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Im Tod den Lebenden dienen

Umgang mit gespendeten Körpern Im Tod den Lebenden dienen

Noch im Tod dienen sie den Lebenden: Körperspender. Ohne Menschen, die ihren Körper der Anatomie zur Verfügung stellen, wäre die Ausbildung künftiger Ärzte schwieriger. Um aber den Angehörigen eine Möglichkeit des Abschieds zu eröffnen, gestalten die Universität und die Kirchen regelmäßig Gottesdienste.

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Christoph Viebahn

Quelle: r

Göttingen. So auch am Freitag vergangener Woche in der Universitätskirche St. Nikolai am Nikolaikirchhof. Was manchen mit dem vielfältig sensiblen Thema nicht Vertrauten überraschen mag: An der Gestaltung des ökumenischen Gottesdienstes beteiligen sich auch Studenten - auch diejenigen, welche die Körper der Personen, derer dort gedacht wird, seziert haben.

Was seltsam klingt, folgt jedoch einem ganz einfachen Grundsatz im Umgang mit Körperspenden, sagt Prof. Christoph Viebahn vom Institut für Anatomie und Embryologie des Göttinger Universitätsklinikums. Der gesamte Umgang mit dem Körper sei von dem Grundgedanken des Respekts vor der dahinter stehenden Person, vor dessen Menschsein, getragen – einschließlich der ärztlichen Schweigepflicht. Dass die Vermittlung dieses Grundsatzes der Würde über den Tod hinaus auch gelingt, meint Viebahn, lasse sich auch daran ablesen, dass die überwältigende Mehrheit der Studenten eines Jahrgangs Interesse daran zeigten, sich freiwillig an der Zeremonie zu beteiligen.

Am Beginn des „Einsatzes“ des gespendeten Körpers befassen sich die Studenten, meist im zweiten Semester, mit der anonymisierten Krankenakte des Menschen. Insgesamt, erläutert Viebahn, solle ein Patientenkontakt simuliert werden. Dieser Kontakt geht allerdings sehr weit: Schicht für Schicht wird das Gewebe freigelegt, die Prozedur geht schrittweise bis zum Knochenmark. Auch das Gehirn wird extrahiert.

Damit das überhaupt möglich ist, muss der Tote aufwendig hergerichtet werden. Nach dem Tod werden die Adern des Körpers mit Konservierungsflüssigkeit geflutet, die mindestens ein halbes Jahr auf die Leiche einwirkt, so dass alle natürlichen Veränderungsprozesse gestoppt sind. Dadurch bleiben die Physiognomie und der Aufbau des Körpers erhalten, das innere Körpergewebe ist allerdings nicht mehr blutig, und „der Körper“, sagt Viebahn, „sieht dann wie ein bleicher Leichnam aus.“

Nach Abschluss der Arbeiten am Körper und des ökumenischen Gottesdienstes werden die sterblichen Überreste auf dem Stadtfriedhof Junkerberg in einer Urne beigesetzt. Pro Jahr, erläutert Viebahn, werden in Göttingen 40 bis 50 gespendete Körper zur Ausbildung von Medizinstudenten - und außerdem zur Weiterbildung von Ärzten mit Ausbildungsabschluss - eingesetzt. Zurzeit seien etwa 2000 Personen auf der klinikinternen Warteliste vermerkt, von denen jedoch nicht alle diesen Weg gingen: Wer beispielsweise wegzieht, komme nicht mehr zum postmortalen Einsatz, weil der Einzugsbereich der Körperspenden beim Göttinger Klinikum aus Kostengründen auf einen Umkreis von 100 Kilometern beschränkt sei. Nicht angenommen werden außerdem Körper von Menschen mit meldepflichtigen Infektionskrankheiten wie Aids oder Tuberkulose.

Es gibt noch etwas, das viele Menschen überrascht, die sich mit dem Gedanken einer Körperspende tragen, sagt Prof. Viebahn: Die Körperspende ist nicht kostenlos. Etwa 900 Euro muss der Spender zu Lebzeiten überweisen, damit der Körper angenommen werden kann. Der Umgang mit dem Toten und die entsprechende Logistik, erläutert Viebahn, seien sehr aufwendig.

Wer daran Interesse zeigt, seinen Körper nach dem Tod dem Universitätsklinikum zur Verfügung zu stellen, muss Kontakt zum Zentrum Anatomie der Universität Göttingen, Kreuzbergring 36, Telefon 0551/39-7000, aufnehmen. Zwingende Voraussetzung für die Annahme einer Körperspende ist der Abschluss einer Vereinbarung mit dem Uni-Klinikum zu Lebzeiten.

Weitere Informationen: anatomie.uni-goettingen.de/de/koerperspende.html. Dort können Interessenten auch ein Merkblatt zum Thema herunterladen.

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