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Therapeutisches Angebot mit Pferden: „Ein ganzheitliches Erlebnis“

Die Ruhe nach dem Ritt Therapeutisches Angebot mit Pferden: „Ein ganzheitliches Erlebnis“

„Tiere sind die besten Freunde. Sie stellen keine Fragen und kritisieren nicht“, sagte der Schriftsteller Mark Twain. Manchmal sind Hund, Pferd und Esel sogar  noch mehr: Sie können kranken Menschen helfen.

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Therapiestunde auf dem Hof von Gudrun Fischer: Putzen, Satteln und Aufzäumen gehören vor dem Reiten zu den Aufgaben.

Quelle: Heller

Dankelshausen. Jens ist aufgeregt. Der junge Mann kommt ganz hibbelig in den Pferdestall gelaufen, läuft aber auch gleich wieder hinaus. Jens (Name geändert) ist Autist. Der schwerbehinderte Mann aus der Nähe von Göttingen ist einmal wöchentlich auf dem Hof von Gudrun Fischer zu Gast. Sie bietet therapeutisches Reiten an.

Seit zwölf Jahren gibt Fischer auf dem Hof an der Großen Straße gesundheitlich beeinträchtigten Kindern und Erwachsenen Stunden. „Es geht nicht nur um die Bewegung und die Verantwortung für ein Tier, sondern auch um den Kontakt mit den Pferden, das ist ein ganzheitliches Erlebnis“, sagt Fischer. Sie kommt aus dem Reitsport, ist gelernte Pferdewirtin, hat Sozialpädagogik studiert und eine Zusatzausbildung für therapeutisches Reiten absolviert. „Man braucht für diese Aufgabe schon eine fundierte Ausbildung“, sagt sie. Der Begriff sei aber nicht geschützt, jeder dürfe ein Angebot „therapeutisches Reiten“ nennen.

Vor dem eigentlichen Reiten steht natürlich die Beschäftigung mit dem Pferd. Es muss geputzt, gesattelt, aufgezäumt werden. Jens weiß das, zappelt aber immer noch aufgekratzt herum. Fischer führt Therapiepferd Ralco aus der Box, bindet den 18-jährigen Hannoveraner auf dem Hof fest. „Wir machen es wie immer, ich nehme den Striegel, du die Bürste“, sagt sie zu Jens. Nach dem Striegeln darf er den brauen Wallach in die Reithalle führen.

Ralco ist zur Zeit das einzige Therapiepferd auf dem Hof. Fischer sucht ein zweites Pferd, ein ganz bestimmtes, einen Freiberger. Ihr Freiberger musste vor kurzem wegen einer Erkrankung eingeschläfert werden. Die Schweizer Kaltblüter zeichnet vieles aus, was ein Therapiepferd braucht. „Freundlichkeit und Gelassenheit.“ Die Tiere müssen vor allem schreck- und scheufrei sein. Die Kaltblüter können zudem zwei Personen tragen. Rollstuhlfahrer, die keine Kontrolle mehr über ihren Unterkörper haben, reiten mit Fischer gemeinsam.

Jens kann, an Fischers Führzügel,  alleine reiten. Kaum sitzt er auf Ralcos Rücken, wird er ruhiger, der Patient entspannt sich Runde um Runde mehr. „Jens hat ständig eine starke Muskelspannung, wenn er vom Pferd steigt, ist das viel besser“, sagt Jens‘ Betreuer.

Therapeutisches Reiten, das werde vor allem bei psychiatrischen Erkrankungen erfolgreich eingesetzt, sagt Fischer. Rund 15 Klienten kommen regelmäßig zu ihr auf den Hof, dazu regelmäßig auch Gruppen, beispielsweise aus dem Jugendhaus Tannenkamp in Hann. Münden. Das Reiten, so sagt sie, sei natürlich kein alleiniges Heilmittel. Aber: „Es bringt die Patienten ins Hier und Jetzt“. Fast alle Klienten sagen nach der Stunde, dass es ihnen besser gehe. „Das ist doch ein gutes Gefühl“, so die Reittherapeutin.

