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Ursula Obermann stand 1945 allein vor der zerbombten Anatomie in Göttingen

Fast die gesamte Familie verloren Ursula Obermann stand 1945 allein vor der zerbombten Anatomie in Göttingen

Göttingen ist im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise glimpflich davon gekommen. Doch einige Menschen traf das Schicksal dennoch hart – so wie die 88-jährige Ursula Obermann die heute in Lödingsen wohnt.

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Blättert in Erinnerungen an ihre Familie: Ursula Obermann.

Quelle: Heller

Lödingsen. Sie verlor beim Bombenangriff am 7. April 1945 einen Großteil ihrer Familie – einen Tag, bevor die Amerikaner Göttingen übernahmen. Noch heute stehen der 88-Jährigen, die mit Geburtsnamen Kues heißt, die Ereignisse des Tages lebhaft vor Augen. Ihr Vater Heinrich Kues war Hausmeister in der alten Anatomie in der Nähe des Bahnhofs. Deshalb wohnte die Familie dort in einer Wohnung – im April 1945 allerdings ohne den Vater, der als Soldat eingezogen war.
In der Wohnung lebten damals neben Obermann ihre Mutter sowie Obermanns Schwester mit ihrem Mann und zwei Kindern.

Die damals 18-jährige Ursula war am 7. April in der Stadt unterwegs, um eine Lebensmittelzuteilung zu holen, als es wieder Fliegeralarm gab. Die 18-Jährige rannte los. Unterwegs wurde sie in Hotel Gebhards, das damals als Lazarett diente, hineingezogen. Von dort aus erreichte sie den Bunker am Wall, wohin ihre Familie bei Fliegeralarm floh. Doch der Platz, an dem ihre Familie immer saß, war leer.

Die Mutter wollte noch Sachen packen, weil Obermanns Schwester mit den Kindern am Tag darauf zu einer Tante nach Hettensen aufs Land sollte. Dazu kam es nicht mehr. Bei dem Angriff auf den Göttinger Bahnhof wurde auch die Anatomie getroffen und bis auf den Südflügel zerstört.

Als Obermann nach dem  Angriff nach Hause zurückkehren will, steht sie vor einem Trümmerhaufen, unter dem ihre Familienangehörigen begraben sind. Sie hatten im Keller des Gebäudes Zuflucht gesucht. Mit 18 Jahren ist Obermann damals noch minderjährig, sie ist allein und besitzt nur noch das, was sie anhat. Sie kommt schließlich bei einem Onkel und einer Tante in der Münchhausenstraße unter.

Erst Wochen später seien die sterblichen Überreste ihrer Familienangehörigen unter den Trümmern geborgen worden, erinnert sich Obermann. Im Juni, zwei Monate nach dem Fliegerangriff, wurden die fünf Toten beerdigt. Erst danach kehrte der Vater aus der Gefangenschaft nach Göttingen zurück – und wusste gleich, was los war, als er sah, dass seine Tochter schwarz trug. Obermann heiratete später ihren mittlerweile gestorbenen Mann Harry Obermann aus Lödingsen.

Sie bekam zwei Söhne und hat derzeit vier Enkel und vier Urenkel. Doch auch wenn sie nicht so oft darüber spricht: Die Ereignisse von damals verfolgen sie bis heute.

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