Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Ein Weg voller Stolpersteine

Tobias Huhnold arbeitet mit geistiger Behinderung bei Gartenbauer Ein Weg voller Stolpersteine

Tobias Huhnold ist als fester Mitarbeiter in einem Gartenbaubetrieb eingestellt worden - trotz 80-prozentiger geistiger Behinderung. Familie Huhnold hat jahrelang dafür gekämpft, Tobias ein normales Leben zu ermöglichen und ist den Weg der Integration gegangen.

Voriger Artikel
Niederlage für Landkreis Göttingen
Nächster Artikel
Auto zurück dank Facebook

In seiner Freizeit engagiert sich Tobias Huhnold bei der Freiwilligen Feuerwehr und im Dorfverschönerungsverein.

Quelle: CH

Göttingen. Tobias ist 21 Jahre alt. Morgens um sieben Uhr trifft er seine Kollegen auf dem Betriebshof, von dort geht es zur Baustelle. Dort arbeitet der junge Mann, bis abends Feierabend ist. In seiner Freizeit engagiert er sich bei der Freiwilligen Feuerwehr und im Dorfverschönerungsverein, kümmert sich um seine Nummernschildsammlung oder spielt das Computerspiel Landwirtschaftssimulator.

Doch es stehen viele Unterstützer hinter Tobias, damit sein Leben in diesen Bahnen verläuft. Schließlich ist der junge Mann geistig behindert, er hat eine nachgewiesene Gedächtnisstörung. Die versucht er, mit Kreativität zu umschiffen: „Wenn wir am nächsten Tag einen Stemmhammer brauchen, packe ich ihn abends schon auf das Auto, damit ich ihn nicht vergesse“, sagt Tobias.

Er lebt bei seinen Eltern in Billingshausen. Dort habe er einen Platz in der Dorfgemeinschaft gefunden, erklärt Mutter Jutta. Trotzdem fordere Tobias Behinderung seine Eltern stark. „Der Schulweg war gepflastert von Stolpersteinen“, sagt seine Mutter, die vieles erkämpfen musste.

Als Integrationskind startete er im Kindergarten Billinghausen, danach ging es mit dem gleichen Attribut in die Grundschule Reyershausen. Mit der fünften Klasse sollte für Tobias eigentlich Schluss mit Inklusion sein. Doch statt in die Förderschule ging er zur Haupt- und Realschule in Bovenden.

Nach dem Förderschulabschluss „Geistige Entwicklung“ erlangte er die „Schulpflichterfüllung in Jugendwerkstätten“ (SiJu). Die Zeit danach war nicht leicht für Tobias. Über die Arbeitsagentur absolvierte er diverse Praktika, an denen er immer wieder scheiterte, erzählt die Mutter.

Dann hospitierte Tobias beim Garten- und Landschaftsbauer Holger Grundmann - und es funktionierte. Wenn Tobias aus Versehen den Schredder falsch bedient oder sich am Betonmischer verzählt, gibt es statt Rüffel aufmunternde Worte, vor allem von Vorarbeiter Stefan Schulz: „Von mir hat der Schredder schon eine Rosenschere zu essen bekommen“, oder „Zähl einfach anders.“ Seitdem teilt Tobias die zwölf Schaufeln Sand und drei Schaufeln Zement in kleinere Einheiten.

Tobias hat einen festen Arbeitsvertrag. Grundmann wollte ihm eine realistische Chance auf dem Arbeitsmarkt geben und erklärt: „Wir haben das einfach mal ausprobiert“ und es funktioniere. Tobias sei ein treuer und loyaler Mitarbeiter, der sehr gut zuarbeiten könne. „Doch mal hast du einen 21-Jährigen vor dir stehen, mal einen Achtjährigen“, ergänzt Schulz.

Der Verwaltungsaufwand sei allerdings hoch. Grundmann müsse sich mit dem Integrationsamt und der Arbeitsagentur eng abstimmen, die 70 Prozent von Tobias‘ Lohn zahlen.

Tobias blickt unruhig auf den Anhänger. Es gibt wieder etwas aufzuladen, und er will wieder anpacken. Er hat einen festen Tagesablauf und das Gefühl, gebraucht zu werden. „Das sind für uns sechs Richtige mit Zusatzzahl“ erklärt seine Mutter.

Von Katrin Westphal

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Dachstuhlbrand in der Göttinger Innenstadt