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Thema des Tages: Generationenprojekt Wald

Neue Tageblatt-Serie Thema des Tages: Generationenprojekt Wald

Er gilt als deutscher als die Deutschen: der deutsche Wald. Waldbesitz galt noch bis vor wenigen Jahrzehnten als Ausweis für Wohlstand und gesellschaftliche Stellung. Wer vom Wald lebt, erntet, was Generationen vor ihm pflanzten. Und er hat Verantwortung für spätere Generationen. Er sät, was er nie ernten wird, er erntet, was er nie gesät hat. Das Tageblatt stellt Familien vor, die vom Generationenprojekt Wald leben. Zum Auftakt: Familie von Bodenhausen, Niedergandern.

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Bewirtschaften zusammen fast 1000 Hektar Forst im Reinhäuser und im Kaufunger Wald: Irene und Melchior von Bodenhausen vor ihrem Gut in Niedergandern.

Quelle: Hinzmann

„Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Es ist das Weltbild der Freiherren und Grundbesitzer, das aus Goethes Faust spricht. Nur für wenige gilt das Zitat heute so treffend wie damals. Irene und Melchior von Bodenhausen gehören dazu. Sie sind Freifrau und Freiherr, und sie besitzen Land, darunter 988 Hektar Wald, den zwei adelige Familien seit fast 40 Generationen bewirtschaftet haben und den die von Bodenhausens dereinst an Kinder und Enkel weitergeben.

Was sie heute entscheiden, wird eines Tages bestimmen, ob die Urenkel noch vom Wald leben können. Und was der Urgroßvater ererbt und dann durch Holzeinschlag und Neupflanzung erworben hat, bestimmt das heutige Auskommen der Familie in Niedergandern.

Der Wald der von Bodenhausens ist zweigeteilt: der der Adelsfamilie Buttlar aus Ermschwerd am Nordhang des Kaufunger Waldes sowie der Wald der von Bodenhausens am Forsthaus Hasenwinkel bei Ballenhausen. Beide seit jeweils rund 900 Jahren im Familienbesitz, allerdings erst seit zehn Jahren wieder komplett. Der Urgroßvater Irenes hatte seine Forsten einst unter drei Söhnen aufgeteilt. Von Bodenhausen erwarb 400 Hektar zurück. Die große Fläche ermöglicht es, einen eigenen Förster zu beschäftigen.

Verbunden mit dem Wald ist das Jagdrecht für 1300 Hektar. Auch das übt die Familie selber aus. Nur so, sagt der 54-Jährige, habe man den Wildbestand im Griff. Davon hänge der Wald ab. Im Kaufunger, neuerdings auch im Reinhäuser Wald, gebe es Rotwild. Deren Verbiss an jungen Bäumen kann, wenn der Bestand hoch ist, den Wald schwer schädigen. Bis zu 80 Wildschweine, 40 Rehe, 25 Hirsche werden in Bodenhausens Wäldern im Jahr erlegt. Ihr Fleisch wird vermarktet im eigenen Hofladen in Niedergandern.

Dass das Wild aufkommende Bäume nicht restlos frisst, ist überlebenswichtig. Die von Bodenhausens setzen ganz auf natürliche Waldverjüngung. Seit 20 Jahren ist kein Baum mehr gepflanzt worden. Der Großvater sah das noch ganz anders. Ab 1930 ließ er große Flächen kahlschlagen und mit schnellwüchsigen Fichten bepflanzen. Der Wald wurde großflächig umgestaltet. Das war Mode zwischen 1930 und 1980. Dann setzte ein Umdenken ein. Vor allem die Landesforsten wollen stabilere Mischwälder.

Doch die alte Denkungsart kann für kommende Generationen auch ein Glück sein. Von Bodenhausens haben heute einen hohen Bestand an 70-jährigem Nadelholz. Gut in Zeiten, in denen Fichte wieder gefragt und teuer, der Preis der Buche hingegen im Keller ist. 40 Prozent Fichtenbestand, vor allem im Reinhäuser Wald, dazu noch einmal acht Prozent Lärche und sechs Prozent Kiefer – das ist bei aktuell hohen Nadelholzpreisen ein Vorteil. 35 Prozent Buche sind es nur. Im Buttlarschen Wald hingegen ist der Buchenanteil mit 60 Prozent regionaltypisch hoch.

