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Trotz aller Schwierigkeiten ein großes Geschenk

Persönlicher Rückblick auf die Zeit der Wiedervereinigung Trotz aller Schwierigkeiten ein großes Geschenk

4. November 1989. Gemeinsam mit meinem Bruder Thomas stehe ich auf dem Berliner Alexanderplatz. Vorn spricht Schriftsteller Stefan Heym, später kommt Gregor Gysi.

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Sonderseiten und bald ein eigenes Eichsfelder Tageblatt: Die Zeiten des deutschen Umbruchs waren auch für Journalisten sehr bewegte Zeiten.

Quelle: Montage: Pohl

Hinter uns lässt eine Studentengruppe aus Leipzig eine Flasche Nordhäuser Doppelkorn kreisen. Die Stimmung ist bei einigen angespannt, bei vielen aber höchst ausgelassen. Einem Happening gleich, trotz Nieselregen und grauem Himmel. Wir, die wir unsere Kindheit und Jugend direkt am Grenzzaun mit Selbstschussanlagen und Minenfeldern verbracht hatten, blicken uns sprachlos um: Was ist denn das für eine DDR? Was hat dieses Land noch zu tun mit den Vorstellungen, die wir aus dem DDR-Kanal-I und dem DDR-Kanal-II kennen? Das dröge Bild von Karl-Eduard von Schnitzler, der noch immer bis in die grenznahen westdeutschen Gebiete sendet, verschwindet endgültig. Wir fragen uns: Wieso ist die Stimmung hier plötzlich so gut, so beschwingt?

Die große Demonstration am 4. November steckt mich an. An diesem Tag finde ich das Thema, das mich als Journalist über Jahre fesseln wird. Es ist ein Zufall, dass ich mir gerade ein Einreisevisum für den Bezirk Erfurt organisiert hatte. Meine erste Erkundungsfahrt in die neue Nachbarschaft unternehme ich am 10. November, als eigentlich alle Welt von Ost nach West rast. Von da an geht es Schlag auf Schlag.

Ich berichte täglich für das Göttinger Tageblatt über die Proteste in Heiligenstadt, Leinefelde und Worbis, über die Auseinandersetzungen mit dem „Rat des Kreises“ und über den enormen Zulauf, den die katholische Kirche erlebt. Es vergeht vielleicht eine Woche, bis ich erste Exemplare des Göttinger Tageblatts im Obereichsfeld verteile. Meinen VW-Polo funktioniere ich zum kleinen Lieferwagen um, der regelmäßig bis unters Dach mit Zeitungen vollgestopft wird. Das Verteilen geht ziemlich schnell. Sie sind ja gratis.

Eine weitere Woche später beginnt der Vertriebsleiter in Göttingen, ein erstes Vertriebsnetz für das Göttinger Tageblatt aufzubauen, der Titel „Eichsfelder Tageblatt“ wird erst Wochen später eingeführt. Mein Chefredakteur Horst Stein lässt mir beim Arbeiten im Unbekannten freie Hand und begeistert sich zusehens für den Gedanken, eine eigene Ausgabe für Nordthüringen herauszugeben. Sein Stellvertreter Hermann Hillebrecht und die Ressortleiterin Christine Jüttner streiten ebenfalls mit breiten Schultern dafür. Gemeinsam bauen sie intern neue Strukturen auf. In kurzer Zeit wird aus der Improvisation ein langfristiges Engagement. Es dauert nicht lange, bis sich mehrere Göttinger Studenten dazugesellen, die sich über Nacht in das journalistische Handwerk einarbeiten. Der Sprung ins kalte Wasser zeigt Wirkung: Nach wenigen Wochen wissen die meisten von ihnen, ob sie sich entweder aus diesem harten Job mit unendlichen Arbeitszeiten schnell wieder verabschieden, oder ob er ihnen zur Lebensaufgabe wird.

Es zählt zu den Kuriositäten der Zeit, dass wir unser erstes Büro im Bezirk Erfurt direkt im Leinefelder Rathaus beziehen. Der Bürgermeister überlässt uns eine Dachkammer, die klein ist, aber über den ungemeinen Vorzug eines Telefons verfügt. Eine knirschende, knatternde, aber funktionierende Leitung! Der Bürgermeister wird seine Großzügigkeit später bereuen, Anfang 1990 berichten wir über seine Stasi-Verstrickungen als inoffizieller Mitarbeiter.

