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Thema des Tages: Wenn der Partner zum Täter wird

Häusliche Gewalt Thema des Tages: Wenn der Partner zum Täter wird

„Gegen Ekel Alfred würden wir heutzutage zumindest ermitteln.“ Die pointierte Aussage von Fachkommissarin Anne Kortleben zur TV-Ikone der 70er-Jahre spricht Bände. Wer seine Frau als „dusselige Kuh“ tituliert, hat bereits eine juristische Grenze überschritten, die das 2002 in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz gezogen hat.

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Wird ein Fall häuslicher Gewalt bei der Polizei angezeigt, hat das Priorität: Die Beamten sind bei dem Thema sehr sensibel.

Quelle: Thiele

Göttingen. Seitdem gelten auch Beleidigungen im privaten Bereich nicht mehr als Kavaliersdelikt, sondern können strafrechtlich verfolgt werden. Im Alltag ist das eher die Ausnahme und spielt zumeist in Zivilprozessen eine Rolle. Der rüde Umgangston in langjährigen Intimbeziehungen, in denen der Respekt voreinander auf der Strecke geblieben ist, ist aber häufig nur der Anfang einer Gewaltspirale.

Wie todernst das Thema Häusliche Gewalt werden kann, erlebt Kortleben tagtäglich. „Bei 80 Prozent der Frauen, die in den vergangenen 35 Jahren getötet wurden, war der Partner oder Ex-Partner der Täter“, sagt die Leiterin des für Gewaltdelikte zuständigen Fachkommissariats der Polizeiinspektion Göttingen: „In Beziehungsverhältnissen steckt ein hohes Gewaltpotenzial. Es geht um starke Gefühle wie Hass und Eifersucht.“

Für die Polizei ist das verminte Terrain der häuslichen Gewalt immer wieder eine Herausforderung, die auch Intuition und Fingerspitzengefühl erfordert. Früher hatten die Beamten keine Handhabe, wenn ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde. Heute müssen sie sich vergewissern, was los ist, wenn Nachbarn auf Geschrei und heulende Kinder aufmerksam gemacht haben. Oft ist die Situation emotionsgeladen und unübersichtlich, auch das unterschiedliche Rollenverständnis von Mann und Frau in einer multikulturellen Gesellschaft spielt immer wieder eine Rolle.

Nur ein Aspekt des komplexen Themas

„Die Privatsphäre ist schützenswert“, sagt Kortleben: „Wir dürfen aber nicht wegschauen – auch weil Kinder immer Schaden nehmen.“ Unmittelbare Wirkung zeige der Platzverweis, den das Gesetz ermöglicht: „Wer schlägt, der geht.“ Das schnelle Reagieren von Gerichten zum Beispiel beim Wohnungsverweis sei ebenso wichtig wie die unterstützende Netzwerkarbeit. Wie effektiv es ist, wenn jemand nicht nur als Standpauke eine Gefährderansprache bekommt, sondern aus der eigenen Wohnung fliegt, bestätigt der Duderstädter Ermittlungsdienstleiter Horst Kanngießer: „Sie gehen, manchmal widerwillig, aber sie gehen.“ Der Umgang mit häuslicher Gewalt werde nicht einfacher, der Stress nehme zu, die Menschen seien leichter gereizt.

Das staatliche Interesse an Strafverfolgung ist für Kortleben nur ein Aspekt des komplexen Themas. Nicht minder wichtig als Intervention, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sind ihr Prävention und Gefahrenabwehr, die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen, Hilfsdiensten und Frauenhäusern. „Ein Einsatzblatt geht immer auch an eine Beratungsstelle“, sagt die Kommissarin: „Es geht nicht darum, Beziehungen auseinanderzubringen, aber um Möglichkeiten, Schaden abzuwenden und die Gewaltspirale zu durchbrechen.“ Dabei helfen die Präventions- und Interventionsstellen bei häuslicher Gewalt (BISS), vom Frauennotruf bis zur Eheberatung, die sich selbst mit dem Opfer in Verbindung setzen – ein sogenannter proaktiver Ansatz.

Überwiegend sind es Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden. In den meisten Fällen schalten sie selbst in aufgelöster Situation die Polizei ein, nicht selten sind es aber auch besorgte Nachbarn oder Familienangehörige. Sie haben oftmals die gleichen Sorgen wie alle Zeugen von Gewaltdelikten: Die Täter können über einen Rechtsanwalt in Erfahrung bringen, wer der Hinweisgeber war.

