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Und dann war Fatima weg

Prävention und Integration in der Schule Und dann war Fatima weg

Ihr Glaube rückt immer mehr in den Vordergrund, und Familie wie Schule stehen machtlos da, wenn Jugendliche islamisiert werden. Oft spielen dabei ultrakonservative Moscheegemeinden eine Rolle. Auch in Göttingen gibt es Fälle: Die 16-jährige Fatima hat sich erst immer mehr zurückgezogen, alles hinter sich gelassen und ist inzwischen in der Türkei verschwunden.

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Isoliert, verschleiert, islamisiert: Für Lehrer und Eltern ist oft schwer zu erkennen, wann die Grenze zur Radikalisierung überschritten wird.

Quelle: dpa

Göttingen. Am Anfang hat irgendwie keiner etwas gemerkt. Fatima (Name geändert) war eine ganz normale Schülerin, etwas schüchtern vielleicht. Sie begann, sich anders zu kleiden – geschlossene Blusen mit langen Ärmeln, lange Röcke, dunkle Hosen. Ein Jahr vorher hatte die 16-Jährige noch Minirock getragen. Selbst als sie das erste Mal mit einem Kopftuch zur Schule kam, war das für die Tochter einer türkischen Familie nicht ungewöhnlich. „Das haben wir immer wieder mal“, sagt der Schulleiter. Aber Fatima zog sich immer weiter zurück. Sie mied den Kontakt zu ihren Mitschülern, auf dem Schulhof war sie nur noch mit ihrer engsten Freundin zusammen.

Das war im vergangenen Sommer. Nach den Herbstferien war Fatima weg.

Konservative Gemeinden versuchen gezielt, Jugendliche vom Leben nach dem Koran zu überzeugen. dpa

Konservative Gemeinden versuchen gezielt, Jugendliche vom Leben nach dem Koran zu überzeugen. dpa

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Ein Schock für die Eltern, für Freunde für die Lehrer. Fatima hatte sich mit fadenscheinigen Begründung von Verwandten und Bekannten Geld geliehen, eine Kreditkarte besorgt und Göttingen verlassen. Gegen den Willen ihrer Eltern und trotz aller Bemühungen der Schule, ihre Wesenswandlung zu stoppen. Sie war in die Türkei gereist, das ist sicher.

Da hatte es schon „unzählige Gespräche“ mit dem Mädchen gegeben, erzählt der Schulleiter – mit Lehrern, Sozialarbeitern, einer Beraterin vom Verfassungsschutz und mit den vor Verzweiflung weinenden Eltern. Eskaliert war die Situation, als Fatima mit einer Niqab in die Schule kommen wollte, die auch ihr Gesicht verdeckt und nur für die Augen einen Schlitz frei lässt. Der Glauben als Muslima war ihr wichtiger geworden als Freunde und Schule, auch wichtiger als die Familie. Wer diesen Glauben und das Leben nach dem Koran nicht mit ihr teilen wollte, gehörte nicht mehr zu ihr.

Fatima war islamisiert. Ob sie auch salafistisch radikalisiert ist und damit einer ultrakonservativen Strömung des Islam folgt, ist nicht bekannt. Ihr Schulleiter ist aber ebenso wie andere Beteiligte überzeugt: Fatima wurde beeinflusst von einer streng konservativen Moscheegemeinde, die viele Jugendliche anzieht. 

„Ein Einzelfall“, sagt Frank Rasche, Sprecher des niedersächsischen Verfassungsschutzes im Innenministerium.  Es seien zwar weitere einzelne Verdachtsfälle in Niedersachsen bekannt, bei denen auch Polizei und Verfassungsschutz eingeschaltet wurden, in den meisten Fällen habe sich der Verdacht aber nicht bestätigt. Dass solche Einzelfälle vom Innenministerium sowie vom Kultus- (Schule) und Sozialministerium (Sozialberatung) als ernste Lage behandelt werden, zeigt ihre Reaktion auf die Anfrage zum Göttinger Fall: In einer langen und gemeinsam formulierten Antwort listen sie auf, auf wie vielen Ebenen bereits aktiv beobachtet und beraten wird, um salafistische Radikalisierung zu vermeiden. Konkrete Zahlen aber gibt es nicht.

