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Verdacht der Untreue

VHS-Chef Thomas Eberwien Verdacht der Untreue

Der Betriebsrat der Volkshochschule Göttingen Osterode wirft dem Geschäftsführer Thomas Eberwien „erhebliche“ Unregelmäßigkeiten in den Abrechnungen von Auslagen vor. Dabei soll er zum Teil private Ausgaben von mehr als 8500 Euro für Hotelrechnungen, Flüge und Fahrtkosten, mit der Firmenkreditkarte der VHS beglichen haben.

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Die Volkshochschule in Göttingen: Der Betriebsrat wirft dem Geschäftsführer Thomas Eberwien "erhebliche" Unregelmäßigkeiten in den Abrechnungen von Auslagen vor.

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen. In einem Schreiben des VHS-Betriebsrates an den VHS-Aufsichtsrat vom 23. August, das dem Tageblatt vorliegt, heißt es, dass Eberwien „trotz monatlicher schriftlicher Aufforderungen“ seit April 2015 von VHS-Mitarbeiterinnen aus Buchhaltung und Personalsachbearbeitung seine Auslagen nicht belegt habe. Unter den zunächst nicht belegten Zahlungen mit der Firmenkreditkarte sollen sich auch Hotelrechnungen für Luxushotels auf Mallorca („GPRO Valparaiso Place Palma“) und Amsterdam („Amsterdam American Hotel“) sowie für Flugtickets befinden.

Weil die Mitarbeiterinnen unsicher waren, ob die durch sie vorgenommenen Buchungen zugunsten Eberwiens rechtmäßig waren, sahen sie sich „erheblicher psychischer Belastung“ ausgesetzt, heißt es in dem Schreiben an den Aufsichtsrat. Sie stellten Mitte August so genannte Gefährdungsanzeigen, die Beschäftigte vor Schadensersatzansprüchen absichern, und wandten sich an den Betriebsrat.

VHS-Chef Thomas R. Eberwien

Quelle: Archiv

Erst nachdem Eberwien - nach Ankündigung einer Einsetzung einer Einigungsstelle - die Anzeigen als berechtigt anerkannt hatte, habe er Tank-Belege für rund 6000 Euro eingereicht. Weiterhin fehlten Belege für die Hotelrechnungen und Flugtickets. Weitere 2500 Euro sind nach Tageblatt-Informationen von Eberwien erst beglichen worden, nachdem das Schreiben des Betriebsrates den Aufsichtsrat erreichte.

Inzwischen wird der Betriebsrat von Anwalt Martin Bretzler vertreten, der die geschilderten Sachverhalte bestätigte. Die nicht belegten Zahlungen mit VHS-Kreditkarten haben nach seiner Einschätzung „potenziellen privaten Charakter“. Es gebe, so Bretzler, gegen Eberwien den „Anfangsverdacht einer Untreuehandlung“. Er betonte, dass der Betriebsrat ausschließlich zum Schutz der Mitarbeiter da sei.

„Zum jetzigen Zeitpunkt liegen mir keine Beweise vor, dass der erweckte Eindruck, der Geschäftsführer habe der Gesellschaft geschadet, zutrifft“, sagte der VHS-Aufsichtsratsvorsitzende und Kreisdezernent Marcel Riethig (SPD). Mit allen Kräften solle versucht werden, Schaden für die VHS zu vermeiden. „Wir werden alle Vorwürfe extern prüfen und aufklären lassen und anschließend einfordern, dass die Beteiligten zu einer sachorientierten Zusammenarbeit zurückkehren“, sagte Riethig.

Als Prüfer sind nach Riethigs Angaben die Göttinger Wirtschaftsprüfer Quattek und Partner sowie der Göttinger Rechtsanwalt Sascha John. Nach der Prüfung würden die entsprechenden Konsequenzen gezogen, die Prüfergebnisse dem Aufsichtsrat am 29. September vorgestellt.

Riethigs Stellvertreter im Aufsichtsrat, Tom Wedrins (SPD), hält unterdessen die fristlose Kündigung Eberwiens für dringend erforderlich. Auch um neutral die Vorgänge prüfen zu können. „Bei Verdachtsmomenten kommt eigentlich nur die fristlose Kündigung in Frage“, sagte Wedrins. Er forderte eine schnelle Prüfung, die eigentlich längst hätte beginnen müssen und die in zwei Tagen zu erledigen sei. Auch müsse eine Sondersitzung des Aufsichtsrates vor der geplanten Sitzung am 29. September einberufen werden. Je nach Ausgang der Prüfung sei dann eine Wiedereinstellung Eberwiens möglich, sagte Wedrins.

Zum Wohle der VHS und ihrer Beschäftigten dürfe der Umgang miteinander in dieser Form auf keinen Fall fortgesetzt werden, sagte Riethig und kritisierte das Verhalten der VHS-Mitarbeiter: „Es sollte bekannt sein, dass sich der Geschäftsführer nicht äußern darf und damit wehrlos ist. Entweder haben die Betroffenen selbst diese Information weitergegeben, dann wäre das feige und im höchsten Maße illoyal. Oder diese Informationen wurden durch andere Beschäftigte oder deren Vertretung an die Presse weitergegeben.

