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Undercover: Kaffeefahrt ins Kurerholungsgebiet Harz

„Ist doch alles Lug und Trug“ Undercover: Kaffeefahrt ins Kurerholungsgebiet Harz

Einen Ausflug in den Harz, kostenlose Verpflegung und jede Menge Geschenke – die Einladungen zu Kaffeefahrten klingen verlockend. Am Ende werden Menschen unter Druck gesetzt und überrumpelt. Tageblatt-Reporter Benjamin Köster ist bei einer Kaffeefahrt undercover mitgefahren.

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Polizei unterbricht die Veranstaltung: Die Beamten warnen vor Betrug. Der Verkäufer (li.) schaut zu.

Quelle: Köster

„Ihr Herz spricht seit Jahren mit Ihnen! Hören Sie endlich!“ Chefverkäufer Peter Müller* schreit sich geradezu in Rage, die flache Hand schlägt lautstark auf den Tisch.

„Wer das nicht kauft, braucht sich nicht wundern, wenn morgen das Herz aufhört zu schlagen! Hab ich recht?“ Eine Frage wie ein Befehl, im Stakkato hämmern seine Worte auf das Publikum ein. Die Hand des Verkäufers ist mittlerweile zur Faust geballt. Stille kehrt in den Saal ein.

Kurze Zeit später werden etwa acht Rentner ein Produkt für 1599 Euro kaufen, das im Internet für unter 50 Euro zu bestellen ist. Eine „Oktoberfestfahrt ins Kurerholungsgebiet Harz“ verspricht die Postkarte, unterzeichnet vom „Claudia Fischer Team“. Alles kostenlos versteht sich. Genau wie ein Frühstück und eines von „drei tollen Wunschgeschenken“. Gerne dürfe man noch weitere Gäste mitnehmen. Anneliese Koch* bekam so eine Karte.

Koch ist mehr als 80 Jahre alt und wohnt in einem kleinen 600-Einwohner-Ort in der Nähe von Göttingen. Sie hat ihre Einladung Polizei und Tageblatt zukommen lassen. Sie weiß, dass bei solchen Veranstaltungen nicht alles mit rechten Dingen zugeht, denn sie fährt seit Jahren mit und wurde selbst einmal betrogen. Heute begleite ich Koch, hole sie zu Hause ab.

Im silbergrauen Reisebus unterwegs in den Harz

Es ist noch früh und der Herbstnebel hängt tief über den Feldern des Göttinger Umlandes. Die Autofahrt über regennasse Dorfstraßen bis zur Haltestelle dauert nicht lange. Wir steigen ein. Der Reisebus fährt über eine Stunde Haltepunkte in Göttingen und Umgebung ab, immer mehr Senioren steigen zu. Wir sind heute die vorletzte Station, danach geht es auf die Autobahn in Richtung Harz.

Beim Einsteigen in den silbergrauen Reisebus ohne großen Firmenaufdruck fällt auf: man kennt sich. Alle fahren seit mehreren Jahren mit, auch der Busfahrer, der sich mir als Hans vorstellt, kennt die meisten beim Vornamen. Auch das Ziel der Reise, die Gaststätte Astfelder Hof in der Nähe von Goslar, scheint bekannt. Die Touren führen fast jedes Mal hierher, erklärt Koch.

Die Fahrt selbst verläuft ruhig. Kaum jemand unterhält sich, die meisten sind alleine unterwegs. Lediglich eine Helene-Fischer-DVD zerschneidet die Stille. Der Bus hält nach etwa zweistündiger Fahrt vor dem Hintereingang des Astfelder Hofes. Das schmucklose Haus sieht nicht sehr einladend aus, das Herbstwetter trägt seines dazu bei. Durch einen karg eingerichteten Tanzsaal, in dem noch die Luft der vergangenen Dorfparty steht, geht es in den Veranstaltungsraum.

Auf vier langen Tischen wartet bereits das kostenlose Frühstück, pro Person zwei Brötchenhälften mit Käse und Wurst, eine Tasse Kaffee. An der Stirnseite des Saals sind links und rechts Tische, auf denen Produkte zur Präsentation angerichtet sind. Auf einer Leinwand läuft die Aufzeichnung einer Volksmusiksendung. Während Florian Silbereisen den Saal beschallt, nehmen die Senioren das Frühstück zu sich.