„Das Thema ist komplex“, sagt Rasche, die Hintergründe vielfältig. Und, das mache die Lage so schwierig: „Es gibt kein typisches Profil derjenigen, die sich salafistisch radikalisieren.“ Es gebe zwar erkennbare Wiederholungsmuster  und ein paar Erfahrungswerte, aber bisher keine empirisch belegten Erkennungsmuster. Nicht zuletzt sei Glauben auch etwas privates, so Rasche. Dabei sei es sehr schwer zu erkennen, wann eine Grenze zur Radikalisierung überschritten wird.
Fatimas Lehrer haben früh gemerkt, dass da etwas passiert – und konnten es doch nicht verhindern. „Wir haben geredet und geredet“, erinnert sich der Schulleiter, „aber da rennst du gegen eine Wand“. „Argumente blockte sie ab“, in Glaubens- und Verhaltensfragen gab es für sie nur noch stur „schwarz und weiß, gut und böse“. Und strenge Regeln – erst Recht für sie als junge Frau. Fatima sei zwar schon immer sehr familienbezogen gewesen, mit einem klassischen islamisch geprägten Rollenbild, sagt ihr Lehrer. Ihren Eltern war es aber auch wichtig, dass sich ihre Kinder in Deutschland integrieren, offen für eine moderne demokratische Weltordnung.

Die suchte Fatima offenbar woanders. In einer strengen konservativen Moscheegemeinde fand sie „super Angebote für Jugendliche“, erzählt ihr Lehrer. Aus netten Beschäftigungen mit anderen wurden ernstere Gespräche auch über den Koran - „und so ging es immer weiter“. Kopftuch, Niqab, Rückzug und dann auch Isolation durch die Mitschüler. Und dann war Fatima weg. „Wir wissen bis heute nicht, was sie macht“, sagt ihr Lehrer, „ob es ihr gut geht, ob sie zur Schule geht, ob sie alleine oder bei Verwandten ist“. Oder radikalisiert.

Bekleidung als Teil der Persönlichkeitsentwicklung: Auch Fatima versuchte vollverschleiert in die Schule zu kommen. dpa

Bekleidung als Teil der Persönlichkeitsentwicklung: Auch Fatima versuchte vollverschleiert in die Schule zu kommen. dpa

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Prävention und Integration in der Schule

Warum lassen sich manche Jugendliche radikalisieren?
Diese Frage lässt sich nach Angaben des Verfassungsschutzes nur schwer beantworten. Dennoch gibt es Ansätze: „Radikalisierungsfaktoren können beispielsweise Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen oder ein zerrüttetes Elternhaus sein. Salafisten greifen die zugrunde liegenden Bedürfnisse von Jugendlichen geschickt in ihrer Propaganda auf. Sie bieten Halt als vermeintliche Ersatzfamilie, die von Gott privilegiert werde und vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit und Überlegenheit. Ein bedeutendes Medium ist dabei das Internet. Nicht zuletzt können charismatische salafistische Prediger – im Internet oder bei persönlichen Treffen – zur Radikalisierung beitragen.“ 

Was tut das Land, um religiös oder auch ideologisch-politisch motivierte Radikalisierung zu verhindern?

  • Beim Verfassungsschutz gibt es seit vergangenem Jahr einen neuen Fachbereich „Präventionsarbeit“, der auf verschiedenen Wegen informiert und Fortbildungen anbietet.
  • Unter Federführung des Sozialministeriums wird zurzeit eine Beratungsstelle zu „neo-salafistischer Radikalisierung“ aufgebaut. Zu den Gründungsmitgliedern gehören auch islamische Verbänden. Sie soll in Kürze ihre Arbeit in Form aufsuchender Sozial- und Beratungsarbeit aufnehmen. Sie soll vor allem auch Familienangehörige, Freunde und Arbeitskollegen von Betroffenen unterstützen. Erreichbar ist die Beratungsstelle schon jetzt unter der Telefonhotline 0511/70052040.
  • Seit 2010 gibt es ein Netzwerk von „Lehrkräften mit Migrationsgeschichte“, in dem sich Lehrer aller Schulformen organisieren – zurzeit sind es 289.
  • „Einen wesentlichen Beitrag“ zur reflektierten religiösen Identitätsbildung, Prävention und auch Integration bildet nach Ansicht des Kultusministeriums der islamische Religionsunterricht, sagt Ministeriumssprecher Sebastian Schumacher. Stufenweise werde seit 2013 Islamunterricht für etwa 49 000 Schüler islamischen Glaubens aufgebaut.

Sind Kopftücher in der Schule erlaubt?
Tragen muslimische Schülerinnen ein Kopftuch „fällt das unter die grundsätzliche geschützte Religionsausübungsfreiheit“, erklärt Sebastian Schumacher, Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums. Ein Verbot wäre unzulässig. An allen weiterführenden Schulen in Göttingen gibt es immer wieder Mädchen mit Kopftuch, bestätigen Schulleiter. Das sei ganz selbstverständlich, auch für die Mitschüler. Kleidung gehöre gerade bei Jugendlichen auch zur Persönlichkeitsentwicklung dazu, erklären sie – zur Identitätssuche im pubertären Alter. Bei muslimischen Mädchen sei ein Kopftuch zudem ein Zeichen des Erwachsenwerdens. Oft seien Kopftuch und die weitere Kleidung modisch angepasst.

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