Dann soll hier wohl offenkundig die Geschäftsführung geschädigt werden, dazu scheint jedes Mittel recht. Das wäre im höchsten Maße unredlich und unanständig.“ In einem Gespräch mit dem Betriebsrat habe er deutlich gemacht, so Wedrins, dass es Konsequenzen für Eberwien haben müsse, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. Wenn nicht, dann jedoch für den Betriebsrat.

Eberwien war am Freitag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Von Michael Brakemeier und Christoph Höland

Vorgang muss „rückhaltlos aufgeklärt“ werden

Der Göttinger Ratsherr Patrick Humke (Antifaschistische Linke Göttingen) zeigt sich „entsetzt über die anscheinende Selbstbedienungsmentalität“ des VHS-Geschäftsführers Eberwien und ist irritiert über die Reaktion des Aufsichtsrats. „Sollten die im Raum stehenden Vorwürfe zutreffen, würde das wohl für eine maßlose und selbstherrliche Selbstbedienungsmentalität seitens des Geschäftsführers sprechen. Dieser skandalöse Vorgang muss rückhaltlos aufgeklärt werden“, fordert Humke.

Personelle Konsequenzen dürften nicht ausgeschlossen werden. Neben dem Geschäftsführer seien auch Verantwortliche im Aufsichtsrat in Haftung zu nehmen.
Er sei irritiert über die Reaktionen des Aufsichtsratsvorsitzenden Riehtig und seines Stellvertreters Tom Wedrins (beide SPD). Diese hätten, statt die Vorgänge aufzuklären, zunächst die VHS-Beschäftigten angegangen.

Das lasse Humke zweifeln, „ob es wirklich eine ergebnisoffene Prüfung der Vorgänge geben wird und nicht vielmehr der Geschäftsführer geschützt werden soll“. Es liege die Vermutung nahe, dass die beiden SPD-Männer die Kommunalwahlen abwarten wollten. Es sei ein Schlag in die Glaubwürdigkeit von Politik und ein Musterbeispiel für den (SPD)-Filz in Göttingen.

 „Vor einer Überprüfung der Vorwürfe jetzt mit Begriffen wie ,feige und in höchstem Maße illoyal‘ und ,unredlich und unanständig‘ die Beschäftigten zu attackieren, ist einer Sachaufklärung wenig dienlich“, sagte Verdi-Geschäftsführer Sebastian Wertmüller. Wie Riethig fordert er, eine „unabhängige Prüfung und Sachaufklärung“. Dabei werde die tatsächliche Unabhängigkeit der Prüfer eine zentrale Rolle einnehmen, ebenso wie auch der Prüfauftrag, sagte Wertmüller.

Es gehe keineswegs nur um die Frage, inwieweit der VHS möglicherweise ein finanzieller Schaden entstanden sei. Es gehe auch darum, ob es zu einer missbräuchlichen Nutzung einer dienstlichen Kreditkarte gekommen sei, sagte Wertmüller. So habe auch die Geschäftsführung die Berechtigung der Gefährdungsanzeigen von Beschäftigten der Buchhaltung im Zusammenhang mit den Abrechnungen bereits anerkannt. mib

Christoph Oppermann, stellvertretender Chefredakteur des Göttinger Tageblatts.

Quelle: CH

Kommentar

Atemberaubend

Atemberaubend. Genau diese Charakterisierung verdienen die Vorgänge um die VHS Göttingen. Deren Geschäftsführer Thomas Eberwien sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, für Unregelmäßigkeiten in der Abrechnung von Hotelrechnungen, Flug- und Fahrtkosten zulasten seines Arbeitgebers verantwortlich zu sein, und das VHS-Aufsichtsratsmitglied Tom Wedrins fordert umgehend die sofortige Freistellung Eberwiens, alternativ dessen fristlose Kündigung.

Praktisch zeitgleich formuliert indes der VHS-Aufsichtsratschef Marcel Riethig, dass aktuell keine entsprechenden Beweise vorlägen, aber alle Vorwürfe extern geprüft und aufgeklärt werden sollen. Atemberaubend.

Selbstverständlich müssen alle Vorwürfe aufgeklärt werden. Schnell, präzise, umfassend und öffentlich. Schließlich geht es nicht nur um Kleingeld, sondern vielmehr um eine stattliche Summe, das Prinzip und den Ruf der Volkshochschule.

Und es geht auch um den Ruf von Thomas Eberwien. Solange es keine eindeutigen Belege für Fehlverhalten gibt, gilt grundsätzlich die Unschuldsvermutung. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wird er als VHS-Chef nicht zu halten sein. Sollten sich die Anschuldigungen als haltlos herausstellen, hat die VHS-Spitze ein weiteres Problem: ihren Aufsichtsrat.

Wie kann man nur beim derzeitigen Stand der Dinge sofort mit der Ultima Ratio hantieren? Entweder hat Tom Wedrins tiefergehende Kenntnisse zu den Vorwürfen als der Aufsichtsratschef, dann sollte er umgehend für Aufklärung sorgen. Oder es mangelt ihm an Kenntnissen des Arbeitsrechtes und der Pflichten eines Aufsichtsrates. Dazu gehört auch ein Mindestmaß an Fürsorge, auch gegenüber einem leitenden Mitarbeiter, und auch gegenüber einem leitenden Mitarbeiter, der sich Vorwürfen ausgesetzt sieht. Zu den Pflichten des Aufsichtsrates zählt auch, Schaden von der Volkshochschule abzuwenden.

Christoph Oppermann

c.oppermann@goettinger-tageblatt.de

Twitter: @tooppermann

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