Ist antizyklisches Wirtschaften bei den Forsten also von Vorteil? Die von Bodenhausens haben es erlebt, dass die Natur solchen Plänen einen Strich durch die Rechnung macht. Orkan Kyrill im Jahr 2007 hat ihnen auf 35 Hektar alle Bäume umgefegt. Von einen auf den anderen Tag lagen 17 000 Festmeter Holz kreuz und quer. Glück im Unglück: Der Förster des Betriebs hat rasend schnell reagiert, hat mit Sägewerken Verträge gemacht, so lange der Holzpreis noch hoch war, und hat Holzhauer selbst aus Tschechien angeheuert, um schnell liefern zu können. Er habe, sagt Melchior von Bodenhausen, noch 50 Euro pro Festmeter erzielt. Als das ganze Ausmaß der Kyrill-Schäden bekannt war, sackte der Preis auf 10 Euro.

Und danach? „Ich bin beschimpft worden, dass ich die Flächen nicht wieder aufforste.“ Heute steht dort aus natürlicher Verjüngung ein artenreicher junger Mischwald, um den ihn manche Staatsförster beneiden. Die Fichte dominiert noch, aber Buche kommt von allein. Auch die Brombeeren hat von Bodenhausen nicht weggeschnitten, wie Waldexperten von ihm verlangten. „Einen besseren Schutz gegen Verbiss gibt es gar nicht.“ Das Kronenholz bleibe ohnehin liegen, was Pilzwuchs und Nutzinsekten förderlich sei. Anders als in Landeswäldern, wo viel Brennholz gemacht wird. Bei ihm macht Brennholz höchstens drei Prozent aus. Folglich gedeiht sein Wald. Waldsterben kennt er nicht. „Ich habe jedes Jahr über die Vorgabe hinaus eingeschlagen, und trotzdem nimmt der Bestand stetig zu.“

Das liege aber auch daran, dass er mit dem Durchforsten im Rückstand sei. Auf steilen Hängen, wie im Kaufunger Wald, bringe die Holzernte bei niedrigen Buchenpreisen oft nicht einmal die Lohnkosten ein. So wachsen dort die Buchen besseren Preisen entgegen.

Etwa zehn Prozent des Holzes schlägt von Bodenhausen je Winter. Das sind 8000 bis 10 000 Festmeter. Etwa 60 Prozent sind wertvolles Stammholz, 40 Prozent Industrieholz für Spanplatten. Zusammen mit der Landwirtschaft kann die Familie davon leben. Einer der Söhne studiert Landwirtschaft. Er will Forstmann werden und den Betrieb übernehmen. Ob dessen Kinder einst davon leben können? „Wer kann das heute schon wissen?“, sagt Melchior von Bodenhausen.

Wald mit Stammbaum |Create infographics

 

Regionale Besonderheit: Forstgenossenschaften

Fünf Fragen an Prof. Bernhard Möhring, Leiter Abteilung Forstökonomie und Forsteinrichtung, Uni Göttingen

 

Was ist das Besondere am Göttinger Wald?
Der Landkreis ist waldreich, rund 35 Prozent seiner Fläche. Die Standorte sind überdurchschnittlich produktiv. Besonders typisch für die Region ist der Muschelkalk, etwa im Göttinger Wald, aber auch der Buntsandstein im Reinhäuser Wald. Deshalb dominieren Laubwälder, sowohl in der Ausprägung des artenreichen Kalkbuchenwaldes mit Edellaubbeständen wie Buche, Ahorn, Esche oder der sehr wertvollen Elsbeere und mit hohem naturschutzfachlichem Wert durch Frühlingsblüher oder seltene Orchideen, als auch in der ar-tenärmeren Ausprägung auf Buntsandstein, dort häufig mit Fichte oder Lärche.

