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Vegetarisch leben und Spitzensport sind keine Gegensätze

Fleischlos fleißig Vegetarisch leben und Spitzensport sind keine Gegensätze

Passt das zusammen: Sport treiben und vegetarische Ernährung? In Deutschland lebt aktuell durchschnittlich jeder zehnte Bürger vegetarisch – und viele dieser Menschen sind im Sportverein, Fitnessstudio oder privat sportlich aktiv. Frank Kleinsorg und Sönke Henniges (Foto) sind Leistungssportler, die auf Fleisch und Fisch verzichten.

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Sönke Henniges lebt seit drei Monaten vegan: „Ich fühle mich fitter, auch im Kopf.“ Sportlich zurückstecken müsse er nicht. Henniges trainiert seinen Körper nach wie vor täglich.

Quelle: EF

Göttingen. Frank Kleinsorg ist Extremsportler. Er fährt weite Strecken mit dem Fahrrad – und während andere Akteure nach einem Marathonlauf erschöpft zu Boden sinken, hängt der 44-Jährige gern noch einen zweiten Marathon dran. Vor allem aber ist Kleinsorg seit 25 Jahren Vegetarier. Auf die Frage, ob es nötig sei, als Sportler Fleisch und Fisch zu essen, antwortet er: „Zumindest kann ich 100 Kilometer nonstop durch die Berge laufen.“

Damit übertreibt er keineswegs: Kleinsorg ist schließlich mehrfacher Sieger bei der Brocken-Challenge, einem Ultramarathon von Göttingen bis auf den höchsten Berg im Harz. Auf Fleisch verzichtet er aus Überzeugung und moralischen Gründen. „Der Energieaufwand, um ein Kilo Fleisch zu erhalten, ist unglaublich hoch“, sagt er. und weiter: „Mit Soja, Mais und Weizen werden Tiere gefüttert – doch nur zehn Prozent der verfütterten Energie wird in Form von Fleisch zurückgewonnen.“ Darüber hinaus werde in  Deutsche viel Fleisch weggeworfen – mehr als 340 Millionen Kilogramm pro Jahr. Kleinsorg plädiert nicht dafür, „dass man seinen Fleischkonsum einstellt, sondern nur, dass man sich all das, was dahinter steckt, bewusst macht“.

Noch eine Spur extremer als der Läufer lebt der Handballer und Fitness-Sportler Sönke Henniges. Der 20-Jährige ist seit drei Monaten Veganer, verzichtet damit auf sämtliche tierische Produkte – vom Ei bis zum Rumpsteak. „Ich fühle mich fitter – auch im Kopf“, sagt er.  Heniges ist zudem der Meinung, dass er als Veganer „besser in Form“ komme. Fünf bis sechsmal wöchentlich stemmt Henniges Gewichte, viermal pro Woche trainiert er in der ersten Herrenmannschaft des Northeimer HC.

Angst vor Mangelerscheinungen habe er trotz seines Sportpensums keine. Grundsätzlich meide er ungesunde Fette, nehme gute Kohlenhydrate zu sich und Eiweiß. Letzteres bezieht er „aus Hülsenfrüchten wie Linsen und Bohnen“, isst zudem Getreide wie Bulgur, Dinkel, und Quinoa. Henniges ist einer von etwa einer Million Menschen, die in Deutschland vegan leben. Achtmal so viele, also inzwischen durchschnittlich jeder zehnte, sind Vegetarier – Tendenz steigend.
Wie Henniges weiß, ist als vegetarischer oder veganer Sporter „Eisen enorm wichtig“. Es finde sich aber in Amaranth, Rosinen, Spinat, Broccoli und anderem grünen Gemüse. Besonders anfällig für Mangelerscheinungen sind Sportlerinnen, weil sie durch die Monatsblutung viel Eisen verlieren. Ohne künstliche Nahrungsergänzung kommen Veganer aber oft nicht aus: Das Vitamin B12 muss häufig zugeführt werden.

Seiner Linie treu zu bleiben, fällt Henniges nur in einem Augenblick schwer: Abends, wenn er mit seinen Kumpels grillt. Dann behilft er sich mit Maiskolben, Auberginen, Avocados oder Zucchinis. Grundsätzlich kann er „jedem nur raten, eine vegetarische oder vegane Ernährung mal auszuprobieren“. Zumal er nicht nur glaubt, dass es keine Nachteile bringt. Sondern, im Gegenteil, dass Fleischkonsum gesundheitsschädigend sei.

Auch Frank Kleinsorg bewertet die aktuellen Essgewohnheiten in der Gesellschaft kritisch. „Das Grundproblem ist, dass den Menschen die Ernährung – und damit ihr eigener Körper – nicht mehr viel wert ist. Zudem haben viele ihren Instinkt verloren. Sie kaufen nicht mehr das ein, was ihr Körper wirklich braucht“, sagt er.