  Der Autor
  Stefan Koch ist Korrespondent des Madsack-Konzerns in Berlin. Koch, Sohn des Eichsfelder CDU-Landtagsabgeordneten Lothar Koch, volontierte 1985-1987 beim Göttinger Tageblatt und kehrte nach seiner Bundeswehrzeit zum GT zurück, wo er von 1988 bis 1990 als Redakteur arbeitete, von 1990 bis 1993 als Redaktionsleiter des neu gegründeten Eichsfelder Tageblattes.

Die Machenschaften der Staatssicherheit sind aus journalistischer Sicht selbstverständlich ein großes Thema. Sie dürfen aber nicht den Blick darüber verstellen, dass der größte Teil der Bevölkerung andere Sorgen hat. Ihre bisherige Welt bricht zusammen, das Neue ist ihnen fremd. Arbeitsplätze brechen weg, ehemals staatseigene Betriebe gehen pleite. Diesen dramatischen Umbruch zu begleiten, ist ein schwieriges Unterfangen – für alle Beteiligten.

Wichtige Gesprächspartner von damals sind noch heute überregional bekannt: Der spätere Minister und Landesvater Dieter Althaus geht in Heiligenstadt bei den Montagsdemonstrationen mit einer Kerze in der Hand vorne weg; Manfred Grund formt die CDU um und zieht später in den Bundestag ein; Gerd Reinhardt folgt in Leinefelde dem Stasi-Bürgermeister im Amt und baut die Plattenbausiedlung in den neunziger Jahren zu einer bundesweit beachteten Modellstadt um. Werner Henning lässt sich vom Bischof in Erfurt ermuntern, Landrat in Heiligenstadt zu werden. Hennings ernstgemeinte Idee: Heiligenstadt umgehend an Niedersachsen anzugliedern – ganz gleich, wie es im übrigen Bezirk Erfurt weitergeht. Andere träumen gar davon, den thüringischen und den niedersächsischen Teil des Eichsfeldes wieder in einer Verwaltungseinheit zusammenzubringen. Heute mag man darüber schmunzeln, Anfang 1990 wird ernsthaft darüber gesprochen.

Einer langfristigen Strategie folge ich nicht, eher einem Bauchgefühl, als ich bei der Auswahl der ersten Mitarbeiter darauf Wert lege, dass sich die Redaktionsmannschaft zu gleichen Teilen aus Kolleginnen und Kollegen aus beiden Teilen Deutschlands zusammensetzt. So erweist sich ein älterer DDR-Journalist, der längst im Rentenalter ist, als einer der leidenschaftlichsten Kollegen. Von Anfang an habe ich den Eindruck, dass dieser Autor sicherlich eng mit dem sozialistischen Regime zusammengearbeitet hat. Aber ich bin fasziniert von seiner Offenheit, seiner Begeisterung, diesen Umbruch ganz nah zu beobachten und zu beschreiben.

Das zuende gehende Jahr 1989 und das beginnende Jahr 1990 sind unglaublich. Die Arbeit endet nicht mit dem Redaktionsschluss, vielmehr setzt es sich mit langen Gesprächen und teils wilden Debatten in den Kneipen und Cafés des Obereichsfeldes fort. Unsere unterschiedlichen Blicke auf die Ereignisse prallen aufeinander. Noch ist die Verbitterung fern, die ein Jahr später übers Land zieht. Noch hört man sich interessiert zu, mit Staunen und Neugierde. Die Wiedervereinigung Deutschlands gleicht einer Idee, ist aber noch längst keine Gewissheit.

Die Recherche gleicht einer Reise durch ein fremdes Land. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften mit riesigen Rinderställen, die langen Flure der Schulen, die an den Büsten von Marx und Engels enden. Die nachgedunkelten Goethe- und Schiller-Bände auf den Bücherregalen meiner neu gewonnenen Freunde. Und natürlich der türkisch aufgebrühte Kaffee, der so merkwürdig schmeckt und allmorgendlich anzeigt, dass ich fern der Heimat bin, auch wenn mein Elternhaus nur 15 Kilometer entfernt steht.

Heute, 20 Jahre später, kann ich es mir kaum vorstellen, dass ich mich in meiner ersten kleinen Plattenbauwohnung in Leinefelde-Süd so unendlich wohl gefühlt habe. Mein direkter Wohnungsnachbar ist Hans-Jürgen Döring, der 1990 in den Thüringer Landtag einzieht und der Sozialdemokratie in Nordthüringen bis heute ein Gesicht gibt. In den ersten Monaten stehen wir so manches Mal mit einem Glas Rotwein in der Hand nach Feierabend auf meinem Balkon und diskutieren uns durch die halbe Nacht. Das Leben im Plattenbau ist völlig in Ordnung – wohl auch, weil zu diesem Zeitpunkt noch Menschen aller Gehaltsgruppen gleichermaßen in diesen Häusern wohnen.