Jens dreht weiter seine Runden, Fischer führt das Pferd.  Wenn sie stehen bleibt, wird Jens wieder ungeduldig. Manchmal gehen sie auch ins Gelände hinaus. Jens wird immer am Zügel geführt, selbstständig reiten, das wird er nie können.

Adressen

Therapeutisches Reiten bieten unter anderem an:

• Therapiehof Fischer, Große Straße 38, 37127 Dransfeld, 05546 /999701

• Therapeutischer Reitverein St. Martin, Klothgasse 4, 37133 Friedland, 0551/ 2504537

• Reittherapie am Rodebach, 37120 Billingshausen, 05594/ 804 603

• Offenstall Falkenhagen, 05508 / 97 90 97

 
 
 
Nachgefragt
... bei Dr. Bernhard Kis, Leitender Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie der Universitätsmedizin Göttingen.

Halten Sie Therapien mit Tieren, wie beispielsweise das therapeutische Reiten, für sinnvoll?
Definitiv. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien, die die Erfolge solcher tierunterstützten Therapien belegen. Das gilt sowohl für die Behandlung von Kindern als auch für die von erwachsenen Patienten.

Bei welchen Krankheitsbildern werden gute Erfolge erzielt?
Bei Patienten mit einer sogenannten Autismus-Spektrum-Störung. Aber auch bei der ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivätsstörung) oder bei Depressionen ist der Einsatz sehr sinnvoll. Vor allem Patienten mit gestörtem Bindungsverhalten profitieren sehr von den Therapien mit Tieren. Über das Tier lernen die Patienten wieder, auf eine nicht sprachliche Art zu kommunizieren. Auch der Körperkontakt ist hilfreich. Eigentlich ist der Einsatz bei sehr vielen psychischen Krankheitsbildern sinnvoll.

Was kann eine Tier-Therapie, was andere Therapien nicht können?
Nehmen wir beispielsweise den Einsatz in der Gerontopsychiatrie. Wenn sie sehen, was der Kontakt mit einem Therapie-Hund bei einem Menschen mit einer Demenz bewirken kann, das ist schon faszinierend. Körperkontakt ist gerade bei Demenz sehr wichtig.

Tiere alleine sind aber kein Allheilmittel?
Nein. Therapie-Tiere können ein wichtiger Bestandteil in einem Behandlungsplan sein. Diese Therapien sind eine Ergänzung, wie beispielsweise die Ergo- oder Physiotherapie.

 

Herr Deutsch bekommt Besuch auf vier Pfoten

Göttingen. „Besuchshunde sind keine Therapiehunde“, sagt Kirsten Kiel vom Arbeiter-Samariterbund in Göttingen. Dennoch haben Besuchshunde einen therapeutischen Wert. Sie bringen Kindern, Senioren und kranken Menschen Freude. „Zahlreiche Studien belegen, dass Tiere beim Menschen Stress reduzierend wirken können. Experimente zeigen, dass sich der Blutdruck der Teilnehmer senkte, sobald sie ein Tier streichel­n“, so der ASB. Schon die Anwesenheit eines Tieres könne positive Auswirkungen haben.

Heute ist Rhumba zu Besuch im Feierabendhaus. Zuerst ist Erich Deutsch an der Reihe, Doris Henze führt ihren spanischen Mischling in das Zimmer, ein paar Streicheleinheiten folgen. Anschließend geht es hinaus auf einen kleinen Spaziergang. Deutsch bleibt heute auf seinem Zimmer, dafür freut sich Wolfgang Fese über die Gesellschaft. „Ich bin gerne an der frischen Luft“, erzählt der Senior. Seine Runde über die benachbarten Schillerwiesen machen ihm große Freude – vor allem, wenn die Sonne scheint. Rhumba selber an der Leine führen möchte er nicht, er gehe ja am Stock, da sei es sicherer, einfach nebenher zu laufen.

