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Totalschaden nach Tüv als „unfallfrei“ verkauft

Aus dem Amtsgericht Totalschaden nach Tüv als „unfallfrei“ verkauft

Das finde er aber nicht gerecht, sagt der Angeklagte, noch ehe er verurteilt ist. Wie seine Opfer es fanden, dass der 66-Jährige sie täuschte, das verkniffen sie sich als Zeugen im Amtsgericht lieber. Er hat ihnen ein Auto verkauft, ein verkehrsgefährliches Schrottauto mit verzogenem Rahmen, das er ihnen als „unfallfrei“ angepriesen hatte.

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Göttingen. Nur gut, sagt Amtsrichter Detlef Hoefer zum Schluss, dass der Verurteilte nicht mehr als Profi tätig sei.

Denn der Autohändler wollte, so das Urteil, mit einem Totalschaden „einfach nur Reibach machen“ und sei, als alles aufgeflogen war, auch noch „in die Insolvenz geflüchtet“.

Alles begann mit einem schweren Unfall auf einer Autobahn in Oberbayern. Der Renault Twingo sah übel aus: Front zerbeult, Motorhaube eingedrückt, Rahmen verzogen – ein wirtschaftlicher Totalschaden, wie der Gutachter der Versichrung feststellte. Für 400 Euro wurde der Schrotthaufen zum Ausschlachten im Internet angeboten. Der Göttinger kaufte, gab einem Bekannten Geld mit und ließ den jungen Mann das Unfallwrack abholen.

In einer privaten Schrauberwerkstatt fummelte ein Arbeitsloser den Havaristen auseinander und ersetzte die kaputten Teile mit Gebrauchtem aus dem Schrott. Dann wurde der Twingo per Inserat für 3400 Euro angeboten – auf Rückfrage als „unfallfrei“. Lediglich ein „leichter Frontschaden“ aus einem „Parkrempler“ wurde laut Zeugen zugegeben.

Zwischen Schrauberwerkstatt und Verkauf freilich liegt noch etwas, was alle Prozessbeteiligten fassungslos macht: die Tüv-Hauptuntersuchung, erfolgreich und lediglich kleine Mängel beklagend. Etwa die Einstellung des Fahrlichts. Dass das nicht parallel geradeaus leuchten konnte, lag auf der Hand, denn schon auf den ersten Blick, so ein Pkw-Gutachter im Zeugenstand, habe er erkennen können, dass die Scheinwerfer wegen der verzogenen Front unterschiedlich hoch angebracht waren.

Das sei der Tatsache geschuldet, dass einer der Seitenholme gut zwei Zentimeter gestaucht war und nicht mehr passen konnte. Außerdem schleifte ein Vorderrad sowohl am Kotflügel, als auch beim gegenläufigen Einschlagen am Federbein.

Der Tüv hat nichts gemerkt, der Verkäufer angeblich auch nicht. „Ich schwöre bei Gott,“, sagt er, „dass ich das Auto im auseinandergebauten Zustand nie gesehen habe.“ Der Schrauber, der den Wagen in Schwarzarbeit herrichtete, hört sich ganz anders an. Der Angeklagte habe sogar die Ersatzteile vom Schrott geholt. Darauf, dass der Wagen vermessen und der Rahmen gerichtet werden müsse, habe er ihn auch hingewiesen.

Dennoch wurde die Karre an eine Frau aus Gieboldehausen als unfallfrei verkauft – unter Gewährleistungsausschluss, denn der gewerbliche Verkäufer hatte sich auch noch als Privatmann ausgegeben, der das Auto der Tochter verkaufe. Als die Käuferin den Betrug bemerkte, rief sie den Erstbesitzer in Bayern an, der „zu Tode erschrocken“ gewesen sei, dass der Totalschaden wieder fährt. Ein Rechtsanwalt wurde eingeschaltet, und unter „lautem Schimpfen“ des Händlers wurde der Kauf rückabgewickelt. Auf 900 Euro Anwaltskosten blieb die geprellte Käuferin sitzen.

Damit nicht genug: Obwohl er spätestens jetzt wusste, dass das Auto Schrott ist, verkaufte es der 66-Jährige erneut. Diesmal sollte es für die Tochter einer Familie aus Bovenden sein. Wieder hieß es „unfallfrei“. Erst im nachgereichten, vom Käufer ungelesen unterschriebenen Vertrag war der Totalschaden erwähnt. Die Familie musste ein Gutachten einholen und einen Prozess führen, ehe sie Recht bekam.

Der Strafrichter sieht schließlich trotz aller Unschuldsbeteuerungen zweifachen gewerblichen Betrug als erfüllt an und verurteilt den ansonsten nicht vorbestraften Göttinger zu elf Monaten auf Bewährung. Und weil er selbst jetzt noch uneinsichtig sei, gibt ihm das Urteil als Bewährungsauflage auf, trotz privater Insolvenz vom pfändungsfreien Betrag jeden Cent der Kosten seiner Opfer zu erstatten – 4500 Euro immerhin.

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