theke. Brötchen mit Mett oder Leberwurst, ohne überflüssigen Schnickschnack, die sind hier besonders gefragt.

Scholz und Wurz sind unterdessen in ihren Klönschnack vertieft. Wer wen damals geheiratet hat, wer gerade krank ist oder was sonst so im Dorf passiert. Hier ist der Umschlagplatz für Nachrichten. „Da kommt die Steffi“, sagen die beiden erfreut. Steffi ist Stefanie Westermann. Sie kommt vom Dienst aus der Gemeindeverwaltung und schaut traurig aus. „Ich habe sie  gestern erlöst“, sagt sie unter Tränen. Jeder weiß hier sofort Bescheid. Steffi ist ohne ihren Hund gekommen. Geschäftsführer Peter Heimbs nimmt die Frau erst einmal fest in den Arm. Nicht immer sind es gute Nachrichten.

Dennoch: Heimbs, Rechtsanwalt und ehrenamtlicher Geschäftsführer des Dorfladens, weiß, wie wichtig die soziale Funktion des Geschäftes ist. „Ein Café muss es in jedem Dorfladen geben“, sagt er. In Reinhausen wird dieser Treffpunkt kräftig genutzt. „Wir haben extra eine neue Kaffeemaschine angeschafft“, sagt Heimbs. Rund 50 Einwohner zählen zum Kreis der regelmäßigen Besucher. Vor allem ältere Menschen, Kinder aber auch junge Familien und bekennende Dorfladenunterstützer  zählen zu den Kunden. Manch alleinstehender Rentner hole morgens Butter und mittags dann Milch um noch einmal einzukehren. „Die Menschen erfahren im Laden, was so alles passiert. Viele genießen es, auch etwas länger dort zu verweilen.“ Einige können es gar nicht erst erwarten. Der Laden öffnet um 7 Uhr. „Eigentlich“, sagen Siegl und Wagner. „Um halb sieben stehen aber die ersten vor der Tür.“

Initiative Dorfladen

In der Dorfladeninitiative haben sich zehn kleine, von Lebensmittelkonzernen unabhängige Geschäfte zusammen geschlossen. Die kleinen Läden werden entweder von Inhabern oder Vereinen betrieben –  oder, wie in Reinhausen und Bremke, als Unternehmergesellschaft (UG) geführt. Es gibt sie in Fuhrbach, Groß Lengden, Diemarden, Hemeln, Herberhausen, Roringen, Nesselröden, Reinhausen, Güntersen, Reiffenhausen, Waake und Bremke (wird bald eröffnet).

Ohne weiße Flecken

Im Landkreis Göttingen gibt es so gut wie keine weißen Flecken beim Einkaufen von Lebensmitteln. „Wir haben eine nahezu flächendeckende Versorgung durch die rollenden Angebote“, sagt Hartmut Berndt, vom Leader-Regionalmanagement Göttinger Land im Landkreis Göttingen. Das sei nicht selbstverständlich, in den Nachbarlandkreisen Northeim und Osterode sei das weniger der Fall.

