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Thema des Tages: Hinter den Kulissen der Stadthalle Göttingen

Eine Loge und drei Telefonkabinen Thema des Tages: Hinter den Kulissen der Stadthalle Göttingen

Heiß geliebt und kalt verspottet: An der Stadthalle, von den Göttingern gerne auch Kachelofen genannt, scheiden sich geschmacklich die Geister. Fest steht, sie ist ein wichtiger Veranstaltungsort. Die SPD hat jetzt mit einem klaren Ja zum Standort am Albaniplatz Abrissplänen und  einem Neubau an der Lokhalle eine Absage erteilt. Das Thema soll demnächst im Rat der Stadt diskutiert werden.

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Viele Veranstaltungen sind ausverkauft: Die Stadthalle ist in die Jahre gekommen, aber eine beliebte Spielstätte und gut gebuchter Veranstaltungsort.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Grüngraue Metallschränke, dicke rote Kunststoff-Schalter, graue Rohrleitungen, die mit großen Metallrädern verschlossen werden und fensterlose Gänge: Hier sieht es aus, als würde jeden Moment ein weiblicher russischer Offizier um die Ecke biegen und James Bond unter Feuer nehmen. Eine Zeitreise in die 60-er-Jahre. In dieser Zeit, 1962 bis 1964 ist die Göttinger Stadthalle gebaut worden. Teile der Technik aus den Anfangstagen sind dort, hinter und unter dem Saal, noch immer in Betrieb.

Heizung, Lüftung, Elektrik: Dietmar Lemke kennt hier jede Schraube, jede Leitung, jeden schweren Metallhebel und jedes Kabel. „Der Motor für die Lüftung hier, der ist noch von 1964“ sagt er und öffnet eine der vielen grauen Türen. In den verwinkelten Gängen unter der Stadthalle und hinter der Bühne ist er der heimliche Herr der Stadthalle. „Lemke weiß, welches Rad er drehen muss, damit sich die Leute oben wohl fühlen“, sagt Nicole Klammer von der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (GWG). Lemke organisiert auch irgendwie immer noch Ersatzteile für die Stadthallentechnik. Sollte der MS-DOS-Rechner, mit dem er die 60-er-Jahre-Technik überwacht, einmal ausfallen: Lemke hat einen zweiten in Reserve.

Bislang sei es fast immer gut gegangen, so Klammer, Lemke und Stadtbaurat Thomas Dienberg (parteilos). Dennoch gebe es einen „massiven Rückstau in der Instandhaltung“, so Dienberg. Erst kürzlich, so Klammer, habe es Probleme mit der Fernwärme-Versorgung gegeben. Die Gäste der Stadthalle merken bislang nichts davon, dass hinter den Kulissen Vieles veraltet ist. 1999 wurden die öffentlichen Bereiche wie der Saal renoviert. „Über die Jahre sind schon einige Millionen Euro in die Halle geflossen“, sagt Dienberg und nennt Akustik, Beleuchtung, Fluchtwege und Brandsicherheit als Beispiele. Die Halle ist ein beliebter und gut gebuchter Veranstaltungsort, „sie schließt die Lücke zwischen der großen Lokhalle und kleinen Bühnen“, so Klammer.

Hinter den Türen, die für das Publikum verschlossenen sind, gibt es einige Relikte aus der 50-jährigen Geschichte des Kachelofens zu entdecken. Die Loge für Stadtdirektor Erich Heinrich Biederbeck beispielsweise. Es gibt nur diese eine. Sie liegt über dem Rang und dient heute den Beleuchtern als Arbeitsraum. Oder der Arbeitsraum der  Simultanübersetzer, die in Zeiten, bevor internationale Kongresse auf Englisch gehalten wurden, hier ihren Arbeitsplatz hatten. Wie aus einem Spielfilm in den 60-er-Jahren entsprungen wirken auch die drei hölzernen Telefonkabinen, in die das Fräulein aus der Telefonzentrale ein Gespräch legen konnte. Das ist hübsche Nostalgie. Die Sanierung der Technik und energetische Sanierung der Fenster, die noch einen Aluminium-Rahmen haben, sind längst überfällig.

Sanierung: Nötige Investitionen

  • Kosten für die bauliche Sanierung 2.540.000 Euro
  • Kosten für technische Sanierung (ohne Betriebstechnik) 790.000 Euro
  • Kosten für Modernisierungen 1.830.000 Euro
  • Kosten für Außenanlagen 260.000 Euro
  • Unvorhergesehenes 400.000 Euro
  • Kosten für Bestuhlung 240.000 Euro
  • Bühnentechnik mit Erneuerung der Vorbühne 390.000 Euro
  • Beleuchtungsanlage 140.000 Euro
  • Instrumente 75.000 Euro
  • Tonanlage 40.000 Euro
  • Saalbeleuchtung 25.000 Euro
  • Steuerung der Traversen 50.000 Euro
  • Unvorhergesehenes (Bereich Technik) 300.000 Euro

Grüne wollen Faktencheck, Wolff visionäre Architektur

„Überrascht“ von dem Vorstoß der SPD ist die Fraktion der Grünen im Stadtrat. Seit Jahren werde das Thema diskutiert, im Kulturausschuss Anfang Dezember habe man einstimmig einen Antrag zum Thema verabschiedet. In diesem Antrag geht es darum, dass eine Firma die Stadthalle untersuchen soll. Unter anderem sollten eine Marktanalyse und eine Vergleichsuntersuchung der Veranstaltungs-Standorte Lokhalle und Albaniplatz erstellt werden.