Männer sind nach wie vor die Ausnahme

Bei Opfern häuslicher Gewalt, die sich in ihre Rolle fügten und nach Einschalten der Polizei einen Rückzieher machten, waren den Beamten früher weitgehend die Hände gebunden. Das hat sich mit dem Gewaltschutzgesetz geändert. „Anzeigen können nicht mehr zurückgezogen werden, da von Amts wegen ermittelt wird, weder Täter noch Opfer der Polizei den Zutritt verwehren“, sagt Kortleben.

Das Gesetz greift übrigens nicht nur bei Paarbeziehungen, um die es fast immer geht. Auch Eltern, die von ihren erwachsenen Kindern geschlagen werden, können eine Schutzanordnung einfordern. Gewalt gegen die eigenen minderjährigen Kinder fällt unter die Misshandlung Schutzbefohlener. Männer, die geschlagen werden und die Polizei einschalten, sind nach wie vor die Ausnahme. „Frauen neigen eher zu verbaler Aggressivität“, meint Kanngießer. Die Praxis zeige aber, dass inzwischen zumindest jüngere Frauen auch handgreiflich würden.

„Häusliche Gewalt kommt in allen Bildungs- und Einkommensschichten vor, häufig sind auch Frauen mit hohem Intellekt Opfer“, bestätigt Kortleben und relativiert zugleich diese allgemeine Aussage: „In bildungsfernen und einkommensschwachen Verhältnissen gibt es häufiger häusliche Gewalt, oft spielt zudem Alkoholkonsum eine Rolle.“

Opefer müssen mitspielen

Gewaltschutz funktioniert nur, wenn die Opfer mitspielen und den Täter nicht mehr schützen. Ein Beispiel dafür ist der Tod einer 36-jährigen Frau in einem Mietshaus in Gieboldehausen in der Neujahrsnacht 2010 gewesen. Sie wurde von ihrem Mann erschlagen. Der zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss stehende Arbeitslose gab zunächst an, seine Frau sei gestürzt, verwickelte sich dann aber in Widersprüche.

Der Gewaltexzess erfolgte nicht aus heiterem Himmel, sondern hatte eine lange Vorgeschichte. Alarmiert von Nachbarn war die Polizei mehrfach vor Ort, über das Jugendamt wurden die Kinder aus der Familie geholt. Die Frau stritt alle Übergriffe ihres Mannes regelmäßig ab, wurde deshalb sogar wegen Falschaussage verurteilt. Weder Täter noch Opfer reagierten auf Beratungsangebote oder folgten Vorladungen.

Ein Gegenbeispiel aus Göttingen zeigt, dass es auch anders geht. Vor zwei Jahren bat eine junge Frau via Notruf um Unterstützung. Sie wolle nach Hause, ihr Partner lauere ihr aber auf und sie habe Angst. Als die Beamten sie in ihre Wohnung brachten, stand der Partner mit einem Küchenmesser im Keller des Mietshauses, bei der Gefährderansprache stieß er Drohungen aus. Es folgten zehn Tage Langzeitgewahrsam, Observation und Aufenthaltsverbot für die Stadt Göttingen. Passiert ist seitdem nichts mehr.

 
►Interview: „Schweigepflicht nehmen wir sehr ernst“

Der Verein Frauen-Notruf berät Frauen, die in Göttingen und der Region Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Leiterin Maren Kolshorn spricht im Interview über die Formen der Gewalt, der die Opfer ausgesetzt sind, und darüber, wie ihnen geholfen wird.

Wer sind üblicherweise die Opfer häuslicher Gewalt?
Zu einem überwiegenden Teil sind Frauen betroffen, nur selten Männer.

Über welche Formen von Gewalt reden wir?
Das ist sehr unterschiedlich. Das fängt damit an, dass jemand psychische Gewalt ausübt, und reicht bis zu extremen Formen körperlicher Gewalt, die oft lebensbedrohlich sind. Auch von sexueller Gewalt sind Frauen in der Partnerschaft häufig betroffen.

Wie kommt der Kontakt zwischen Opfern und dem Frauen-Notruf zustande?
Zum einen informiert uns die Polizei nach entsprechenden Einsätzen. Wir bieten den betroffenen Frauen dann unsere Hilfe an. Das geht sehr schnell, meist innerhalb einiger Tage. Das ist sehr wichtig, weil viele Opfer sonst schnell der Mut verlässt. Die Frauen können dann unsere Hilfe annehmen, müssen es aber nicht.

