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Universitätsmedizin Göttingen äschert Fritz Haarmanns Kopf ein

Letzte Ruhe für den Schlächter von Hannover Universitätsmedizin Göttingen äschert Fritz Haarmanns Kopf ein

Die einen glauben, dieses Präparat wäre ein Besuchermagnet für ein künftiges Wissenschaftsmuseum in Göttingen geworden. Andere fordern seit Jahren, der berüchtigte Hannoveraner solle fast 90 Jahre nach seiner Enthauptung die letzte Ruhe finden. Jetzt wird auf Tageblatt-Anfrage eingeräumt:

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Schlächter von Hannover : Fritz Haarmanns Kopf (Mitte) wurde in Göttingen eingeäschert.

Quelle: dpa

Göttingen. Der Kopf von Fritz Haarmann, dem Massenmörder von Hannover, ist von der Universitätsmedizin (UMG) still und heimlich eingeäschert worden. Die Urne ruht in einem anonymen Gräberfeld auf dem Junkerberg in Weende.

Damit hat der Vorstand der UMG einen Schlussstrich unter ein grausiges Kapitel Wissenschaftsgeschichte gezogen. Denn der Kopf des Mörders sollte eigentlich belegen, dass man Verbrecher an der Physiognomie, zumindest aber an Besonderheiten im Gehirn erkennt.

Deshalb war der Kopf Haarmanns, nachdem er am 15. April 1925 mit dem Fallbeil vom Körper getrennt worden war, in Formalin eingelegt und an die Göttinger Rechtsmedizin übergeben worden. Später wurden vom Gehirn des Schlächters von Hannover mehrere Querschnitte genommen und präpariert. Vier dieser Schnitte sind damals zur Untersuchung an das Max-Planck-Institut München gesandt worden, wo sie später verschollen sind.

In Göttingen lagerte der präparierte Kopf über Jahrzehnte in der Rechtsmedizin, zuletzt im Institut am Windausweg. Dort war das Haupt Anfang der 60er Jahre noch einmal neu präpariert worden. Damals war das grausige Schaustück, das gar den posthumen Bartwuchs des bei seiner Hinrichtung glatt rasierten Mörders zeigte, letztmals öffentlich zu sehen.

Damals schoss Tageblatt-Fotograf Fritz Paul die einzigen Fotos. Nur noch Medizinstudenten und kleinen Gruppen wurde das Präparat einige Jahre gezeigt. Die letzten Leiter der Rechtsmedizin, die Professoren Steffen Saternus und Michael Klintschar, weigerten sich aus ethischen Gründen, Haarmanns Kopf zu zeigen.

Ehe das Gebäude der Rechtsmedizin abgerissen wurde, musste die gesamte Sammlung in den Kellern der alten Augenklinik eingelagert werden. Dort verschwand das Haupt für Jahre zwischen Dokumentationen von Gewaltverbrechen und 440 Präparaten medizinischer Absonderlichkeiten oder missgebildeter Embryonen in Formalin.

Keine Angehörigen gefunden

Doch ganz vergessen war Haarmann nie. Immer wieder einmal forderten Göttinger, Haarmann die letzte Ruhe zu gönnen. 2003 diskutierte gar der Landtag über das Thema. Eine Petition von Kriegsgegnern forderte, Haarmanns Haupt eine menschenwürdige Bestattung zu gönnen.

Zuletzt wiederholte der Rechtsmediziner Klintschar, heute Chef der Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover, auf einer Sonderseite des Tageblattes die Forderung.

Der Vorstand für Wirtschaftsführung der UMG, Sebastian Freytag, ist diesem Wunsch nachgekommen. Bereits im Frühjahr 2014 nahm er mit der evangelischen Kirche Kontakt auf. Denn Haarmann war evangelisch. Angehörige Haarmanns wurden gesucht und nicht gefunden; Wissenschaftler wurden befragt, sahen aber keinen Sinn in der Erforschung des Präparats.

Schließlich wurde das Haupt eingeäschert und die Urne beigesetzt. Erst ein Dreivierteljahr nach dieser Entscheidung wurde das nun auf Anfrage bestätigt.

Universitätsmedizin Göttingen äschert Fritz Haarmans still und heimlich ein. © dpa

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Mörder von 24 jungen Männern

Wer heute über 50 ist, kennt Melodie und Text: „Warte, warte noch ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu Dir ...“ Der Serienmörder aus Hannover, der zwischen 1918 und 1924 mindestens 24 Jungen und junge Männer auf bestialische Weise beim Liebesakt getötet und danach zerstückelt hat, hat Generationen von Niedersachsen eine Gänsehaut verursacht.

Der homosexuelle Polizeispitzel Haarmann hatte seine Opfer, oft Ausreißer oder Stricher, zumeist am Hauptbahnhof kennen gelernt und sie mit nach Hause genommen, wo er sie durch einen Biss in den Hals tötete. Ob er das Fleisch seiner Opfer tatsächlich verkauft hat, wurde nie bewiesen. Möglich war es, denn Haarmann hatte mit Wurst und Konserven gehandelt.

Der Prozess gegen den Serienmörder im Dezember 1924 wurde international viel beachtet. Der Psychiater Ernst Schultze hatte ihn in Göttingen sechs Wochen lang untersucht und ihn schließlich für voll schuldfähig gehalten. Zuvor war bekannt geworden, auf welch barbarische Art dem inhaftierten Verdächtigen ein Geständnis abgepresst worden war:

Er war in seiner Einzelzelle mit Leichenteilen seiner Opfer konfrontiert worden. Dabei hingen in allen vier Ecken Totenschädel, die eigens beleuchtet wurden, um dem Mörder Angst einzujagen.

Haarmann war wegen 27 Taten angeklagt worden. Für 24 Morde wurde er schuldig befunden. Am 15. April 1925 starb er als einer der letzten Hingerichteten des Deutschen Reiches (von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft abgesehen) unter dem Fallbeil.

Untersuchungen seiner Leiche, speziell des Kopfes, hatten keinen wissenschaftlichen Wert. Wohl aber konnten Mediziner aus den angefertigten Hirnschnitten Rückschlüsse auf eine durchlittene Hirnhautentzündung diagnostizieren. Wären die Hirnschnitte heute noch vorhanden, würden Wissenschaftler mit neuen Methoden sexuelle Abartigkeiten erkennen können. Doch das Hirn enthielt der jetzt eingeäscherte präparierte Schädel nicht mehr. ck

Leichenteile zu Studienzwecken

Dass eine Universitätsmedizin Leichenteile oder missgebildete Embryonen präparieren lässt, ist üblich. Viele Medizinische Hochschulen haben solche Sammlungen. Die größte Europas befindet sich in Wien. Die Rechtsmedizin zeigt ihren Studenten Präparate von Schussverletzungen, außergewöhnlichen Wunden oder als Nachweis spezieller Todesarten. Dass aber ein ganzer Kopf präpariert wurde, erklärt sich einzig aus der wissenschaftlich falschen Annahme, es seien daraus Schlüsse auf den Charakter zu ziehen.

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