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Therapie und Drogenabstinenz als Auflage

Drogenprozess in Göttingen Therapie und Drogenabstinenz als Auflage

Dank eines Geständnisses ist ein 28 Jahre alter Drogendealer am Mittwoch knapp am Gefängnis vorbeigeschrammt. Das Landgericht verhängte eine gerade noch zur Bewährung auszusetzende Freiheitsstrafe und ordnete strikte Drogenabstinenz sowie eine Therapie an.

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„Eigentlich gibt es keine harmlosen Drogen“: Langjähriger Cannabiskonsum hat den Angeklagten in Schwierigkeiten gebracht.

Quelle: Torsten Leukert/dpa

Göttingen. Alles begann am Nikolaustag 2015 mit einer Polizeikontrolle in Friedland. Ein Autofahrer wurde mit 100 Gramm Marihuana erwischt. Er gab an, sie gerade für 800 Euro beim Angeklagten erworben zu haben. Die Polizei nahm ihm beide Handys weg, beantragte eine Hausdurchsuchung beim Dealer und stand eineinhalb Stunden später in dessen Wohnung. Gefunden wurden weitere 87 Gramm Marihuana sowie 2870 Euro Drogengeld. Verhängnisvoll für das Strafmaß: Die Beamten stellten bei ihm eine Gaspistole sicher. Drogenhandel mit Waffe wird besonders schwer bestraft.

Damit nicht genug: Aus dem Chatverkehr auf dem sichergestellten Handy ging ein reger Handel mit Drogen hervor. Eine angemietete Garage am Leineberg, die er als Übergabeort nutzte, konnte ermittelt werden. Telefonüberwachung und eine weitere Hausdurchsuchung folgten. Wieder wurde Marihuana gefunden. Insgesamt waren es mehr als 1200 Konsumeinheiten.

Im Prozess legte der Sozialhilfeempfänger, Vater eines zweijährigen Sohnes, ein Geständis ab. Seinen Drogenlieferanten, der der Polizei aber inzwischen bekannt ist, wollte er nicht nennen. Auch hat er inzwischen Kontakt zur Drogenberatung. Das Gericht gibt ihm deshalb eine Chance, auch wenn die Staatsanwaltschaft zweieinhalb Jahre Gefängnis beantragt hatte. Das Urteil lautete auf zwei Jahre und Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Beides wird zur Bewährung ausgesetzt. Dafür gab es aber harte Auflagen: Er hat dem Gericht regelmäßig durch Urinkontrollen nachzuweisen, das er keine Drogen mehr nimmt. Binnen sechs Monaten nach Rechtskraft hat er eine teilstationäre Drogen- und Verhaltenstherapie anzutreten. Wenn er Abstinenz und Therapie durchsteht, bleibt ihm das Gefängnis erspart.

"Cannabis ist keine weiche Droge"

Im Prozess gegen den 28 Jahre alten Marihuana-Dealer hat die Suchtmedizinerin Dr. Martina Arndt als Sachverständige Grundsätzliches über Cannabis-Konsum ausgesagt. "Eigentlich gibt es keine harmlosen Drogen", betonte sie und ergänzt: "Cannabis ist keine weiche Droge". Am Beispiel des Angeklagten zeigte die Leiterin des Göttinger Therapiezentrums Open die Folgen regelmäßigen Cannabiskonsums auf. Der Angeklagte habe nach mehr als zehn Jahren regelmäßigen Konsums einen Hang entwickelt und Verhaltenseinengungen erlitten, die zur Vernachlässigung von Hobbys, Ausbildung und gesellschaftlichem Umgang geführt haben. Das alles ohne eigene Einsicht in die jahrelange Störung.

Der 28-Jährige hat weder eine abgeschlossene Ausbildung noch geht er einer Arbeit nach. Er bezieht Hartz-IV-Leistungen, hat eine Lehre abgebrochen und schon zweimal den Führerschein verloren. Er kifft nach eigenen Angaben heute noch immer, wenn auch nur an Wochenenden. Der chronische Cannabismissbrauch - zuletzt vier Gramm Marihuana täglich - habe zu Enthemmung und "fast apathischem Verhalten" geführt, so dass er selbst nach einer Durchsuchung durch die Polizei nicht aufgehört habe. Er sei "so sehr auf Kiffen und Chillen konzentriert", dass dies einer kognitiven Störung gleich komme. Sie hält auch neurologische Veränderungen bei ihm für nachweisbar. Diese seien aber reversibel. Eine Therapie mit sehr engem Rahmen und klaren Strukturen sei "sinnvoll und notwendig", aber auch erfolgversprechend. Zur Tatzeit sei durch die Drogen-Enthemmung eine erheblich eingeschränkte Steuerungsfähigkeit nicht auszuschließen. Die Ärztin formulierte es so: "Im chronischen Cannabisrausch wie in einer Hülle, in der er heute immer noch schwebt".                ck

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