Becker: „Wir wundern uns über das Statement der SPD zur Standortfrage und darüber, dass der Oberbürgermeister das so laufen lässt.“ Er kritisiert, dass sich die SPD „ohne weiteren Faktencheck“ auf den Albaniplatz festlege. Zunächst müsse man offene Fragen klären. „Was für eine Halle brauchen wir, und an welchem Standort ist es optimal“, sagt der Politiker. Immerhin gehe es um eine große Investitionsentscheidung. Laut der Entscheidung im Kulturausschuss, dem ja auch die SPD zustimmte, sollten erst einmal Nutzungsmöglichkeiten, städtebauliche Auswirkungen eines Umbaus am Albaniplatz oder eines Neubaus an der Lokhalle und die intere Konkurrenz zwischen Lokhalle und Stadthalle  geklärt werden. Becker: „So finde ich das Procedere ein bisschen stark schräg.“

 „Das ist prinzipiell ein guter Standort. Viel wichtiger ist aber, dass es jetzt endlich voran geht“, sagt Tobias Wolff, Geschäftführender Intendant der Göttinger Händel-Gesellschaft. Für die Händel-Festspiele sei die Stadthalle eine alternativlose Spielstätte. Im Jahr 2020, also in fünf Jahren, feiern die Händel-Festspiele 100-jähriges Bestehen. „Bis dahin brauchen wir eine funktionierende Spielstätte“, so Wolff. 

Zwar sei die Stadthalle ein solider Auftrittsort, einige Verbesserungen aber seien schon erforderlich. Wolff ist es aber wichtig, dass jetzt die Diskussion um die Nutzung und die Investitionen gemeinsam mit allen Beteiligten geführt wird. Beispielsweise sei es vorstellbar, Synergieeffekte zu nutzen, wenn das Göttinger Symphonieorchester (GSO) dort einziehe. Eine gemeinsame Heimat sei dort „gut vorstellbar“. 

Wolff plädiert auch dafür, dass ein vernünftiges Verkehrskonzept aufgestellt wird. Eine Befragung der Festspielgäste habe gezeigt, das viele künstlerische Bereiche mit der Note eins beurteilt wurden. Für den Punkt Verkehr habe es nur eine 2,5 gegeben. Der Intendant wünscht sich einen Anbau mit einer ungewöhnlichen Architektur. „Funktional und visionär.“ Damit könne man „Ausstrahlung schaffen und Akzente setzen“.

Auch die CDU-Ratsfraktion ist für den Standort der Stadthalle am Albaniplatz. Bereits im Jahr 2013 hat sich die CDU für eine Sanierung und gegen einen Neubau an der Lokhalle ausgesprochen. „Es bleibt bei unserem klaren Bekenntnis. Wichtig ist uns aber, dass die Zahl der Parkplätze mindestens erhalten bleibt“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Hans-Georg Scherer. Scherer lehnt einen Neubau an der Lokhalle ab. Sowohl städtebaulich als auch kulturpolitisch und finanziell sei der Standort Albaniplatz die erste Wahl. Eine Sanierung sei deutlich günstiger als ein Abriss oder ein Neubau. 

Auch der Gruppenpartner FDP positioniert sich „klar für die Stadthalle als Spielort des Göttinger Symphonieorchesters und gegen aufgewärmte Parkhauspläne der SPD am Albaniplatz“, so Ratsmitglied Felicitas Oldenburg. Die vom SPD-Stadtverband geforderte Gesamtplanung rund um Albaniplatz, Ethnologie und DT sei ihrer Meinung nach aber wegen der unterschiedlichen Strukturen ungeeignet. Sie vermutet als Hauptinhalt „Begehrlichkeiten zum Albaniplatz“. Weder solle man diesen mit Nebengebäuden für eine Stadthalle zubauen noch sei ein Tiefparkhaus wegen des unsicheren Baugrundes finanziell darstellbar.

„Das Göttinger Symphonie Orchester ist der Stadthalle als unserem Stammhaus zutiefst verbunden“, sagt Verwaltungsdirektorin Karolin Loh. Und weiter: „Für uns als das Symphonie Orchester Niedersachsens ist natürlich eine erstklassige Akustik, ein einladendes Ambiente, und ein ausreichendes Platzangebot wichtig“. Deshalb würden wir sowohl eine Modernisierung, eine Erweiterung oder gar einen Neubau der Stadthalle begrüßen.
Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) unterstützt die Pläne seiner Partei. Auch er plädiert dafür, die Planung für Halle und Quartier endlich auf den Weg zu bringen.

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