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Unbeliebte Suppenwürze

Kolumne zum Wochenende Unbeliebte Suppenwürze

Heute ist es langweilig am heimischen Wochenend-Frühstückstisch. Letzte Woche war besser. Da gab es zu Brötchen und Nußnougatcreme nämlich eine neue Folge aus „Papa erklärt die Welt“.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Das kam so: Aus professioneller Neugierde verfolgten wir aus sicherem Abstand via Twitter die Geschehnisse am Göttinger Bahnhof. „Was machen die denn da?“ Ein freudiges Funkeln in meinen morgendlich beringten Augen. Rücken durchgestreckt, tiefes Timbre in der Stimme und diesen wissenden Gesichtausdruck aufgesetzt, den man von Jugendgruppenleitern kennt, wenn sie den Neuen die Zeltlagerordnung erklären. „Also liebe Kinder...“

In umliegenden Schränken fand ich Anschauungsmaterial. Kurz darauf standen auf dem Tisch 125 ml Suppenwürze und eine halbleere Flasche Light-Ketchup unversöhnlich gegenüber. Zwischen den beiden brachte ich zwei Pfefferstreuer in Stellung. „Das hier sind die Rechten“, begann ich und deutete auf die kleine braune Flasche. „Die haben was gegen Ausländer.“ Kurze Wirkungspause. Ich hätte mir in diesem Moment gewünscht, dass die Flasches bedrohlicher wirken würde.

„Auf der anderen Seite stehen alle, die Suppenwürze doof finden.“ Die Blicke folgten meinem Finger zum Ketchup. Die Sympathien waren bereits klar verteilt. „Und der Pfeffer?“ – „Der soll dafür sorgen, dass die sich nicht kloppen.“ Als ich kurze Zeit später zur Veranschaulichung der Ereignisse, ein Häufchen Pfeffer auf der Ketchupflasche verteilte, war der dramatische Höhepunkt erreicht. Nur mit Mühe konnte ich den Griff in die Obstschale unterdrücken, nachdem Gabriele Andretta vom Pfefferstreuer attackiert worden war. Ich beließ es bei der vitaminfreien Erläuterung: „Die ist jetzt bestimmt richtig sauer.“

Für mich galt es nun noch, aus dem Nachwuchs würdige Nachfolger der eigenen Protestvergangenheit zu machen. „Papa hat früher auch demonstriert“, fuhr ich fort. „Als was?“, wollte die Jüngste wissen. „Als Ketchup! Ist doch klar!“, erklärte die Mittlere. „Ja, nein, ich meine... ist ja nur ... bildlich.“ Ich kam ins Stocken. Mein schöner Vortrag. Damals ging es gegen Atomkraft, glaube ich. Oder war es für mehr Soße auf dem Fleisch in der Uni-Mensa? Die Erinnerungen sind undeutlich. War das überhaupt eine Demo? Oder doch nur die Schlange an der Essensausgabe? Während ich noch wenig überzeugend „Ja, Papa war Ketchup“ stammelte, verließen Teile des Publikums bereits die Küche.

Und obwohl mir dämmerte, dass ich mir mit der nächsten Etappe der politischen Früherziehung ein wenig Zeit lassen müsste, ergänzte ich im Laufe der Woche noch, dass die braunen Flaschen Probleme mit Kinderschokolade und Jerome Boateng haben. „Warum denn das?“, fragte die Mittlere über den Rand ihres Brötchens. Als ich wenig später mit Senf, Essig und Oregano wiederkam, waren alle plötzlich weg.

Nachtrag: Im Namen der Hausherrin sei ergänzt, dass Suppenwürze niemals Eingang in unseren Speiseplan finden würde. Light-Ketchup schon.

Sie erreichen den Autor unter m.scharf@goettinger-tageblatt.de.

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