Heute weiß ich: Fehler wurden gemacht, auf allen Seiten. Rückblickend kreide ich mir meine Naivität an, mit der ich begeistert für das Neue schwärmte. Aber gab es Alternativen? Wie verhält man sich richtig, wenn sich direkt vor der eigenen Haustür eine neue Welt öffnet? Abwarten oder losstürmen – was ist empfehlenswerter? Ich konnte nicht anders, als mich gleich in Bewegung zu setzen. In den unübersichtlichen Wochen und Monaten, als die DDR ihrem Ende entgegendämmerte, sind wir Journalisten der kleinen Tageszeitungen Protokollanten des Alltags. Vielleicht sind die Reportagen, die unvoreingenommen darstellen, was geschieht, das Wertvollste. Auch aus heutiger Sicht sind sie noch lesbar – und dürften auf Dauer als Quelle tauglich sind.

Anderes, vor allem die Kommentare, sind beim Blick zurück schwerer zu ertragen. Als ich in den Bezirk Erfurt ging, war ich ausgestattet mit einem großen Urvertrauen. Im Innersten zutiefst überzeugt, dass sich dieser Umbruch zum Guten entwickeln wird.

Es war zwar mit den Händen zu greifen, was dieser Zusammenbruch und Neuanfang für den einzelnen bedeutete. Aber so richtig bewusst wurde mir diese Dramatik erst später. Mit Mitte Zwanzig suchte ich natürlich gern den Kontakt zu Gleichaltrigen, die zum großen Teil meinen Optimismus teilten. Die Welt der Älteren, diejenigen, denen gerade ihr vertrautes Leben unter den Füßen wegrutschte, blieb mir zum Teil verschlossen. Es gingen Jahre ins Land, bis ich diese schwierigeren Kapitel nacharbeitete. Heute, noch einmal zehn Jahre später, steht für mich fest: Trotz aller Schwierigkeiten war der Umbruch ein großes Geschenk. So groß, dass es sich erst im Rückblick begreifen lässt.

Von Stefan Koch

  „Zaunspechte“, Ratssitzung und Gottesdienste
  Auch im Landkreis Göttingen wird der Tag der Deutschen Einheit gefeiert: In den Dörfern Weißenborn auf der niedersächsischen und Siemerode auf der thüringischen Seite organisieren Bürger als „Zaunspechte“ seit 20 Jahren Aktionen. Beginn ist am Sonnabend, 2. Oktober, um 20 Uhr mit einem „Tanz in die Einheit“. Weiter geht es am am Sonntag, 3. Oktober, um 9.30 Uhr mit einem Gottesdienst in Siemerode. Anschließend folgt ein Familienfrühschoppen.
Mit einem ökumenischen Gottesdienst im Lager Friedland begeht die Evangelische Stadtakademie Göttingen den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit. Superintendent Friedrich Selter und der katholische Pfarrer Georg Vetter feiern mit Zeitzeugen aus Ost und West um 16.30 Uhr einen Gottesdienst in der St.-Norbert-Kirche, Heimkehrerstraße. Um 15 Uhr bietet die Friedlandhilfe eine Führung durch das Lager an. Treffpunkt ist die „Nissenhütte“.
Der FC Hebenshausen veranstaltet sein traditionelles Volkswandern im Dreiländereck Hessen/Thürigen/Niedersachen. Start der Wanderung ist um 11 Uhr in Hebenshausen am Haus des Sports.
An einer Festsitzung des Wittenberger Stadtrates (am Sonntag um 11.30 Uhr im Alten Rathaus) werden auch die Teilnehmer einer Göttinger Bürgerreise und eine Abordnung der Partnerstadt Göttingen teilnehmen.
In der Duderstädter Eichsfeldhalle beginnt um 18 Uhr ein Chorkonzert mit rund 250 Sängern und Musikern aus Ost und West.
Eine „Deutschland-Revue“ im Deutschen Theater Göttingen beginnt um 20 Uhr: Texte aus 500 Jahren Literaturgeschichte, vorgetragen von DT-Schauspielern. Ehrengast ist Joachim Gauck .

Die Tageblatt-DVD „Die Wiedervereinigung im Eichsfeld 1989/90“ gibt es für 9,90 Euro in den Geschäftsstellen in
Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11, sowie in Göttingen in der Jüdenstraße 13c.

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