Berndt organisiert die Dorfladeninitiative im Landkreis Göttingen. Rund 122 Dörfer gibt es im Landkreis – viele davon allerdings ohne Einkaufsladen. Die Versorgung sei zwar durch Verkausfwagen gesichert, aber etwas anderes fehle dort, nämlich „die soziale Funktion des Dorfladens“, sagt auch Berndt. „90 Prozent der Menschen in den Dörfern fahren täglich mit dem Auto in einen größeren Ort“, sagt Berndt. Supermärkte in den Mittelzentren wie Groß Schneen oder Klein Lendgen seien vorrangig auf Autofahrer ausgerichtet. Die Bürger fahren laut Berndt zwar nicht extra  los, um einzukaufen, erledigen das aber auf dem Weg zum Arbeitsplatz. Für rüstige Rentner sei der Einkauf in der Stadt beispielsweise regelrecht ein Event. Nach einer Befragung, die Berndt und seine Kollegen im Jahr 2011 an alle Ortsbürgermeister gerichtet hatten, wurde klar, dass die meisten Dorfbewohner nicht mit der Nahversorgung zufrieden sind. „Die stationäre Nahversorgung hat ein niedriges Niveau“, steht in der Studie. Berndt und Peter Heimbs, Geschäftsführer des Reinhäuser Dorfladens,  wünschen sich eine größere Resonanz auf die Dorfläden. „Schön wäre, wenn die Dorfbewohner das, was dort angeboten wird auch kaufen, und den Rest in der Stadt“, sagt Heimbs. Die Läden, die fast immer mit einer großen Portion ehrenamtlichem Engagement und erheblichen Kosten geführt werden, können nur bestehen, wenn dort auch eingekauft wird. „Wir brauchen den Umsatz“, sagt Heimbs.

Hier kann man noch einkaufen

Im Landkreis Göttingen gibt es rund 120 Dörfer – etliche davon ohne einen Einkaufsladen. Rollenden Geschäften fahren einige Orte ohne Einkaufsmöglichkeiten an. Dorfläden gibt es noch in:
► Gemeinde Adelebsen:
Adelebsen: 2 Märkte
Lödingsen 1 Laden
Güntersen 1 Laden
► Gemeinde Bovenden
Bovenden:  7 Märkte
Lenglern: 1 Laden
►  Stadt Duderstadt:
Duderstadt: 8 Märkte,
11 Bäcker, 6 Schlachter
Breitenberg: 1 Bäcker
Fuhrbach: 1 Laden,
1 Schlachter
Gerblingerode: 1 Bäcker
Hilkerode: 1 Bäcker,
2 Schlachter
Imminigerode: 1 Bäcker
Langenhagen: 1 Bäcker
Mingerode: 1 Laden (geplant), 1 Bäcker,
1 Schlachter
Nesselröden: 1 Bäcker,
2 Schlachter
Werxhausen: 1 Bäcker
Westerode: 1 Schlachter
► Samtgemeinde Gieboldehausen:
Gieboldehausen: 4 Märkte
Rollshausen: 1 Laden
Renshausen: 1 Laden
Rhumspringe: 1 Laden,
1 Bäcker
Rüdershausen: 1 Laden,
1 Bäcker
Obernfeld: 1 Laden
Bilshausen: 1 Laden,
2 Bäcker
Bodensee: 1 Bäcker,
1 Schlachter
Krebeck: 1 Schlachter
► Gemeinde Friedland:
Friedland: 1 Laden
Groß Schneen: 1 Markt,
1 Bäcker
Reiffenhausen: 1 Laden
Niedernjesa: 1 Bäcker
►  Gemeinde Gleichen:
Groß Lengden : 1 Laden
Klein Lengeden: 1 Markt,
1 Bäcker
Reinhausen: 1 Laden,
1 Bäcker
Rittmarshausen: 1 Laden
Bremke: 1Laden (geplant)
►  Stadt Hann. Münden
Hann. Münden: 9 Märkte
Hemeln: 1 Laden (neu)
Hedemünden: 1 Bäcker,
1 Schlachter
Gimte: 2 Bäcker
Volkmarshausen: 1 Bäcker
Oberode: 1 Bäcker
►  Radolfshausen:
Ebergötzen: zwei Bäcker,
1 Schlachter
Holzerode: 1 Laden
Landolfshausen: 1 Laden (geplant)
Seulingen: 1 Laden (geplant), 1 Bäcker
Seeburg: 2 Bäcker,
1 Schlachter
►  Gemeinde Rodorf
Rosdorf: 3 Märkte,
4 Bäcker, zwei Schlachter
Obernjesa: 1 Bäcker
►  Staufenberg:
Landwehrhagen: 1 Laden
Uschlag: 1 Laden

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