Bei der Brocken-Challenge ist Kleinsorg nicht nur Teilnehmer, sondern auch einer der Hauptorganisatoren. Und dementsprechend gibt es an den Verpflegungsstationen natürlich konsequent nur Vegetarisches. „Die Teilnehmer sind meine Gäste, und deshalb will ich ihnen natürlich etwas Gutes bieten“, sagt der Mittvierziger. Das Rennen wurde daher spaßeshalber mal von einem Teilnehmer als „längste Biomesse der Welt“ bezeichnet.

Interview mit Dr. Vivien Faustin, Oecotrophologin in der Adipositas-Ambulanz des Universitäts-Klinikums Göttingen - „Fleischlos kann man gut leben“: Sporttreibende Vegetarier sollten auf ihren Körper hören

Sportlich und vegetarisch leben – passt das zusammen, Frau Dr. Faustin?

Auf jeden Fall. Sowohl Sportler als auch Vegetarier geben doch in der Regel Acht auf ihren Körper und haben eine bewusste und gesunde Lebensweise.

Bedeutet das, vegetarisch zu leben, ist gesund – oder gesünder, als es nicht zu tun?

Pauschal lässt sich das schwer sagen: Schokolade ist auch vegetarisch...

Möglich ist es aber?

Man kann fleischlos gut leben! Ich bin allerdings dafür, tierisches Eiweiß zu nutzen – zum Beispiel aus Milchprodukten. Als Veganer muss man sehr genau aufpassen, was man isst.

Und als sporttreibender Vegetarier – gilt es da etwas zu beachten?

In der Regel sagt der Körper einem, ob alles gut ist. Man muss also nur auf ihn hören. Bei Eisen und Vitamin B12 muss man jedoch immer genau schauen.

Eisen findet sich unter anderem in Beeren. Und das B12-Vitamin?

Es ist hauptsächlich in tierischem Fleisch – als Veganer kann man es über Hefeextrakte oder Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. Es gibt auch spezielle Zahnpasta, die das Vitamin beinhaltet. Aber die kann ich nun wirklich nicht empfehlen.

Ernährung: Frutarier und Veganer

Die Zahl an Vegetariern und Veganern wächst. 1983 verzichteten lediglich 0,6 Prozent der deutschen Bevölkerung auf Fleisch und Fisch, aktuell sind es fast zehn Prozent. Auch die Anzahl an verschiedenen Auslegungen wächst stetig. Das Wort „Vegetarier“ stammt aus der englischen Bezeichnung für Gemüse, nämlich „vegetable“, beziehungsweise dem Wort „Vegetation“.
! Vegetarier: Verzichten auf Lebensmittel von getöteten Tieren, also auf Fleisch und Fisch.
! Veganer: Verzichten zusätzlich auf alle tierischen Produkte wie Milch, Eier und Honig sowie auch auf tierische Produkte wie Leder oder Wolle.
! Flexitarier: Werden auch als Teilzeit-Vegetarier bezeichnet. Sie sind sich der Folgen des Fleischkonsums bewusst und reduzieren ihn, ohne ihn gänzlich einzuschränken.
! Frutarier: Essen lediglich Früchte von Pflanzen, die bei der Ernte nicht sterben müssen – und greifen damit vor allem auf Obst und Nüsse zurück. Akribische Frutarier essen die Früchte sogar nur, wenn sie auf schon vom Busch oder Baum gefallen sind.
! Pescetarier: Essen zwar Fisch und Meeresfrüchte, nicht aber Fleisch von Landtieren. Grund dafür ist in der Regel die aus ihrer Sicht unwürdige Haltung der Tiere.

Fleischverzicht: Spitzensportler machen es vor

Tennisspielerin Martina Navratilova, Leichtathlet Carl Lewis und Triathlet Dave Scott: Sie alle haben sich für eine vegetarische Ernährungsweise während ihrer Karriere entschieden. Der 1954 geborene Scott  trägt den Spitznamen „The Man“ und galt während seiner sportlichen Karriere als einer der fittesten Menschen der Welt: Er entschied den prestigeträchtigen Iron-Man-Triathlon auf Hawaii insgesamt sechsmal für sich. Er selbst bezeichnete die Annahme, dass man Fleisch essen müsse, um erfolgreich Sport zu treiben, als „lächerlichen Irrtum“. Kritiker raten dagegen: Man könne ja nicht wissen, ob die Akteure ohne ihren Verzicht auf Fleisch nicht noch erfolgreicher gewesen wären.

Von Timo Holloway

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