Anschließend wird fleißig weiter Kaffee getrunken, allerdings nicht mehr kostenlos. Ich bestelle nichts. Der Saal füllt sich weiter, eine zweite Reisegruppe aus dem Raum Weimar hat den Astfelder Hof erreicht. Die Tische sind nun gut besetzt, es sind etwa 30 Personen anwesend. Die Show beginnt.

Verkäufer Ralf Schmidt* begrüßt im Namen der Firma „ITC Molbergen“. Auch der Firmenname „Goltex“ fällt. Chefverkäufer Müller übernimmt. Er hat den Saal im Griff, ist überall präsent. Gebügeltes schneeweißes Hemd, Goldkettchen und eine schwere Golduhr am Handgelenk. Er wirkt dubios.

Müller erzählt, was Smartphones und Computer leisten können. Er bleibt dabei vage, man merkt, dass er sich in dem Thema nicht sonderlich auskennt. Muss er aber auch nicht, denn das Publikum besteht aus Senioren, die zum Großteil über keines der angesprochenen Geräte verfügen. Er erzählt von seinen eigenen Schwierigkeiten.

„In die Gesundheit will niemand investieren“

Plötzlich geht es um die Gesundheit. Müller erklärt, jeder Mensch trage Krebszellen im Körper, es komme nur darauf an, bei wem sie „ausbrechen“. Außerdem seien die meisten Menschen selbst schuld, wenn sie an Herzkrankheiten oder Schlaganfälle leiden – sie würden einfach nicht genug Geld in ihre Gesundheit stecken, „zu geizig“ sein. „Wenn der Fernseher kaputt ist, kauft man schnell einen neuen, aber in die Gesundheit will niemand investieren.“

Zustimmendes Nicken im Saal. Müller erhöht das Tempo, es geht jetzt Schlag auf Schlag. Und dann kommt das Produkt: Coenzym Q10. Ein Karton mit 30 Ampullen, die man in ein Getränk mixen soll. Pro Tag eine und man sei, so verspricht Müller, geschützt vor Herzinfarkten, Schlaganfällen, Hirnschlägen und vielem mehr. Müller erklärt dann, dass seine Chefin Claudia Fischer einige Geschenke für besondere Stammkunden bereitgestellt hat.

Er selbst habe gerade noch mit „der Claudia“ deswegen telefoniert. Bei den Geschenken von Fischer handelt es sich um Schecks über 1100 Euro. Der Betrag wird durch lautes Klatschen quittiert. Müller und Schmidt lesen die Namen der „glücklichen Stammkunden“ vor. Was jetzt langsam klar wird: der Scheck ist keineswegs ein Scheck. Die Kunden bekommen ihn nur dann, wenn sie gleichzeitig den Kaufvertrag für das Coenzym Q10 unterschreiben.

Wer den Scheck annimmt, hat automatisch gekauft. Nicht jeder im Saal weiß das. Eine Frau an meinem Tisch, offensichtlich überrumpelt, stammelt noch: „Ich hab nur 410 Mark Rente“, gemeint sind wohl Euro, aber dann wird sie abgewürgt.

Der Vertragsabschluss findet, verborgen vor neugierigen Augen, einzeln im Nachbarraum statt. Den Preis des Produktes von 1599 Euro hat Müller vor mehr als einer Stunde an eine Tafel geschrieben – bevor Coenzym Q10 überhaupt vorgestellt wurde. Im Astfelder Hof folgt die Mittagspause.

„Heute gab es wieder nur Mist“

Keiner der Senioren beschwert sich, keiner stellt kritische Fragen. Bei der folgenden Präsentation von kleineren Produkten erscheint die Polizei. Sie weist darauf hin, dass es sich bei dem Produkt Coenzym Q10 um keine Arznei handelt und dass sie glauben, dass es sich um Betrug handelt. Die Personalien aller Käufer werden aufgenommen, sie werden später informiert, dass sie binnen 14 Tagen von ihrem Widerspruchsrecht Gebrauch machen können.

Eine überrumpelte Frau nutzt die Chance und lässt den Vertrag sofort stornieren. Alle anderen behalten ihren Kauf. Viel mehr kann die Polizei nicht machen. Dann ist die Veranstaltung vorbei. Die Einkäufe werden in den Bus getragen. Nachdem Busfahrer Hans* noch seine eigene Verkaufsveranstaltung im Bus durchführt – Wurst und Käse – geht es dann zurück Richtung Göttingen.