Gibt es Besonderheiten bei den Eigentumsverhältnissen?
Was den Bürgern vielfach nicht bewusst ist: Der Wald gehört in erster Linie privaten Eigentümern. Eine Besonderheit in diesem Raum sind die Forstgenossenschaften. Hier wurde der bäuerliche Wald nicht – wie in vielen anderen Regionen in Deutschland – auf einzelne Eigentümer real aufgeteilt. Vielmehr werden die Flächen gemeinschaftlich durch die Forstgenossenschaften bewirtschaftet, was sich wegen größerer Flächeneinheiten positiv auswirkt.

In der Landwirtschaft kennen wir das Höfesterben. Wie ist das in der Forstwirtschaft?
Der Rohstoff Holz hat in den letzten 60 Jahren fast durchweg an Wert eingebüßt. 1955 konnte man im Mittel von einem Kubikmeter Holz noch den Waldarbeiterlohn für eine ganze Woche bezahlen, 1969 nur noch acht Stunden, heute sind es wieder rund drei Stunden. Vor zehn Jahren war dieser Wert gar auf gut zwei Stunden gesunken. Da private Forstwirtschaft in den seltensten Fällen im Haupterwerb ausgeübt wurde, gab es – anders als in der Landwirtschaft – auch kein forstliches Höfesterben. So hat es auch kaum einen Strukturwandel beim privaten Waldeigentum gegeben, es wird überwiegend im Erbgang übertragen. Gleichwohl waren vielfältige betriebliche Anpassungen notwendig. Zu nennen sind hier die Mechanisierung der Holzernte durch Motorsäge und Harvester, Extensivierung im Waldbau, Auslagerung der Tätigkeiten auf professionelle Unternehmer und Stärkung der überbetrieblichen Kooperation.

Hat die private Forstwirtschaft Zukunft?
Die Rückbesinnung auf erneuerbare Ressourcen hat dem Holz neue Wertschätzung beschert, sowohl bei der Nutzung als Balken, Spanplatte oder Papier, als auch als Energieträger. Die Preise sind in den letzten Jahren deutlich angestiegen – insbesondere für Nadelholz. Die in dieser Region dominierende Buche hat hingegen beim Stammholz eher ein Vermarktungsproblem, Buchen-Brennholz hingegen ist sehr gefragt. Auch Waldbesitz ist wieder begehrt, die Waldkaufpreise sind deutlich gestiegen. In einem Hochlohnland mit hohen Umwelt- und Sozialstandards wird Forstwirtschaft immer ein Geschäft mit eher geringer, aber beständiger Rendite bleiben. Der wirtschaftliche Erfolg wird durch die hohe Dichte naturschutzfachlicher Regelungen bedroht. So schränken Managementpläne in FFH-Gebieten die Holznutzung, aber auch die Baumartenwahl zunehmend ein. Und das, ohne für einen angemessenen finanziellen Ausgleich zu sorgen.

 
Welche Chancen haben private Waldbesitzer?
Es ist auch in der Forstwirtschaft ein Kardinalfehler, sich nicht für sein Eigentum zu interessieren. Wer bei der Nutzungsplanung und der Verjüngung die Marktbedürfnisse ausblendet, wer sich Naturverjüngung vom Wild auffressen lässt, und wer auf Durchforstung und Pflegeturnus von fünf Jahren verzichtet, der nutzt die Potenziale nicht. Für viele private Waldbesitzer ist das Brennholzmachen sicher noch ein wichtiges Motiv, gerade im ländlichen Raum. Hier sollte man seine Möglichkeiten aber nicht überschätzen. Gerade im Privatwald schlummern noch ungenutzte Holzreserven. Diese können aber nur in Kooperation und unter Anwendung moderner Technik gehoben werden. Professionalisierung erscheint auch im Privatwald als der einzig gangbare Weg.

 Interview: Jürgen Gückel

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016