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Unerwartete Erfolgsgeschichte: Jugendhilfe Süd-Niedersachsen

Betreuung Unerwartete Erfolgsgeschichte: Jugendhilfe Süd-Niedersachsen

Eine schwierigere Klientel ist kaum vorstellbar: auf sich allein gestellte Jugendliche aus Kriegs- und Krisengebieten, nicht wenige davon durch erlebte Gräueltaten schwer traumatisiert, nach meist gefährlicher Flucht ohne Eltern oder andere Verwandte in Deutschland angelangt.

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Quelle: dpa

Göttingen/Northeim. Um solche Jugendliche kümmert sich der Verein Jugendhilfe Süd-Niedersachsen – und hat bei der Betreuung erstaunliche Erfolge.

91 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut die Jugendhilfe derzeit, erklärt der Vereinsvorsitzende Holger Melchert – deutlich mehr als noch vor einigen Jahren. Fast alles seien junge Männer – auf der nicht selten abenteuerlichen Flucht seien Mädchen viel zu gefährdet. Wenn die Flüchtlinge in Friedland eintreffen, werden sie einer Routineuntersuchung unterzogen. Geklärt werden Gesundheitszustand und psychischer Statur, später wird versucht, das wirkliche Alter zu ermitteln. Deutschkurse „gibt es ab dem ersten Tag“, sagt Jugendhilfe-Organisator Christian Stoll. Außerdem: „Die haben alle Freundinnen und lernen dadurch unglaublich schnell deutsch.“

Untergebracht werden die jungen Flüchtlinge je nach Eignung im Haus der Auguste Ahlborn-Stifung, in Gastfamilien oder die meisten als Wohngemeinschaften in Mietwohnungen. Dabei legt der Verein großen Wert auf Selbstständigkeit, erläutert Stoll. Die Jugendlichen bekommen ein Taschengeld, müssen sich selbst versorgen und selbst kochen.

Was den Verein selbst überrascht hat: wie schnell sich viele der entwurzelten Flüchtlinge in ihrem neuen, so ganz andersgearteten Leben in Deutschland zurechtfinden und wie motiviert sie sind, neue Wege zu beschreiten. Stoll berichtet von einem 18-jährigen Afghanen, der seit April 2012 in Deutschland ist. Der Flüchtling mache hoch motiviert eine Ausbildung zum Rettungsassistenten. Ein anderer Flüchtling, 19 Jahre alt wohnt alleine, ist vollkommen selbstständig und hat sich eine Ausbildungsstelle zum Systemgastronomen besorgt. Und eine 19-jährige Tschetschenin sei auf dem besten Weg zur Altenpflegerin.

„Eine unerwartete Erfolgsgeschichte“

Solche Schilderungen beeindruckten auch den Jugendhilfeausschuss des Landkreises Göttingen, in dem der Verein seine Arbeit in dieser Woche vorstellte. Ein Ausschussmitglied, Helmut Maier (SPD), hat persönliche Erfahrungen mit den betreuten Jugendlichen: Er wohnt direkt neben dem Gebäude der Auguste-Ahlborn-Stiftung, in dem mehrere der betreuten Jugendliche untergebracht sind.

Sein Eindruck: „Die sind unwahrscheinlich freundlich.“ Probleme gebe es nicht mit den Jugendlichen – eher aber mit einzelnen Nachbarn, die den Fremden kein sonderliches Wohlwollen entgegenbrächten. Die rechtliche Lage macht es der Jugendhilfe zudem etwas leichter, sich um die entwurzelten Jugendlichen zu kümmern. Sie unterliegen nicht dem Ausländer- sondern dem Jugendrecht, wie es auch für Deutsche gilt. Unter anderem schützt das vor unvermittelter Abschiebung, sagt Stoll - wichtig, wenn es um den Abschluss einer Ausbildung oder verlässlicher Berufsperspektiven geht.

Jugendhelfer Stoll räumt ein, dass es auch der Druck einer drohenden Abschiebung ist, der die Flüchtlinge zu Wohlverhalten anhält: „Wir können immer sagen: ,Geh zur Schule, sonst kannst du nicht sicher sein, bleiben zu dürfen.‘“ Nur zwei, vielleicht drei von den 91 derzeit betreuten Flüchtlingen bereiteten Probleme. Sonst sei die Betreuung „eine unerwartete Erfolgsgeschichte“.

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