Während am Busfenster der Harz vorbeizieht, tauschen sich die Senioren aus: „Heute gab es aber wieder nur Mist“, sagt die eine, die mehrere Sachen gekauft hat. „Ja, genau. Und alles so teuer“, eine andere. Auch sie hat eingekauft. „Ist doch alles Lug und Trug.“

* Namen von der Redaktion geändert

„Claudia Fischer gibt es nicht“

Eine Online-Präsenz hat keine der Firmen. Das Handelsregister zeigt ein verworrenes Geflecht verschiedener Unternehmen. Aktuell sind vier Unternehmen, die Goltex im Firmennamen tragen, verzeichnet. Auch eine Firma mit dem Namen ITC ist registriert.

Was auffällt: Alle Unternehmen haben den gleichen Firmensitz – Industriestraße 11 in Molbergen bei Cloppenburg. Auch die Personen im Hintergrund sind die gleichen: Hanns Reudink, Wolfgang Maas, Ludger und Bernd Thomas. Vor allem die Thomas-Brüder sind in jedem Unternehmen präsent. Während Maas und Reudink in einzelnen Unternehmen den Geschäftsführerposten bekleiden, treten die Brüder in jeder der Firmen als Gesellschafter oder Kommanditisten auf.

Und Claudia Fischer? Der Name Fischer taucht in dem Zusammenhang nicht im Handelsregister auf. Ein Anruf bei Otto Höffmann. Höffmann ist Anwalt in Cloppenburg und fungiert als Pressesprecher der besagten Firmen. Auch sämtliche Marken der ITC/Goltex-Gruppe sind im Markenregister des Patent- und Markenamtes durch ihn registriert. Außer ihm wollte sich kein Beteiligter der Firmen vor der Presse äußern.

„Ja, Claudia Fischer gibt es nicht“, räumt Höffmann ein. Es handelt sich um eine registrierte Marke. „Kann schon sein, dass unsere Verkäufer den Namen benutzen, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich ein Produkt besser verkaufen lässt.“ Und dass das Produkt, das die ITC/Goltex-Gruppe für 1599 Euro verkaufen will, im Internet für 42 Euro zu bestellen ist, die Kaffeefahrtbetreiber also über 1100 Prozent Gewinn machen?

„Das glaub ich nicht, dass das so billig ist“, schnauzt Pressesprecher Höffmann, als ich ihn damit konfrontiere. Und zu der Preisgestaltung könne er auch nichts sagen, er sei ja nur der Pressesprecher. Wer denn für die Preisgestaltung zuständig sei, will ich wissen. „Da kann Ihnen keiner weiterhelfen“, erklärt Höffmann knapp. Da kann oder will niemand weiterhelfen? „Nein, da will Ihnen niemand weiterhelfen.“

„Nein, da will Ihnen niemand weiterhelfen“

Es gab schon zu schlechte Erfahrungen mit den Medien. ITC/Goltex überlässt allgemein wenig dem Zufall. In der Gaststätte Astfelder Hof ist eine Betriebsstätte angemeldet, Verkaufsveranstaltungen müssen also nicht extra bei der Gewerbeaufsicht angemeldet werden – so gibt es kaum eine Handhabe für die Polizei, diese Veranstaltungen zu unterbinden.

Ganz ohnmächtig sind die Behörden allerdings nicht: Die Gaststätte ist nur gepachtet, das Gebäude ist im Besitz der Stadt Langelsheim. Die Stadt könnte also überlegen, ob sie weiterhin Pachtverträge mit Kaffeefahrt-Unterstützern schließt. Und was ist mit den Gesundheitsversprechen? Darf Verkäufer Müller Nahrungsergänzungsmittel als Medikament präsentieren? Darf er nicht.

Paragraph 11 des Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuches besagt deutlich, dass es verboten ist einem Lebensmittel den Anschein eines Arzneimittels zu geben. Weiß Müller, was er da tut? Zu den Heilversprechen könne Pressesprecher Höffmann nichts sagen, er sei ja schließlich nicht vor Ort gewesen. Dass Müller diese Versprechen gemacht hat, glaubt er allerdings nicht.

Müller sei ein erfahrener Verkäufer. Ansonsten verweist Höffmann darauf, dass es sich bei den Verkäufern um selbstständige Handelsvertreter handele. Die ITC/Goltex-Gruppe treffe also keine Schuld. Höffmanns Interessengebiet als Anwalt ist übrigens das Verbraucherrecht.

Von Benjamin Köster

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