Und der zweite Weg der ­Kontaktaufnahme?
Die Frauen rufen bei uns an und bitten um Hilfe, entweder auf eigene Initiative oder weil sie zum Beispiel von ihrer Frauenärztin auf uns aufmerksam gemacht wurden. Die Schwelle ist aber oft hoch, bis sie sich bei uns melden

Wie schaffen Sie es, dass Ihnen die Frauen vertrauen?
Die Frauen müssen ihren Namen nicht preisgeben, wenn sie nicht wollen. Aber auch wenn sie ihn nennen: Die Schweigepflicht, der wir alle unterliegen, nehmen wir sehr ernst. Und ganz wichtig: Wir unternehmen nichts über den Kopf der Opfer hinweg. Außerdem bieten wir auch Hilfe für mitbetroffene Kinder an.

Und wenn die Frauen sich dennoch nicht sicher fühlen?
Sie sind ja oft wirklich nicht sicher. Wir machen immer eine Sicherheitsplanung, vermitteln juristische Hilfe und wenn nötig einen Platz im Frauenhaus. Wenn die Gefährdung hier vor Ort zu groß ist, können wir die Opfer auch in einer anderen Stadt unterbringen.

Gibt es typische Opfer von häuslicher Gewalt?
Häusliche Gewalt ist ein generationenübergreifendes Phänomen. Oft war es schon in der Familie der Opfer oder Täter so, dass der Vater die Mutter geschlagen hat. Anders als man vielleicht denkt, kommt Partnerschaftsgewalt in allen Schichten vor.

Das Interview führte Andreas Fuhrmann

 
►Statistik: Zahl der Verfahren steigt an

Im ländlichen Raum steigen die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt seit Jahren kontinuierlich an, in der Stadt Göttingen stagnieren sie auf hohem Niveau. Im Bereich der Polizeiinspektion Göttingen wurden ihn den ersten Jahren nach Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes jährlich rund 220 Fälle angezeigt, 2007 waren es bereits 510 Fälle, die Spitze wurde 2010 mit 894 Fällen erreicht. Seitdem gebe es einen leichten Rückgang oder Stillstand, sagt Polizeisprecherin Jasmin Kaatz.

Im Raum Duderstadt ist der Zenit offenbar noch nicht erreicht, dort scheint sich die Entwicklung mit Verzögerung abzuspielen. Beim Polizeikommissariat Duderstadt stieg die Zahl der Verfahren wegen häuslicher Gewalt von 21 Fällen in 2004 über rund 50 in 2010 auf 72 Fälle in 2013. Die Statistik für 2014 ist noch nicht freigegeben, Kaatz bestätigt aber eine weiterhin steigende Tendenz.

„Das Bewusstsein hat sich gewandelt. Die Schwelle, die Polizei einzuschalten, wird niedriger“, meint der Duderstädter  Polizeihauptkommissar Horst Kanngießer: „Die Entwicklung hängt auch von der Bevölkerungsstruktur ab, von Schamgefühl und dörflichen Strukturen. In einem Mietshaus wird eher angerufen.“

2013 wurden im gesamten Bereich der Polizeidirektion Göttingen 2724 Beziehungsstraftaten registriert. 24 Prozent der Opfer waren männlich, 18,55 Prozent der Tatverdächtigen nichtdeutscher Herkunft, 35,5 Prozent der Taten wurden unter Alkoholeinfluss begangen. Fachkommissarin Anne Kortleben glaubt, dass die Zahlen auf Dauer zurückgehen werden, weil Prävention und Vernetzung greifen würden.

Von Kuno Mahnkopf

 
►Frauen-Notruf: Hilfe für Betroffene

Für Stadt und Landkreis Göttingen bietet der Verein Frauen-Notruf mit seinen Arbeitsfeldern Hilfen bei sexueller und häuslicher Gewalt. Die „Biss“ Beratungsstelle betreut erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt. Die Beratungsstelle „Phoenix“ richtet sich an Mädchen und Jungen bis 18 Jahren, die sexuelle oder häusliche Gewalt erlebt haben.

Der Frauen-Notruf kümmert sich um erwachsene Frauen, die aktuell oder auch schon in der Kindheit Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Hier erhalten auch Bezugspersonen gewaltbetroffener Frauen und Kinder Unterstützung. Die Beratungsstelle kümmert sich auch um Probleme wie Zwangsverheiratung und Zwangsprostitution. „Biss“ betreute im vergangenen Jahr 629 Menschen, darunter 77 Männer.

Phoenix kümmerte sich um 424 Mädchen und Jungen. Der Frauen-Notruf betreute 185 Gewaltopfer und 97 Bezugspersonen. Der Frauen-Notruf wird für seine Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen und ihren Bezugspersonen mit 65000 Euro pro Jahr von der Stadt Göttingen gefördert.

Kontakt: 0551/ 44684.

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