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Und die Haft folgt sogleich...

Aus dem Amtsgericht Und die Haft folgt sogleich...

Ach was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen! Wie zum Beispiel hier von diesen: Auf der Anklagebank sitzen zwei junge Männer, denen man das, was die Staatsanwaltschaft ihnen vorwirft, kaum zutrauen möchte.

Artig und brav, beide mit vor sich auf dem Tisch gefalteten Händen, lauschen sie der Anklageverlesung. Der eine trägt ein blassblaues Hemd, darüber eine modische Strickjacke, die blonden Haare sind leicht gescheitelt, wie man sie von Grundschul-Portraits kennt. Der andere, mit seinen 22 Jahren nur drei Jahre älter als sein Komplize, trägt etwas kecker die Haare nach oben gegelt, schwarzer Cardigan, den er mal offen, mal bis unters Kinn geschlossen trägt. Was mögen diese beiden wohl ausgefressen haben? Der eine, sympathisch dreinblickende mit dem Schulbuben-Scheitel, könnte beim Abschreiben erwischt worden sein, der ältere womöglich auch bei einer zünftigen Keilerei.

Weit gefehlt: Die Staatsanwaltschaft wirft beiden gemeinschaftliche räuberische Erpressung vor. In der Nacht vom 22. auf den 23. Februar dieses Jahres hätten die beiden Angeklagten zwei Pizzen in eine dunkle Straße in Groß Ellershausen bestellt. Dann hätten die beiden Angeklagten den Pizzafahrer mit einem Gegenstand bedroht, ihm Geld und Handy abgenommen und seien dann geflüchtet.

Die beiden Angeklagten streiten nichts ernsthaft ab. Auch die beiden Verteidiger sehen die Aufklärungsarbeit eher im Bereich der unterschiedlichen Tatbeteiligung. Zunächst beginnt der jüngere Angeklagte, nennen wir ihn Max, seine Version des Abends zu erzählen. Frei trägt er die Geschehnisse vor, etwa so frei, wie man ein Gedicht vorträgt. Nur im Stile eines Aufsatzes. Er habe seinen Kumpel beeindrucken wollen, ganz allgemein. Der ältere, nennen wir ihn Moritz, habe „so eine Macht“. Max wollte, koste es was es wolle, einen schneidigen Eindruck bei Moritz hinterlassen. Brücken anzusägen war ihnen offenbar nicht genug. Erst habe man – gemeinsam – überlegt, ob man den Pizzabringdienst-Chef im Geschäft ausrauben sollte. Die Idee wurde aber wieder schnell verworfen, und die beiden verständigten sich darauf, einen Pizzafahrer auszurauben. Wer jetzt wen wozu angestiftet oder überredet hat, war nicht mehr zu ermitteln. „Irgendwas ist nicht rund an der Geschichte“, befand auch Jugendrichter Stefan Scherrer.

Der Pizzafahrer, der an der Verhandlung als Nebenkläger teilnahm, schilderte den Raub aus seiner Sicht. Schlafprobleme und Angstzustände waren die Folgen. Folgen, die besonders Max hätte gut abschätzen müssen. Der 19 Jahre alte, so brav dreinschauende junge Mann wurde vor drei Jahren selbst Opfer eines Raubes. Er befindet sich bis heute in therapeutischer Behandlung. Im März 2009 wurde ein Verfahren wegen Körperverletzung ohne Auflagen eingestellt. Ansonsten hat Max eine weiße Weste, so weiß wie sein Gesicht.
Anders Moritz.

Fünf Einträge in seinem Vorstrafenregister wegen Körperverletzung und Bedrohung. Mehrere Arbeitsstunden waren die Folgen – die er nicht abgeleistet hat. Richter Scherrer zeigt Moritz einen leuchtend roten Zettel in der Akte – einen Haftbefehl. Moritz‘ Ex-Freundin, mit der der junge Mann einen 22 Wochen alten Sohn hat, bricht in Tränen aus. Eine Woche Arrest, wegen nicht erfüllter Bewährungsauflagen. Seine Mutter habe sich um alles gekümmert, beteuert der völlig verdutzte Moritz. Zum ersten Mal droht der coole Typ die Fassung zu verlieren.

Bis zur Urteilsverkündung hat sich das alles wieder gelegt. „Das ist doch nur eine Woche, Schatz“, beruhigt er seine Freundin. Vielleicht auch sich selbst. Zu einem Jahr und sechs Monaten verurteilt ihn der Richter – auf Bewährung. Die Polizei wartet draußen trotzdem und führt Moritz in den Arrest. Max erhält eine Entscheidung über eine Jugendstrafe auf Bewährung. Wenn er sich nichts mehr zu schulden kommen lässt, war es das für ihn. „Gott sei Dank! Nun ist‘s vorbei mit der Übeltäterei“, – hoffentlich...

Von Lukas Breitenbach

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