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Traumata verdrängen – „ein natürlicher Prozess“

Im Interview Traumata verdrängen – „ein natürlicher Prozess“

Im Mordprozess gegen Jan O. werden Angehörige der Opfer teils von Anwälten vertreten, teils hören sie sich die entsetzlichen Details der Tat genau an und geben dazu Interviews. Über den Umgang mit dem Grauen sprach Jürgen Gückel mit dem Oberarzt der Uni-Psychiatrie, Borwin Bandelow.

Tageblatt: Kann man den Verlust eines Angehörigen durch Gewaltverbrechen ohne therapeutische Hilfe bewältigen?
Bandelow: Die Menschen reagieren sehr unterschiedlich. Man muss davon ausgehen, dass 15 Prozent in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Aber es ist nicht zwingend erforderlich, psychotherapeutische Gespräche zu führen. Im Gegenteil: Wer das nicht will, kann solche Störungen erst dadurch entwickeln. Wir haben das bei den Angehörigen der Opfer des ICE-Unfalls in Eschede erlebt. Man muss die Menschen selber fragen, ob sie Hilfe annehmen wollen. Sie reagieren auf so etwas völlig unterschiedlich.

Welche Strategie ist besser: offensiv, also sich auch der juristischen Aufarbeitung mit belastenden Details zu stellen, oder defensiv, also Konfrontation mit der Tat zu meiden?
Ganz unterschiedlich. Es gibt Menschen, die besser klar kommen, wenn sie es wissen, die jedes Detail kennen wollen, um es sich nicht nur vorstellen zu müssen. Andere leben besser mit Verdrängung. Häufiger ist, dass man sich der Sache stellt, um nicht im Ungewissen zu bleiben. Andererseits kann man durch extrem schreckliche Details – wie in diesem Fall – Bilder in den Kopf kriegen, die man nicht mehr los wird. Wenn das geschieht, braucht man Hilfe.

Also kann es passieren, dass man später darunter leidet, die falsche Strategie gewählt zu haben?
Ich glaube nicht, dass es große Unterschiede macht. Es gibt im Gehirn einen Prozess, der Traumata verdrängt. Ein natürlicher Prozess. Wer erst durch Therapie darauf gestoßen wird, ist nicht auf dem natürlichen Weg. Ich würde als Therapeut auch nie unmittelbar mit dem traumatisierenden Geschehen konfrontieren. Man muss die Betroffenen fragen, wie sie es gern hätten.

Weiß man immer, was für einen selbst richtig ist?
Ich denke, ja. Man muss nicht glauben, sofort eine Therapie beginnen zu müssen. Man kann sich da selbst vertrauen.

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