Auch Blacky ist heute bei der Runde dabei. Blacky gehört auch zur Familie Henze. Der Mopsmischling ist 13 Jahre alt, am 7. September hat er seine Prüfung zum Besuchshund – ein Späteinsteiger. „Blacky ist auch dement, das passt doch“, sagt Henze. Ein dementer Hund? „Ja, er vegisst manchmal, wo er ist oder starrt ein paar Minuten lang die Wand an“. Vielleicht verstehen sich Blacky und seine künftigen Patienten ja besonders gut. Denn: Das Angbot des ASB findet vor allen in Seniorenheimen großen Zuspruch, auch in Kindertagesstätten und einem Wohnheim für psychisch Kranke sind die Hundeführer mit ihren Vierbeinern gern gesehene Gäste.

„Wir haben einen Pool von rund 36 Hundeführern“, so Kiel. Mehr als 24 davon sind aktiv engagiert und das ehrenamtlich. Seit 2012 gibt es den Besuchshundedienst. Voraussetzung für den Dienst ist eine Prüfung für Hund und Herrchen. Für den Job, vor allem in Kitas, müssen die Hunde Nervenstärke zeigen. Ein Gesundheitszeugnis und eine Hospitanz, beispielsweise im Altenheim, sind weitere Anforderungen. „Es ist ja nicht für jeden das Richtige“, sagt Kiel.

► Weitere Infos beim ASB unter: www.asb-goettingen-stadt.org

Doris Henze mit Hund Rhumba bei Bewohner Erich Deutsch.

Doris Henze mit Hund Rhumba bei Bewohner Erich Deutsch.

Quelle:

Um Esel muss man sich bemühen

Moringen. Den Esel einen Esel zu nennen, weil er nicht so will, wie man will, ist sinnlos. Das lernt schnell, wer an der TTE teilnimmt, der tiergestützen Therapie mit Eseln im Maßregelvollzugszentrum Moringen. Dort kümmern sich psychisch kranke und oft in ihrem Sozialverhalten gestörte Patienten um Esel.

„Ja, um Esel muss man sich bemühen“, sagt Dirk Hesse, der ärztliche Direktor. Der Esel ist kein Fluchttier wie Pferd oder Hund. Er bleibt stoisch stehen. Man könne aber auch schnell Zugang zu ihm finden, erklärt Annika Rehwald, eine der Therapeutinnen des Projekts, „wenn man sich um ihn bemüht“. Und das mache ihn als Therapietier „einfach genial“.

Vier eigene Esel hat das psychiatrische Krankenhaus, Maßregelvollzugszentrum für Straftäter, die für ihre Verbrechen wegen einer psychischen oder seelischen Störung nicht zur Verantwortung zu ziehen sind. Außerdem gibt es eine Ziege, Quinny genannt. Die Esel Anton, Bella, Pepper und Pünktchen leben außerhalb der Anstaltsmauern neben der Gärtnerei. Man muss einen Platz in der TTE-Gruppe bekommen und zuverlässig genug für einen Gemeinschaftsausgang sein, um einmal in der Woche zu den Eseln zu dürfen und sich einen als Bezugstier auszuwählen.

Dort ist erst einmal Kümmern angesagt. Im Mauersegler, der jüngsen Ausgabe der Patientenzeitung, berichtet einer der TTE-Teilnehmer: „Sein Bezugstier putzt man erst einmal, dann macht man Bodenarbeit mit dem Esel. Wenn man einen Esel zu führen gelernt hat, geht man mit zwei oder allen Eseln spazieren.“ Und immer wieder kümmern, Verantwortung übernehmen, aufpassen. So klingt es aus dem Bericht. Wie die Hufe nach jedem Ausgang zu kontrollieren sind, wie das Futter zubereitet wird, wie man darauf achtet, dass sich die Esel ihr Fressen nicht gegenseitig klauen, wie der Stall sauber zu halten ist.

Der Patient: „Dabei lernt man, in allen Situationen immer ruhig zu bleiben, und man muss aufpassen, dass sein Esel weder Gras noch Äpfel unterwegs frisst.“ Soziales Verhalten, wie es auch gegenüber Mitpatienten erwünscht und für ein künftiges Leben in Freiheit unabdingbar ist.

Von Jürgen Gückel

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